20.07.2021, 08.06 Uhr

Todes-Flut in Deutschland: Über 160 Tote! Doch Warn-SMS dürfen NICHT verschickt werden

Auch wenn plötzlich viele helfende Hände und pragmatische Sofort-Lösungen da sind: Beim Krisenmanagement ist in Deutschland noch Luft nach oben. Eine Warn-SMS darf zum Beispiel nicht verschickt werden.

Ahrweiler wurde von der Flut-Katastrophe schwer getroffen. Bild: picture alliance/dpa

Warnen - Retten - Versorgen, darum geht es im Katastrophenschutz. Wenn die akute Phase beginnt und sich kleine Flüsse in reißende Fluten verwandeln, wie bei der aktuellen Flut-Katastrophe mit unzähligen Toten. Trotz der enormen Hilfe, die Feuerwehr, Bundeswehr, THW-Helfer und andere in den Überflutungsgebieten Deutschlands seit Tagen leisten, gibt es auch Schwachpunkte und strukturelle Defizite.

Katastrophen-Warnung regeln Bundesländer: Ansage in Radio und Fernsehen, Sirenen, Lautsprecher

Die Behörden setzen hier auf einen Mix: Gewarnt wird im Radio und im Fernsehen. Oder die Feuerwehr ist mit Lautsprecher-Wagen unterwegs. In einigen Gemeinden heulen die Sirenen. Den Rahmen setzen die Landesregierungen. Denn in Deutschland ist der Bund nur für den Bevölkerungsschutz im Verteidigungsfall zuständig. In Friedenszeiten machen das die Länder. Die Warnung im akuten Krisenfall ist Aufgabe der Landräte und Feuerwehr-Leitstellen. Diese Aufteilung finden viele Bundespolitiker überholt - auch weil Extremwetter-Ereignisse inzwischen häufig größere Gebiete betreffen.

Lesen Sie auch: Peinlich! Steinmeier spricht über Flut-Opfer - Laschet lacht im Hintergrund

Keine Warnung per App bei Flut-Katastrophe in Ahrweiler

Bundesweit verfügbar sind die Warn-App Nina des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) und die von Fraunhofer Fokus entwickelte Katwarn-App. Wer in Erftstadt wohnt, hat über Nina beispielsweise am vergangenen Mittwoch von der Leitstelle Rhein-Erft-Kreis eine "Gefahreninformation" erhalten mit dem Hinweis "Bleiben Sie möglichst Zuhause". Einen Tag später kam dann der Hinweis "Dammbruch. Extreme Gefahr". Die Anwohner der Ortsteile Blessem und Bliesheim wurden aufgefordert, elektrische Geräte auszuschalten, das Gebäude zu verlassen und sich an einen sicheren Ort zu begeben.

In Ahrweiler, wo die Fluten ebenfalls furchtbare Verwüstungen anrichteten, gab es über die Nina-App keine vergleichbare Gefahrenmeldungen der Leitstelle des Kreises. Wer den Ort Bad Neuenahr-Ahrweiler in der Katwarn-App abonniert hatte, erhielt am vergangenen Mittwoch um 23.09 Uhr vom Landkreis Ahrweiler die Warnung "Aufgrund der starken Regenereignisse sollen die Bewohnerinnen und Bewohner der Städte Bad Neuenahr-Ahrweiler, Sinzig und Bad Bodendorf, die 50 m rechts und 50 m links von der Ahr wohnen, ihre Wohnungen verlassen."

Katastrophen-Alarm kommt nicht an: Warn-SMS dürfen in Deutschland nicht verschickt werden

Nicht jeder Mensch in Deutschland hat ein Smartphone und nicht alle Smartphone-Nutzer haben eine Warn-App installiert. Der Landkreistag schlägt deshalb vor, SMS zu verschicken. Damit auch Menschen, die einfache Handys nutzen, erreicht werden. Allerdings kommt auch so eine Warnung per SMS nicht an, wenn Sturm oder Flutwasser die Mobilfunkmasten umreißt. Ein weiteres Problem: Die dafür nötige Cell-Broadcast-Technik wird hierzulande nicht benutzt, "wurde schon Anfang der 2000er-Jahre abgeschaltet", schreibt die "Bild-Zeitung".

Dazu kommt, natürlich möchte man sagen, eine bürokratische Hürde. "Massen-SMS dürfen in Deutschland nur an Empfänger verschickt werden, die dem vorher ausdrücklich zugestimmt haben.", schreibt die "Bild" mit Verweis auf die Corona-Ausnahme. Zudem sei es eine "extrem teure Technik", wie Armin Schuster, Chef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), zuletzt im Deutschlandfunk erklärte. Eine Einführung würde "30–40 Millionen Euro" kosten. Offenbar zu viel, um potenziell noch mehr Menschenleben zu retten.

Folgen Sie News.de schon bei Facebook und YouTube? Hier finden Sie brandheiße News, aktuelle Videos, tolle Gewinnspiele und den direkten Draht zur Redaktion.

rut/news.de/dpa