Frankfurt / Main: Wolf Biermann live - "Es berührt mich, wie blöde ich war"

Wolf Biermann wird in Kürze 90. In Frankfurt beweist er: Er ist immer noch das alte, unverwüstliche Bühnentier, das auf einmalige Weise eine Verbindung zum Publikum herzustellen weiß.

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Die Frankfurter Skyline. Aktuelle Nachrichten aus und über Frankfurt am Main hier auf news.de. Bild: Adobe Stock / Manuel Schönfeld

Wolf Biermann mustert sein Publikum. Mit der flachen Hand schirmt er die Augen gegen das Scheinwerferlicht ab und lässt den Blick durch die Reihen schweifen. "Ja, es wimmelt von echten Freunden und falschen Feinden", stellt er befriedigt fest. Man hat den Eindruck, ganz persönlich von ihm in Augenschein genommen zu werden. Den direkten Kontakt zum Publikum, den kann er immer noch herstellen wie kaum ein anderer. Das merken sie hier auf der Frankfurter Buchmesse schon in den ersten Minuten.

Nachdem er ein paar bekannte Gesichter ausfindig gemacht hat, fängt er an zu erzählen. Aber nicht nur das. Er rudert mit den Armen, er spricht mit verstellter Stimme, er bekommt einen Lachanfall. Er schreit, er schlägt sich gegen den Kopf, er verfällt in brütendes Schweigen. Biermann, das Bühnentier. Grauweißes Haar, wacher Blick und der unverkennbare Schnauzbart, den er als Markenzeichen mit Günter Grass teilte. Zwischendurch nimmt er immer wieder die Brille ab, beugt sich vor, um seine Zuhörer besser sehen zu können. "Ihr wisst, was ich meine?" Das hier ist keine One-Man-Show, es ist ein Dialog.

Zwei sehr runde Jahrestage in einem Monat

Dass Biermann in so großem Rahmen auf der Buchmesse auftritt, hat einen besonderen Grund: Bei ihm stehen im kommenden Monat zwei sehr runde Jahrestage an. Einmal sein 90. Geburtstag am 15. November und dann tags darauf der 50. Jahrestag seiner Ausbürgerung aus der DDR. Diese war 1976 während eines Besuchs in Westdeutschland erfolgt. Das SED-Regime entschied, wie er es ausdrückt, nach dem Motto: "Nicht Bautzen, sondern Westen!"

Zu den beiden Jubiläen meldet sich der Wort- und Musikkünstler mit einer Serie von Veröffentlichungen zurück - zwei Alben, drei Bücher, ein Kinofilm und mehrere Konzerte. Man kann wohl sagen: Es herrscht noch einmal Biermann-Mania im vereinigten Deutschland. Der Abend in Frankfurt, veranstaltet von der Messe, dem Penguin Verlag und der Deutschen Presse-Agentur, ist vor allem den Büchern gewidmet. Es geht um den ersten Band seiner Tagebücher, einen neuen Gedichtband und die Neuauflage eines Kinderbuchs. Und zwischendurch auch um die Aktualität.

Biermanns Kommentar zu Sachsen-Anhalt

Von dpa-Chefredakteur Sven Gösmann danach gefragt, ob die Wahl von Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten von Sachsen-Anhalt der Beginn des Weges in die "Magdeburger Republik" sei, verweist Biermann darauf, dass die "Erbin der Stalin'schen Diktatur", Sahra Wagenknecht, den AfD-Mann habe mitwählen lassen. "Das passt doch prima. Ein ideales Liebespaar: einer des anderen Strafe."

Lernen die Deutschen nichts dazu? Der Mann, von dem die "New York Times" sagt, niemand stehe so sehr wie er für die deutsch-deutsche Geschichte, schweigt dazu erst mal länger. "Ich weiß es wirklich nicht", gibt er zu. "Wir müssen wahrscheinlich dazulernen, dass die Menschen immer nichts dazulernen." Der Freiheitskrieg sei so alt wie die Menschheit und doch nie zu Ende. "Das soll mich nicht beruhigen, es soll nur dafür sorgen, dass ich nicht hysterisch werde."

Biermann kann nur schwer sitzen bleiben. Er steht auf, er muss näher an sein Publikum ran, das er selbstverständlich duzt. Mitunter muss ihn Interviewer Gösmann auf seinen Stuhl zurückbeordern: "Bleiben Sie sitzen! Ruhen Sie sich aus!" Aber dieser Mann scheint keine Ruhe nötig zu haben.

Biermann kann auch gut über sich selbst spotten

Wenn Biermann über sich selbst spricht, dann ist viel Selbstspott mit dabei. Dass er leichte Tendenzen zur Weitschweifigkeit entwickelt, weiß er selbst. Dann ist er froh, wenn Konzertgitarristin Nora Buschmann übernimmt: "Nora, spiel das weg alles!" Ihre Musik sei so viel besser als sein "Gequassel".

Seine Schwiegertochter, die Schauspielerin Anita Iselin, liest so gut aus seinen Tagebüchern, dass er selbst lachen muss, so als würde er alles zum ersten Mal hören. Die Tagebücher beginnen 1961 - damals war er noch überzeugter Kommunist. "Es berührt mich, wie blöde ich war." Am stillsten wird es, als er über seinen jüdischen Vater Dagobert erzählt. Ermordet in Auschwitz. Weil der Vater Kommunist gewesen sei, habe er seine Ideale später unbedingt umsetzen wollen, erklärt er.

Ein ganz besonderer Moment zum Abschluss

Biermann gibt seinem Publikum das Gefühl, mit ihm daheim am Kamin "familiär zusammenzusitzen", wie er es nennt. "Kennt ihr das Wort Schluffenkino?" Ach nein, er wollte ja eigentlich über was ganz anderes reden.

Am Ende greift der fast 90-Jährige auf Gösmanns Wunsch hin selbst zur Gitarre. Vorbereitet sei das ja nicht, brummt er. Aber egal: "Wir kriegen das schon irgendwie hin." Er nimmt das Instrument, setzt sich auf einen roten Plüschwürfel, und los geht's. Er spielt "Ermutigung", seinen legendären Titel, der auch schon fast 60 Jahre alt ist. Die Vorzeichen, unter denen er heute gesungen wird, sind andere als damals, doch alles passt nach wie vor. "Du, lass dich nicht erschrecken in dieser Schreckenszeit. Das woll'n sie doch bezwecken, dass wir die Waffen strecken schon vor dem großen Streit."

Bravo-Rufe, Ovationen. Biermann stapft von der Bühne. "War nicht langweilig, oder?" Er grinst. "Für mich auch nicht."

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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