Ebola im Kongo: Experten gehen von Dunkelziffer bei Ebola-Toten aus
Schon mehr als 5.000 Menschen in der Demokratischen Republik Kongo sind nach offiziellen Angaben an Ebola gestorben. Experten gehen auch hier ebenso wie bei den Fallzahlen von einer Dunkelziffer aus.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
Suche
Die Zahl der Ebola-Infektionen und Todesfälle in der Demokratischen Republik Kongo steigt dramatisch. Inzwischen sind nach Angaben der Gesundheitsbehörden des zentralafrikanischen Landes 5.026 Menschen an dem hochansteckenden Fieber gestorben. In acht Provinzen des zweitgrößten afrikanischen Landes gibt es Fälle. Schon jetzt ist es der am schnellsten wachsende Ebola-Ausbruch, den es bisher auf dem Kontinent gab. Was muss man zur Lage wissen?
Wie zuverlässig sind die Angaben zu den Ebola-Fällen?
"Die Fallzahlen geben die Dynamik des Ausbruchs einigermaßen verlässlich wieder. Wir wissen aber, dass es eine erhebliche Dunkelziffer und Lücken in der Überwachung gibt", sagt Torsten Feldt, Bereichsleiter Tropenmedizin des Universitätsklinikums Düsseldorf. "Nach aktuellen Schätzungen könnte die tatsächliche Zahl der Infektionen zwei- bis dreifach über den offiziellen Zahlen liegen."
"Die bestätigten Zahlen sind wahrscheinlich die untere Grenze", schätzt Jürgen May, Vorstandsvorsitzender des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin. "Es kann sein, dass es zur verzögerten Meldung neuer Fälle kommt, zur nachträglichen Klassifizierung verstorbener Verdachtsfälle sowie zu fehlenden Meldungen leichterer Verläufe, da sie nie getestet wurden. Eine seriöse Zahl für die Dunkelziffer ist schwer zu erheben und nicht bekannt."
Warum ist es so schwer, diesen Ausbruch unter Kontrolle zu bringen?
Mehr als die Hälfte der Todesfälle ist außerhalb von Behandlungszentren aufgetreten, wo jeder Todesfall ein hohes Infektionsrisiko für Familien und die Bevölkerung bedeutet. "Diese Zahlen verdeutlichen die Lücken in der Überwachung. Die zunehmend kritische Sicherheitslage im Kongo mit Vertreibung von Bevölkerungsgruppen und eingeschränktem Zugang für Hilfsorganisationen erschwert die Überwachung und Bekämpfungsmaßnahmen weiter dramatisch", so Feldt.
Kritisch ist zudem die Nachverfolgung von Kontakten von Ebola-Patienten. Seit längerem weist die afrikanische Gesundheitsbehörde Africa CDC darauf hin, dass ein zu geringer Teil der Kontakte tatsächlich erfasst und nachverfolgt wird. Zudem sterben viele Patienten nicht in den Ebola-Behandlungszentren, sondern zu Hause oder in normalen Krankenhäusern, wo sie nicht als Ebola-Erkrankte erkannt wurden. Im Fall des derzeit grassierenden Ebola-Erregers vom Typ Bundibugyo ist unter anderem eine Verwechslung der Symptome mit einer wesentlich häufigeren Malaria-Erkrankung möglich.
Hinzu kommt: Die meisten Fälle wurden bisher im Nordosten und Osten des riesigen Landes verzeichnet - Regionen, in denen es seit Jahrzehnten bewaffnete Konflikte gibt und mehr als 100 Milizen aktiv sind. Die Unsicherheit erschwert die Arbeit der Helfer, hindert aber auch Menschen daran, die Gesundheitszentren aufzusuchen, um sich testen zu lassen. Außerdem gibt es weiterhin viele, die die Existenz von Ebola leugnen, auch wenn Tausende Freiwillige Aufklärungsarbeit leisten.
Gibt es einen Impfstoff?
Bisher gibt es keinen Impfstoff gegen den Ebola-Erreger vom Typ Bundibugyo. Einen gewissen Schutz könnte womöglich der Impfstoff Ervebo bieten, der gegen das Zaire-Ebolavirus entwickelt wurde. In einer Laborstudie mit gesunden Menschen, die jüngst in Deutschland durchgeführt wurde, zeigte sich, dass die Impfung eine sogenannte T-Zell-Reaktion gegen das Bundibugyo- und das Sudan-Ebolavirus auslösen kann. Studien an Primaten hatten bereits darauf hingedeutet. T-Zellen tragen maßgeblich zu einem lang anhaltenden Immungedächtnis bei.
Da während des letzten großen Ausbruchs des Zaire-Ebolavirus im Kongo zwischen 2018 und 2020 bereits Hunderttausende Menschen - vor allem in der Region North-Kivu - mit Ervebo geimpft wurden, sollte sich eigentlich bald einschätzen lassen, ob und wie stark diese Impfung nun auch gegen das Bundibugyo-Virus schützen kann, sagt Christof Geldmacher vom Institut für Infektions- und Tropenmedizin an der Universität München. "Das wird derzeit systematisch erfasst. Dennoch wäre ein zugelassener spezifischer Bundibugyo-Impfstoff wichtig, da er vermutlich deutlich besseren Schutz bieten würde."
Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) befürchtet zudem, dass Produktionsengpässe den Zugang zum Ervebo-Impfstoff einschränken könnten. "Impfstoffe sind nur dann nützlich, wenn sie den Menschen zur Verfügung stehen, die einem Infektionsrisiko ausgesetzt sind", sagt Julien Potet, Experte für den Zugang zu Impfstoffen bei Ärzte ohne Grenzen. "In einer Situation, in der Impfstoffe dringend gebraucht werden, um Ausbrüche wie Ebola einzudämmen, dürfen wir nichts unversucht lassen, damit verfügbare Impfstoffbestände die betroffenen Gemeinschaften ohne Verzögerung erreichen."
Kann die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Bundibugyo den Ausbruch stoppen?
Seit Juli laufen klinische Studien zur Bewertung von Impfstoffen, die speziell für das Bundibugyo-Virus entwickelt werden - doch noch befinden sich diese Studien in einem frühen Stadium. Studien und Produktion der Impfstoffe dauerten aber eher Monate als Wochen, sagt May. Ein breiter Einsatz sei kaum früher als Mitte 2027 realistisch. Wie lange der Ebola-Ausbruch noch andauert, darüber gibt es keine offiziellen Schätzungen.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
Weitere aktuelle News im Ressort "Gesundheit":
- Corona, Grippe, RSV im Fokus: So ist die Infektionslage aktuell in Deutschland
- Risse und Löcher drohen: Frankreich ruft europaweit sieben Millionen Kondome zurück
- Aufklärung: "Ist das schlimm genug?" Männer suchen spät Hilfe
- Therapieplatz gesucht in Freyung: 7 Therapeut:innen bieten freie Kassenplätze
- Therapieplatz in Freystadt finden: Wo Betroffene jetzt Kassenplätze finden
kns/roj/news.de
Erfahren Sie hier mehr über die journalistischen Standards und die Redaktion von news.de.