Kriminalität: Betäubt, vergewaltigt und gefilmt - Was treibt Täter an?
Der Missbrauchsskandal der Französin Gisèle Pelicot hat in Deutschland viele erschüttert. Aber auch hierzulande werden immer öfter Fälle bekannt von Frauen, die betäubt und vergewaltigt werden.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Sie betäuben die Frauen heimlich, vergewaltigen sie und filmen ihre Opfer, um sich daran später zu ergötzen oder die Taten im Netz zu verbreiten. Der Missbrauchsskandal der Französin Gisèle Pelicot hat weltweit für Entsetzen gesorgt - längst ist klar, dass es sich um keinen Einzelfall handelt. In Berlin steht derzeit ein 68-Jähriger vor Gericht, der sich nach den Ermittlungen an insgesamt 58 Frauen vergangen haben soll. Die Opfer erfuhren erst im Rahmen der Ermittlungen, was ihnen angetan wurde.
Doch was treibt die Täter an? Geht es möglicherweise um eine spezifische Form von Ausbeutung und Macht? "Im Prinzip geht es bei jeder Vergewaltigung ganz maßgeblich um Macht und nicht um sexuelle Befriedigung", sagt Kriminologin Daniela Klimke, Professorin an der Polizeiakademie Niedersachsen.
Bei Taten, bei denen Frauen betäubt, vergewaltigt und gefilmt werden, komme eine besonders weitreichende Form der Kontrolle hinzu: "Durch die Sedierung kann die Frau die Tat weder abwehren noch währenddessen wahrnehmen und sich häufig anschließend auch nicht daran erinnern", so Klimke.
Täter besitzt besonderes Wissen
"Der Täter verfügt damit über sie und ihren Körper und zusätzlich über Aufnahmen der Tat. Er besitzt ein Wissen und Bilder, über die die betroffene Frau selbst zunächst nicht verfügt." Das Filmen füge der sexualisierten Gewalt eine weitere Dimension hinzu. "Der Täter kann die Aufnahmen später erneut betrachten, archivieren oder weitergeben. Dadurch wird die Tat über den eigentlichen Tatzeitpunkt hinaus verlängert", erklärt Klimke.
In digitalen Tätergemeinschaften könnten die Aufnahmen zudem eine Trophäenfunktion annehmen. "Sie können dort als Beleg der Tat und als Mittel sozialer Anerkennung dienen", erläuterte die Kriminologin und Soziologin mit sexualwissenschaftlichem Forschungsschwerpunkt.
Wenig Forschung zu dem Thema
Klimke leitet seit dessen Gründung im Jahr 2021 das Institut für Kriminalitäts- und Sicherheitsforschung. Sie forscht zu Somnophilie, dem sexuellen Interesse an schlafenden beziehungsweise bewusstlosen Personen, und zu den Übergängen zwischen gemeinsam vereinbarten Praktiken und sexualisierter Gewalt. Auslöser war nach ihren Angaben der Fall Pelicot. "Obwohl inzwischen eine Reihe solcher Fälle öffentlich bekanntgeworden ist, gibt es dazu bislang nur sehr wenig empirische Forschung", erklärt Klimke.
Laut Kriminalstatistik registrierte die Polizei im Jahr 2025 bundesweit 14.454 Fälle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung oder sexuellen Übergriffen im besonders schweren Fall. Im Vergleich zum Vorjahr war das eine Steigung von 8,5 Prozent. Die Täter stammen laut Bundeskriminalamt (BKA) meist aus dem sozialen Nahfeld, sind also Freunde, Bekannte, Partner oder Ex-Partner. Viele Taten werden allerdings gar nicht erst angezeigt.
Angaben dazu, in wie vielen Vergewaltigungsfällen beispielsweise K.-o.-Tropfen eingesetzt werden, liefert die Statistik nicht. Es gibt jedoch Untersuchungen, bei denen Erfahrungen mit solchen Tropfen abgefragt werden, etwa die BKA-Studie Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA).
Foren und Pornoplattformen untersucht
Kriminologin Klimke begann im vergangenen Jahr sich mit Communitys zu befassen, in denen sich Menschen über entsprechende sexuelle Interessen, Fantasien und Praktiken austauschen. Dafür untersuchte sie nach eigenen Angaben unter anderem Beiträge auf Plattformen und analysierte Darstellungen und Suchergebnisse.
Bildmaterial zur Somnophilie sei auch auf gängigen Pornoplattformen zu finden. Es gebe durchaus Formen solcher Sexualpraktiken, die vorher vereinbart und in ihren Grenzen festgelegt würden, so Klimke. "Zur sexualisierten Gewalt wird es, wenn eine solche Zustimmung nicht vorliegt oder die vereinbarten Grenzen überschritten werden."
Im Fall von Pelicot, war es ihr damaliger Ehemann, der sie über knapp zehn Jahre mit Medikamenten betäubt, missbraucht und Dutzenden Fremden zur Vergewaltigung angeboten hatte. Neben ihrem Ex-Mann wurden 50 Mittäter im Jahr 2024 zu langen Haftstrafen verurteilt. Pelicot setzte sich seinerzeit für ein öffentliches Verfahren ein, "damit die Scham die Seite wechselt". Den Tätern wirft die 73-Jährige vor, bewusst eine regungslose, nicht einwilligungsfähige Frau sexuell missbraucht beziehungsweise vergewaltigt zu haben.
"Pelicot ist kein Einzelfall", betonte Richter Markus Koppenleitner im April, als das Landgericht München I einen Studenten aus China zu elf Jahren und drei Monaten Haft verurteilte. Er hatte seine Freundin mit Narkosemitteln betäubt, vergewaltigt und dabei gefilmt. "Das ist kein chinesisches und auch kein französisches Phänomen, sondern auch ein Phänomen in Deutschland und letztlich auch weltweit."
Internationale Ermittlungen zu Online-Netzwerk
Wie recht er hat, zeigen internationale Ermittlungen: Anfang Juli gingen Fahnder gezielt gegen Online-Netzwerke von Männern vor, die ihre Partnerinnen betäuben, sexuell missbrauchen und Aufnahmen des Missbrauchs ins Netz stellen. 156 mutmaßliche Opfer und Täter seien identifiziert worden, teilte Europol in Den Haag mit. An dem "Projekt Medusa" waren maßgeblich das Bundeskriminalamt (BKA) und das Hamburger Landeskriminalamt beteiligt.
In Berlin beschäftigt mit dem Prozess gegen den 68-Jährigen binnen weniger Wochen erneut eine Vergewaltigungs-Serie das Landgericht. Erst im Juli ist ein 32-Jähriger aus China zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, der nach Überzeugung der Richter einem Missbrauchs-Netzwerk angehörte. Der inzwischen promovierter Mediziner gab laut Urteil in einer Chatgruppe medizinische Ratschläge zur Sedierung von Opfern.
Bereits zum dritten Mal seit 2025 soll sich ab dem 9. November in Berlin ein Mann vor Gericht verantworten, der die hilflose Lage bewusstloser Frauen ausgenutzt und sexuelle Übergriffe gefilmt haben soll. Der heute 39-Jährige wurde zunächst wegen der Vergewaltigung einer bewusstlosen Abiturientin verurteilt. In dem Verfahren sorgte das Gericht damals dafür, dass ein Handy des Angeklagten durch die Polizei vollständig ausgewertet wurde - in der Folge wurden weitere Taten aufgedeckt.
Vernetzung hinterlässt digitale Spuren
Laut Oberstaatsanwalt Sebastian Büchner, Leiter einer Abteilung für Sexualdelikte, hat der Fall Pelicot in Berlin nicht zu einer Zuname von Anzeigen geführt. Allerdings sei eine höhere Sensibilisierung zu beobachten. Zudem gelte: Wenn den Ermittlern der Einstieg in eine Chat-Gruppe gelungen ist, können sie schnell auf weitere Verdächtige und mutmaßliche Opfer stoßen.
Bislang sei nicht bekannt, ob es eine Zunahme solcher Taten gebe, sagt Kriminiologin Klimke. Sie würden aber sichtbarer, weil Plattformen und einschlägige Chats ganze Netzwerke offengelegt hätten. Zugleich hinterlasse diese Vernetzung digitale Spuren. "Wir müssen deshalb damit rechnen, dass noch weitere Fälle bekannt werden - nicht zwingend, weil die Taten neu sind, sondern weil diese Netzwerke jetzt systematisch ausgeleuchtet werden."
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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