Diabetes und Übergewicht: Warum die beiden Erkrankungen so oft zusammen auftreten

Mehr als jeder zweite Erwachsene in Deutschland bringt zu viele Kilos auf die Waage. Viele ahnen nicht, dass sich in ihrem Körper womöglich schon ein zweites Problem anbahnt. Was Fachleute über den Zusammenhang wissen und was Betroffene tun können.

Erstellt von Cori Brossmann - Uhr

Übergewicht und Diabetes hängen häufig zusammen. (Foto) Suche
Übergewicht und Diabetes hängen häufig zusammen. Bild: AdobeStock / ijeab

Wie verbreitet sind Übergewicht und Diabetes in Deutschland?

Die Zahlen sind deutlich: Laut Robert Koch-Institut waren in den Jahren 2019 und 2020 rund 53,5 Prozent der Erwachsenen in Deutschland übergewichtig, 19 Prozent galten als adipös, also stark übergewichtig. Gleichzeitig leben Millionen Menschen hierzulande mit Diabetes, Tendenz steigend. Bei rund 90 Prozent von ihnen handelt es sich um einen Typ-2-Diabetes, also genau die Form, die eng mit Lebensstil und Körpergewicht verknüpft ist.

Früher sprach man vom "Altersdiabetes". Der Begriff ist längst überholt, denn die Erkrankung trifft inzwischen auch Menschen in ihren Dreißigern und Vierzigern. Häufig geht der Diagnose eine jahrelange Phase mit Übergewicht voraus, in der der Blutzucker langsam, aber stetig aus dem Gleichgewicht gerät.

Wie stark erhöht Übergewicht das Diabetes-Risiko?

Wie groß der Einfluss des Gewichts tatsächlich ist, zeigt eine dänische Studie mit mehr als 10.000 Teilnehmenden, die 2020 im Fachjournal Diabetologia erschienen ist. Ausgewertet wurden Daten aus einer Langzeitbeobachtung über knapp 15 Jahre. Menschen mit Adipositas erkrankten daran fast sechsmal so häufig an Typ-2-Diabetes wie Normalgewichtige. Eine ungünstige genetische Veranlagung verdoppelte das Risiko dagegen "nur". Wer gleichzeitig stark übergewichtig war, erblich vorbelastet war und ungesund lebte, hatte sogar ein 14,5-fach erhöhtes Risiko.

Besonders bemerkenswert: Selbst bei Menschen mit geringer genetischer Vorbelastung und gesundem Lebensstil war Adipositas mit einem mehr als achtfachen Risiko verbunden. Die Forschenden kamen zu dem Schluss, dass das Körpergewicht alle anderen untersuchten Faktoren in den Schatten stellt.

Was passiert dabei im Körper?

Das entscheidende Schlüsselwort heißt dabei Insulinresistenz. Insulin ist das Hormon, das Zucker aus dem Blut in die Körperzellen schleust. Bei starkem Übergewicht reagieren Muskel-, Leber- und Fettzellen immer schwächer auf dieses Signal. Die Bauchspeicheldrüse versucht gegenzusteuern und schüttet mehr Insulin aus. Über Jahre gerät sie dabei an ihre Grenzen. Irgendwann reicht die Menge nicht mehr aus, und der Blutzucker bleibt dauerhaft erhöht.

Besonders kritisch ist dabei das Fett rund um den Bauch. Das sogenannte viszerale Fett, das sich um die inneren Organe legt, ist stoffwechselaktiv. Es setzt Botenstoffe und Fettsäuren frei, die Entzündungsprozesse fördern und die Wirkung von Insulin zusätzlich bremsen. Deshalb sagt der Taillenumfang oft mehr über das Risiko aus als der BMI allein. Bei Frauen gilt ein Umfang ab 80 Zentimetern als erhöht, bei Männern ab 94 Zentimetern.

Welche Folgen drohen, wenn beides zusammenkommt?

Treffen Übergewicht und Diabetes aufeinander, verstärken sie sich gegenseitig. Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte schädigen über Jahre die Blutgefäße. Das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Durchblutungsstörungen in den Beinen steigt. Auch die feinen Gefäße in Augen, Nieren und Nerven können Schaden nehmen. Kommt ein hoher Blutdruck hinzu, wie er bei Übergewicht häufig auftritt, wächst die Gefahr zusätzlich. Treten Bauchfett, erhöhter Blutzucker, Bluthochdruck und ungünstige Blutfettwerte gemeinsam auf, sprechen Fachleute vom metabolischen Syndrom.

Warum wird der Zusammenhang so oft übersehen?

Typ-2-Diabetes beginnt leise. Erhöhte Blutzuckerwerte verursachen anfangs kaum Beschwerden, oft wird die Erkrankung erst zufällig bei einer Routineuntersuchung entdeckt. Müdigkeit, starken Durst oder häufiges Wasserlassen schieben viele zunächst auf Stress, das Wetter oder das Alter. Gleichzeitig ist Übergewicht für viele Betroffene ein schambesetztes Thema, über das sie nur ungern sprechen, selbst in der Arztpraxis.

Hinzu kommt ein Teufelskreis: Ein gestörter Zuckerstoffwechsel kann Heißhunger begünstigen, und manche Diabetesmedikamente, etwa Insulin, können eine Gewichtszunahme fördern.²

Wer nicht frühzeitig gegensteuert, rutscht so leicht tiefer in beide Probleme hinein.

Was können Betroffene tun?

Die gute Nachricht: Der Zusammenhang wirkt auch in die andere Richtung. Wie das Gesundheitsportal des Bundesgesundheitsministeriums erklärt, können schon eine Gewichtsabnahme und mehr Bewegung die Wirkung des Insulins verbessern und den Blutzuckerspiegel senken.

Manche Menschen bekommen ihren Typ-2-Diabetes allein mit solchen Veränderungen in den Griff. Dabei muss es nicht gleich der Marathon sein: Schon regelmäßige Spaziergänge, die Treppe statt des Aufzugs und weniger stark verarbeitete Lebensmittel machen einen Unterschied.¹

Wie weit das gehen kann, zeigte die britische DiRECT-Studie. Fast die Hälfte der Teilnehmenden, die mit einem intensiven Ernährungsprogramm deutlich abnahmen, erreichte nach einem Jahr eine Remission. Sie ersetzten dafür einige Monate lang ihre Mahlzeiten durch eine kalorienreduzierte Formeldiät und kehrten danach schrittweise zu normaler Kost zurück. Ihr Blutzucker lag ohne Medikamente wieder im Normalbereich, insbesondere bei jenen, deren Diagnose noch nicht lange zurücklag.

Nicht jedem gelingt das allein mit Ernährung und Bewegung. Für Menschen mit Typ-2-Diabetes stehen heute auch Medikamente zur Verfügung, die neben dem Blutzucker das Körpergewicht beeinflussen können, zum Beispiel GLP-1-Rezeptoragonisten wie Ozempic.³ Ob eine solche Therapie infrage kommt, entscheidet die Ärztin oder der Arzt nach einer individuellen Untersuchung.

Wann sollten Sie Ihre Werte prüfen lassen?

Wer übergewichtig ist, Diabetes in der Familie hat oder sich wenig bewegt, sollte seinen Blutzucker regelmäßig kontrollieren lassen. Gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren haben alle drei Jahre Anspruch auf den Gesundheits-Check-up in der Hausarztpraxis, zu dem auch eine Blutzuckermessung gehört. Aufschlussreich ist zudem der HbA1c-Wert, der den durchschnittlichen Blutzucker der vergangenen zwei bis drei Monate widerspiegelt. Je früher eine Stoffwechselstörung erkannt wird, desto größer sind die Chancen, sie mit vergleichsweise einfachen Mitteln aufzuhalten.

Quellen:
¹https://www.diabinfo.de/vorbeugen/diabetes.html
²https://www.gesundheitsinformation.de/medikamente-bei-typ-2-diabetes.html
³https://www.doktorabc.com/de/behandlungen/ozempic

brc/news.de

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