Berlin: Krebstod ihres Mannes: Was Siri Hustvedt über Trauer lernt
Wie weiterleben, wenn ein lieber Mensch stirbt? Schriftstellerin Siri Hustvedt spricht in einem neuen Dokumentarfilm über den Tod ihres Mannes Paul Auster. Und nutzt dabei ein bewegendes Wort.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Man kann vieles vermeiden im Leben, aber nicht den Verlust eines geliebten Menschen. Trauer ist eine universelle Erfahrung und selten hat es jemand so schön ausgedrückt wie Schriftstellerin Siri Hustvedt im neuen Dokumentarfilm "Siri Hustvedt - Dance Around the Self". Sie habe ihren "Lebensmenschen" verloren, erzählt sie darin nach dem Tod ihres Mannes. "Und so einen Menschen ersetzt man nicht."
Mehr als 40 Jahre war Hustvedt ("Was ich liebte", "Die zitternde Frau") mit dem Autor Paul Auster ("4321", "Stadt aus Glas") zusammen, es ist die ungewöhnliche Liebesgeschichte zweier begabter Autoren.
Nach seinem Tod beginnt Hustvedt schon bald, über Krankheit, Tod, Trauer und ihre Beziehung zu schreiben. Was bedeutet es weiterzuleben? Ohne diese Person, ohne diesen Dialog, ohne diese Berührung?
Ihr Alltag sei plötzlich komplett verändert gewesen, erzählt Hustvedt (71) im Interview in Berlin. Bisher sei man morgens mit diesem Menschen aufgestanden, er habe Tee getrunken und sie Kaffee. "All' diese sinnliche, körperliche Realität zwischen uns ist verschwunden."
Sie habe sich das zwar vorstellen können, habe viel darüber gelesen, aber die Auswirkungen in körperlicher Hinsicht seien für sie dramatischer gewesen als angenommen. "Ich glaube, der Prozess der Trauer besteht in Anpassung - Anpassung an Abwesenheit." Das sei ein intensiver, sensorischer Entzug.
Welches Bild sie treffend findet
"Es gibt viele Amputationsmetaphern, die für Trauer verwendet werden, und ich finde sie sehr passend, denn ein Teil von einem fehlt", sagt Hustvedt und erzählt dann auch, dass sie schon lange eine Theorie verfolgt - nämlich, dass die körperliche Verbindung, die wir bis zur Geburt zur Mutter haben, später durch das soziale Miteinander ersetzt wird.
Wir alle seien im Körper eines anderen Menschen herangewachsen und daraus geboren worden, sagt Hustvedt. "Wir sind über die Nabelschnur physiologisch mit diesem Körper verbunden. Es gibt ein ganzes Organ, die Plazenta, das als Vermittler fungiert und nach der Geburt abstirbt. Und was tritt an ihre Stelle? Der soziale Raum." Auch deswegen, so kann man sie verstehen, trifft uns der Verlust einer Person auch körperlich.
Was Hustvedt schwierig findet - dass für diese elementaren Verlusterfahrungen in der heutigen Zeit wenig Raum sei. Verlust treffe auf "unsere neoliberale Kultur, in der jeder nur ein konsumierender Einzeller sein soll. "Kaufen, kaufen, kaufen." "Selbstfürsorge"." Man solle über den Verlust hinwegkommen. "Aber das ist ein absolut verarmtes Bild dessen, was Menschen ausmacht."
Wovon der Dokumentarfilm erzählt
Hustvedt hat über ihre Trauer das Buch "Ghost Stories. Ein Buch der Erinnerung" geschrieben, das sie derzeit in Deutschland vorstellt. Nun kommt auch der Dokumentarfilm über sie ins Kino, der bei der Berlinale Premiere gefeiert hatte. Regisseurin Sabine Lidl hatte schon einen Film über Auster gedreht, nun setzt sie sich mit dem Leben und dem Schreiben, den Werken und der Gedankenwelt von Siri Hustvedt auseinander.
Wie sie mit 13 Jahren beschloss, Schriftstellerin zu werden. Später nach New York ging, ein paar Kisten Bücher im Gepäck. Und sich irgendwann in Auster verliebte. "Ich war acht Jahre jünger als Paul. Aber intellektuell haben wir extrem gut zusammengepasst", sagt sie im Film. Die beiden hätten sich schon lange mit einem uralten philosophischen Thema beschäftigt, mit dem Verhältnis von Worten und Dingen.
Im Film sieht man die beiden noch zusammen, wie sie alte Fotos durchschauen. In dem Moment, als sie zu Eheleuten erklärt worden seien, habe es einen Donnerschlag getan, erzählt Auster. Man habe das Vibrieren unter den Füßen gespürt. "Die Götter schauen zu", habe er damals gesagt. Das könne etwas Gutes oder Schlechtes sein. "Aber das hier ist ein kosmisches Ereignis."
"Ein wunderschönes deutsches Wort"
Die beiden bekommen eine Tochter, die Musikerin Sophie Auster. Im Film geht es dann auch um die Erfahrungen, die die beiden mit Krankheit machen, etwa mit Hustvedts Zitteranfällen. Und dann kommt die Krebsdiagnose für Auster. Seitdem hätten sie in "cancer land" gelebt, sagt Hustvedt, im Krebsland also.
Der Dokumentarfilm "Siri Hustvedt - Dance Around the Self" ist damit nicht nur das Porträt einer Schriftstellerin, sondern auch das Zeugnis einer Liebe, die durch den Tod Austers erschüttert wird.
Hustvedt wurde in den USA geboren und hat norwegische Vorfahren. Aber um zu beschreiben, was Paul Auster nach den gemeinsamen Jahrzehnten für sie war, nutzt sie dann ein deutsches Wort. ""Lebensmensch" ist ein wunderschönes deutsches Wort", sagt sie, "und ich halte daran fest, weil es etwas beschreibt, das in vielen anderen Sprachen fehlt".
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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kns/roj/news.de
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