Berlin: Berlinale-Gewinner "Gelbe Briefe": Packendes Polit-Drama
Nach seinem 2024 für einen Oscar nominierten Hit "Das Lehrerzimmer" gelang Regisseur Ilker Çatak erneut ein großer Wurf: Sein Spielfilm "Gelbe Briefe" gewann jüngst den Goldenen Bären der Berlinale.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Eben noch werden die Schauspielerin Derya (Özgü Namal) und ihr Mann, der Theaterautor und Hochschuldozent Aziz (Tansu Biçer), gefeiert. Die Uraufführung ihres neuen Stückes in Ankara ist ein Riesenerfolg. Doch kurz danach werden sie aufgrund kritischer Äußerungen im Internet kaltgestellt. Beide verlieren ihre Arbeit. Finanzielle Not und damit die Gefahr des Wohnungsverlustes sind die Folgen für sie und ihre 13-jährige, pubertierende Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas). Aziz wird wegen Terrorismusförderung in Istanbul vors Gericht gestellt. Die Eltern müssen entscheiden, ob es besser ist, zu den eigenen Überzeugungen zu stehen oder klein beizugeben und zu schweigen.
Regisseur knüpft an Erfolg von "Das Lehrerzimmer" an
Der Berliner Ilker Çatak hat bereits 2023 mit dem vielfach ausgezeichneten und einer Oscar-Nominierung geehrten Sozialdrama "Das Lehrerzimmer" den Finger auf Wunden der bürgerlichen Gesellschaft gelegt. In seinem neuen Spielfilm, gerade erst auf der Berlinale mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Bären, geehrt, beleuchtet er erneut die Fragilität westlicher Demokratien. Dabei agitiert er nicht vordergründig, erzählt jedoch zugespitzter als in seinem Kammerspiel von vor drei Jahren.
Die Geschichte ist äußerst publikumswirksam und mit großer Spannung aufgeladen. Der Konflikt zwischen Aufbegehren und Anpassung weitet sich dabei zur facettenreichen Spiegelung einer Gesellschaft, in der demokratische Grundprinzipien wie beispielsweise die Meinungsfreiheit, auf wackligen Füßen stehen. Der Frage, ob es möglich ist, im Falle von persönlichen Drangsalierungen die eigene moralische Integrität zu wahren, geht der Regisseur und Drehbuchautor im Stil eines packenden Thrillers nach.
Mit einem künstlerischen Kniff betont Ilker Çatak deutlich die Universalität seines Polit-Dramas: Mittels Schrifteinblendungen weist er darauf hin, dass Berlin die Rolle von Ankara übernommen hat und Hamburg die von Istanbul. Damit wird die vor knapp einhundert Jahren von Bertolt Brecht in dem Theaterstück "Die Dreigroschenoper" aufgestellte These "Erst kommt das Fressen, dann die Moral" deutlich in die Gegenwart geholt. Die Allgemeingültigkeit des Geschehens ist nicht zu übersehen.
Starkes Schauspiel und bedrückende Bildsprache
Die geradlinige Erzählung fesselt mit exzellentem Schauspiel. Özgü Namal erreicht als verzweifelte Ehefrau, Mutter und Schauspielerin Derya in existenzieller Not eine mitreißende Intensität. Tansu Biçer als ihr Gatte Aziz, Hochschullehrer und Theaterautor, überzeugt ebenso. Vor allem in den gemeinsamen Szenen spiegeln sie die Ängste, Nöte und Zweifel der Protagonisten mit geradezu körperlich spürbarer Intensität. Dabei werden Schwarz-Weiß-Zeichnungen vermieden. Die beiden haben Ecken und Kanten, werden nicht zu Helden stilisiert.
Viel zur Wirkung haben auch die exzellenten Arbeiten zweier bereits an "Das Lehrerzimmer" beteiligten Mitarbeiterinnen von Ilker Çatak, Kamerafrau Judith Kaufmann und Cutterin Gesa Jäger. Je weiter die Handlung voranschreitet, je bedrohliche die Situation für das Ehepaar wird, umso enger und dunkler muten viele Momente an. Die Spielräume für das Künstlerpaar werden im direkten und im übertragenen Sinn im Laufe der Ereignisse immer kleiner und die Zeit rennt ihnen davon.
Spiegel aktueller Debatten über Meinungsfreiheit
Konturenscharf werden Aspekte im gegenwärtigen Alltag in der sogenannten westlichen Welt gespiegelt. Derzeit werden Lehrende und Kunstschaffende vielerorts oft schnell wegen Meinungsäußerungen öffentlich angeprangert. Rezepte für einen offenen Diskurs zu unterschiedlichen politischen und moralischen Standpunkten werden nicht verteilt. Souverän wird auf ein mitdenkendes und mitfühlendes Publikum vertraut.
Das Geschehen auf der Kinoleinwand lässt einen vielfach frösteln. Denn es wird klar gezeigt, wie rasch auch scheinbar Außenstehende zu Helfershelfern von Dogmatismus und Intoleranz werden können: Kollegen, Bankmitarbeiter, Nachbarn und Juristen um Derya und Aziz herum beschneiden mit scheinbar kleinen Handlungen die Freiheit des Denkens. Mit frösteln lassender Intensität wird klar, dass die Verteidigung schlichter Menschlichkeit im Alltag immer auch persönlichen Mut braucht.
Ilker Çatak erzählt in seinem Berlinale-Gewinner mitreißend von einem scheinbar aussichtslosen Kampf Einzelner gegen ein fragwürdiges politisches System. Die Konzentration auf das Schicksal einer Familie zieht das Publikum unaufhaltsam in den Bann. Ohne sie vordergründig zu stellen, entlässt einen der Film mit der beunruhigenden Ahnung, dass die Gedankenfreiheit im eigenen Land immer wieder aufs Neue gestärkt werden muss.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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