Eurovision Song Contest 2026: Sarah Engels: Deutschlands ewig Unterschätzte
Als Sarah Engels für den ESC nominiert wurde, fanden das einige langweilig. Doch die Skepsis entlarvt eher die Vorurteile gegenüber einer Frau, die schon erstaunlich viel zustande gebracht hat.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Wer Sarah Engels sucht, findet sie meistens in perfekt ausgeleuchteten Instagram-Storys zwischen Familienidylle und gut platzierten Werbebotschaften. Als die Sängerin vor etwa fünf Jahren die Verlobung mit ihrem heutigen Ehemann Julian publik machte, pries sie kurz vorher noch Sportklamotten an. Das macht es leicht, sie als reine Lifestyle-Figur abzutun. Zumal die Ablehnung von allem, was aus dem Casting-Kosmos kommt, in Deutschland verbreitet ist.
Womöglich ist dieser Blick auf die Sängerin aus Köln, die 2011 durch die RTL-Show "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) bekannt wurde, aber etwas schief. Und außerdem ist gerade ein guter Zeitpunkt, einmal genauer hinzusehen. Am Samstag vertritt Engels Deutschland beim Eurovision Song Contest (ESC) in Wien. Also: Wer ist die Frau?
"Ich bin wahrscheinlich das perfekte Beispiel dafür, eben nicht perfekt zu sein", sagt Engels in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. "Ich bin keine perfekte Mutter und keine perfekte Ehefrau – aber ich bin jemand, der immer wieder aufsteht."
Vom Boulevard zurück auf die Bühne
Man kann sich zusammenreimen, was das bedeutet. Die Karriere der Sängerin begann nicht unbedingt unter Vorzeichen, die auf eine lange Verweildauer im deutschen Unterhaltungsbetrieb hindeuteten.
2011 sang sich Engels zwar bis in das Finale von DSDS vor - der Auftritt wurde aber von etwas überlagert, das im deutschen Fernsehen immer stärker wirkt als jede Stimme: eine Beziehungsgeschichte. Sie und ihr damaliger Konkurrent Pietro Lombardi hatten sich im Verlauf der Show verliebt. Im Finale wurden beide wie ein Hochzeitspaar inszeniert, Pietro in einem kuriosen Trainingsjacken-Anzug. Eine Art Fiebertraum des deutschen Casting-Fernsehens.
Es folgten Heirat, Kind - und eine sehr öffentliche Trennung. Der Name des gemeinsamen Sohnes Alessio wurde so etwas wie ein Meme der 2010er Jahre ("Hauptsache Alessio geht's gut").
Wer so etwas erlebt hat, tritt öffentlich eigentlich nur noch in Klatschspalten auf, nicht mehr bei Konzerten. Bei Engels - die auch den zeitweise angenommenen Nachnamen Lombardi wieder ablegte - war es anders. Sie eroberte sich die Deutungshoheit über ihre Karriere zurück.
In den Folgejahren zeigte sie, dass sie sowohl Talent als auch Disziplin hat - was gerade in Deutschland immer noch wichtig ist, um ernst genommen zu werden. Sie tanzte bei "Let's Dance", wurde für eine andere Fernsehshow Eisläuferin ("Dancing on Ice") und triumphierte sogar bei "Das große Promibacken" mit einer "fulminanten, zweistöckigen "Löwen-Torte"", wie man bis heute nachlesen kann. Als sie 2020 die Musikshow "The Masked Singer" gewann, dürfte ein gängiger Kommentar vor dem Fernseher gewesen sein: "Wow, wusste nicht, dass die so gut singen kann".
Der ESC als Bewährungsprobe
Mittlerweile ist Engels auch Schauspielerin ("Das Traumschiff", "Die Tänzerin und der Gangster"), Musical-Hauptdarstellerin ("Moulin Rouge!") und hat bei Instagram rund 1,8 Millionen Follower. Kurz gesagt: Oft wird sie als "Promi" belächelt, während sie faktisch in vielen Entertainment-Sparten Fuß gefasst hat.
Eine Stütze in all den Jahren war ihre Mutter, wie sie sagt. Die gebe ihr ständig Tipps, auch wenn sie von der Branche gar keine Ahnung habe. "Dann sagt sie Sachen wie: "Sarah, sing doch mal auf Italienisch!" Oder wenn sie irgendwo eine Schlagzeile über mich liest, die ihr nicht passt, will sie sofort zum Hörer greifen und das für mich regeln", erzählt Engels. Es sei dann wirklich kurz davor, dass in einer Redaktion das Telefon klingle. "Das ist einfach dieser pure Mama-Instinkt", sagt Engels.
Tatsächlich läuft auch mal etwas schief. Kürzlich äußerte sich die Sängerin zu einem Video, für das sie mit Kindern in Südafrika gesungen hatte. Kritisiert wurde etwa, dass sie die Kinder für ihren Content instrumentalisiert habe.
Engels erklärte, sie habe gute Absichten gehabt, verstehe aber auch, dass "die Art, wie ich diesen Moment geteilt habe, sensibel ist und missverstanden werden kann". Sie sei im Rahmen ihrer Stiftung in Südafrika gewesen, mit der sie Frauen und Mädchen stärken wolle. Engels nahm das Video offline.
Zu glatt, um glaubwürdig zu sein?
In diesem Moment bekam sie womöglich auch die Wucht zu spüren, die eine Nominierung als ESC-Act mit sich bringt. Skeptiker gibt es genügend. Ihr erster Auftritt im ESC-Halbfinale war zwar technisch nahezu perfekt - punktgenau ließ sie sich etwa von einem Sockel rücklings in die Arme ihrer vier Tänzerinnen fallen. Alle loben ihre Professionalität und ihren Fleiß. Aber Musik ist mehr Handwerk. Wo hört Perfektion auf und wo fängt Beliebigkeit an?
Dazu passt, dass ihr ESC-Lied eine konsequent durchchoreographierte Tanz-Nummer mit feministischer Botschaft ist - also genau das, was gerade angesagt scheint im Pop-Business. Engels selbst betont: "Wir Frauen werden oft dazu erzogen, eher leise zu sein, uns anzupassen und bloß nicht zu sehr anzuecken. Mein Song sagt genau das Gegenteil: Wir dürfen laut sein, wir dürfen brennen, und wir müssen uns nicht verstellen." Diese Botschaft sei ihr wichtig.
Jeder Ton wird perfekt sitzen
Ganz sicher ist der ESC der vorläufige Höhepunkt ihrer Karriere. "Wenn ich an die kleine Sarah denke, die damals mit drei Jahren mit ihrem Spielzeug-Mikro im Zimmer stand – die hätte niemals geglaubt, dass sie mal für Deutschland beim ESC dabei sein darf", gibt sie zu.
Vieles wird davon abhängen, auf welchen Platz sie sich singt. Wovon man ausgehen kann: Jeder Ton und jede Bewegung werden perfekt sitzen. Für Engels könnte es der Moment sein, in dem eine Karriere, die lange unterschätzt wurde, erstmals anders erzählt wird.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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