Kriminalität: 15 Zimmer, großer Bedarf - der Kampf um das erste Frauenhaus
Als das erste Frauenhaus der Bundesrepublik 1976 in Berlin öffnete, war es innerhalb einer Woche voll. Wie die Gründerinnen trotz Widerständen einen Schutzraum für Frauen und Kinder schufen.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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"Er drohte, wenn ich mich tatsächlich scheiden ließe, würde er mich umbringen und die Kinder bekäme ich nur tot" - das berichtet die damals 32-jährige Ärztin Rosemarie K. im Schutz des Westberliner Frauenhauses - des ersten Frauenhauses der Bundesrepublik, das vor 50 Jahren seine Türen öffnete, in einer Gründerzeitvilla in Berlin-Grunewald.
"Wir hatten schon drei Monate vorher die ersten Frauen drin", erzählt eine frühere Mitarbeiterin im Rahmen des Projekts
Leben nach dem Frauenhaus
. "Innerhalb einer Woche war das Haus rappelvoll." Es war chaotisch, aber der Bedarf war groß: Teilweise wohnten etwa 15 Menschen in einem 20-Quadratmeter-Zimmer. Angriffe von Ex-Partnern, Anfeindungen und auch Brandanschläge auf das Frauenhaus seien immer wieder vorgekommen, heißt es in dem Buch "Wir haben nichts mehr zu verlieren ... nur die Angst!" über die Geschichte der Frauenhäuser in Deutschland von Franziska Benkel.
"Das erste Frauenhaus war natürlich ein Meilenstein für die damalige Frauenrechtsbewegung", sagt Maria Schrammen, Referentin für Häusliche und Sexualisierte Gewalt bei terre des femmes. "Weil dadurch erstmals ein öffentlich geförderter Schutzraum für Frauen, aber auch ihre Kinder geschaffen wurde." Vor allem gab es aber auch für die Frauen die Möglichkeit, etwas zur Ruhe zu kommen und die nächsten Schritte zu planen.
Die Eröffnung war nicht einfach. Gewalt in der Familie sei in den 1970er kein Thema gewesen, über das öffentlich gesprochen worden sei, schreibt Benkel. Eine Betroffene, die damals 34-jährige Elisabeth R., die im ersten Frauenhaus Schutz fand, berichtet etwa: "Hilfe von Außenstehenden konnte ich nicht erwarten, weil ich auch annahm, dass ich allein mit diesem Problem bin".
"Schreien nützt nichts. Brutalität in der Ehe"
Erst die Frauenbewegung änderte das. Entscheidend dafür, das Thema Gewalt in der Partnerschaft in die Öffentlichkeit zu bringen, sei die Filmemacherin Sarah Haffner gewesen, schreibt Benkel. Haffners Dokumentarfilm "Schreien nützt nichts. Brutalität in der Ehe", in dem neben Betroffenen auch Personal aus dem medizinischen und sozialen Dienst sowie der Strafverfolgung zu Wort kamen, löste eine so große Betroffenheit aus, dass das Thema politisch nicht mehr zu ignorieren war.
"Kommt es häufig vor, dass Frauen hier ins Krankenhaus kommen, weil sie von ihren Männern zusammengeschlagen werden?", wird ein Arzt eines Berliner Krankenhauses in dem Film gefragt. Er habe das nicht statistisch untersucht, antwortet er, aber ein- bis zweimal am Tag komme das schon vor. Eine Krankenschwester sagt in einem Interview, sie verstehe nicht, warum die betroffenen Frauen "da nicht weggehen".
Wirtschaftliche Abhängigkeit
Eine Trennung bedeutete in den 1970er Jahren wegen der wirtschaftlichen Abhängigkeit mit ziemlicher Sicherheit den sozialen Abstieg. "Einmal war ich bei Bekannten. Ich habe alles versucht, eine Wohnung zu bekommen, aber dann hatte ich keinen Kindergartenplatz, keine Arbeit und somit auch kein Geld", berichtet eine weitere Betroffene im ersten Erfahrungsbericht von 1978 zum Westberliner Frauenhaus, den das Buch von Benkel aufgreift.
Und Außenstehende konnten bei Gewalt wenig tun: Misshandlungen galten lange als Ehestreitigkeiten, und somit als Privatsache, wie Benkel schreibt. Die Frauenbewegung musste sich auch gegen Argumente zur Wehr setzen, wie dieses: Die Eröffnung eines Frauenhauses würde Frauen erst dazu verleiten, die Familie zu verlassen. "Dass wir heute selbstverständlich über häusliche Gewalt als Menschenrechtsverletzung sprechen, ist auch das Ergebnis von jahrzehntelangen feministischen Kämpfen", sagt Schrammen von terre des femmes.
Ein Vorbild war in gewisser Weise das erste europäische Frauenhaus in London, das Chiswick Women's Aid. Doch die Berliner Frauenhausbewegung wollte einiges anders machen. Spenden waren wichtig, aber: "Wir wollten, dass der Staat dafür aufkommt", sagt die ehemalige Mitarbeiterin. Denn der Staat sei - neben den Männern - in der Verantwortung.
Gleichzeitig sollte das Haus autonom und ausschließlich den Interessen der dort lebenden Frauen verpflichtet sein. Unterstützung bekamen die Feministinnen letztendlich von der Berliner Familiensenatorin Ilse Reichel und Bundesfamilienministerin Katharina Focke (beide SPD). Der Bund übernahm 80 Prozent, Westberlin 20 Prozent der Kosten.
Für zunächst drei Jahre sollte eine Summe von 450.000 DM bereitgestellt werden, wie Benkel schreibt. Voraussetzung war demnach die Gründung eines Trägervereins und die wissenschaftliche Begleitung des Projekts.
Die Villa in Grunewald, die als Frauenhaus offiziell am 1. November 1976 öffnete, war ein ehemaliges Deutsches-Rotes-Kreuz-Heim. Es gab Gemeinschaftseinrichtungen wie die Küche im Keller, einen großen Garten und einige Möbel. Die Monatskaltmiete betrug 6.000 DM. Einen Monat vor Eröffnung gab es einen Rohrbruch, die Heizung funktionierte nicht.
"Alles musste jetzt gleichzeitig passieren", schreibt Benkel, "das Haus einrichten, Telefonanrufe beantworten, Frauen und Kinder empfangen und auf Behörden und Ämter begleiten sowie das Netzwerk aus Anwält*innen und Ehrenamtlichen organisieren."
Zu Tages- und Nachtzeiten seien Frauen angekommen, und keine sei abgewiesen worden. Nur drogenabhängige Frauen seien an zuständige Institutionen weitergeleitet worden. Benkel: "Sowohl für Mitarbeiterinnen als auch Bewohnerinnen war die Situation komplett neu und extrem herausfordernd."
Anlässe: "Trunkenheit, Eifersucht, Jähzorn"
Im ersten Jahr suchten 615 Frauen mit 730 Kindern Schutz und Beratung, heißt es im Buch. Misshandelt von Ehemännern, Freunden oder Ex-Männern, einige von Vätern oder Söhnen. "Als Anlässe wurden Trunkenheit, Eifersucht, Jähzorn, Schulden, Arbeitslosigkeit und Schwangerschaft genannt."
"Wir fühlten uns wie in einer großen Familie, sicher und geborgen", heißt es im Erfahrungsbericht des Frauenhauses. "Das Wichtigste: es gibt Sicherheit vor dem tobenden Ehemann, aber keine Bevormundung, ganz egal durch wen". Eine Mitarbeiterin berichtet im Projekt Leben nach dem Frauenhaus: Das Positive sei gewesen, zu erfahren, welche Kraft die Frauen haben.
Das Frauenhaus schloss im Jahr 2000, weil der zuständige Trägerverein sich auflöste. Aus der selbstorganisierten Bewegung ist eine dauerhafte politische Interessenvertretung geworden. Heute gibt es in Berlin elf Frauenhäuser und bundesweit rund 400 Frauen- und Kinderschutzhäuser sowie Zufluchtswohnungen, wie der Verein Frauenhauskoordinierung e.V. für 2025 aufgelistet hat.
Mehr als 13.000 Frauen suchten 2025 Zuflucht
Im vergangenen Jahr suchten laut Frauenhauskoordinierung mehr als 13.000 Frauen und mehr als 15.000 Kinder und Jugendliche Zuflucht in einem Frauenhaus. Nach der Istanbul-Konvention müsste Deutschland eigentlich fast 20.000 Plätze bereithalten, laut der Statistik 2025 gibt es aber nur circa 7.800.
Heute sei beim Ausbau von Frauenhausplätzen neben einer verlässlichen Finanzierung insbesondere die Erreichbarkeit wichtig, sagt Schrammen. Oft werde kein Platz in der unmittelbaren Umgebung gefunden, und Frauen würden an andere Orte verwiesen. Das 2025 beschlossene Gewalthilfegesetz sei ein historischer Fortschritt. Ab Januar 2027 müssen die Länder ein flächendeckendes Netz von Schutz- und Beratungsangeboten sicherstellen.
Schrammen fordert, Präventionsarbeit müsse dringend gestärkt werden. "Wenn eine Frau ins Frauenhaus kommt, ist die Gewalt schon eskaliert." Nötig seien verpflichtende Schulungen von Polizei, Richtern, Staatsanwaltschaft, um für das Thema zu sensibilisieren und Warnsignale früher zu erkennen. Aber auch bei der Täterarbeit - also mit dem Ziel, Gewalt vorzubeugen.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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