Psychologin Dr. LePera: Dauergestresst oder People Pleaser? Warum dein inneres Kind dahintersteckt

Versteckte Muster entlarven und das eigene Nervensystem beruhigen: Das Konzept des "inneren Kindes" geht weit über einen Social-Media-Trend hinaus. Im Interview erklärt Psychologin Dr. Nicole LePera, wie frühe emotionale Prägungen unser Verhalten als Erwachsene steuern und wie wir dagegensteuern.

Von news.de Redakteurin - Uhr

Kindheitstraumata können hinter chronischem Stress stecken. (Foto) Suche
Kindheitstraumata können hinter chronischem Stress stecken. Bild: Adobe Stock/ Halfpoint
  • Interview mit Psychologin Dr. Nicole LePera, wie wir das verletzte "innere Kind" heilen können
  • Auswirkungen von Kindheitstraumata im Erwachsenenleben
  • Die Rolle von Scham und wie sich das Verhaltensmuster umdrehen lässt

Das Konzept des "inneren Kindes"boomt auf Social Media. Doch was verbirgt sich hinter dem oft schnell gebrauchten Begriff, sobald man die therapeutische Bubble verlässt? In ihrem Buch "Heile.Dein.Inneres Kind." widmet sich Psychologin Dr. Nicole LePera dem Prozess des sogenannten Reparenting. Psychotherapeuten nutzen dieses Instrument, um uns selbst die Fürsorge zu geben, die uns in der Kindheit von unseren Eltern gefehlt hat. Es soll helfen, sich mit den emotionalen Wunden aus der Vergangenheit zu versöhnen. Im Gespräch mit news.de gibt die Psychologin Einblicke in die neurobiologischen Grundlagen, die Rolle von Scham sowie die Möglichkeiten und Grenzen, sich selbst zu heilen.

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Was ist das innere Kind?

Aus Sicht der Neurobiologie und Psychologie ist das innere Kind kein mystisches Wesen, sondern die Gesamtheit unseres frühen emotionalen Lernens. "Wenn ich vom inneren Kind spreche, beschreibe ich das emotionale Lernen, die Überzeugungen, Erinnerungen und Schutzmuster, die wir früh im Leben entwickelt haben und die weiterhin prägen, wie wir uns selbst, andere Menschen und die Welt um uns herum erleben", erklärt Dr. LePera im Interview.

In den ersten Lebensjahren entwickeln sich Gehirn und Nervensystem in rasantem Tempo. In dieser frühen Entwicklungsphase ist die Bindung zu einer Bezugsperson besonders wichtig. Durch die sogenannte Co-Regulation lernen Kinder, ihr Nervensystem zu regulieren. Passiert das nicht, festigen sich später schmerzhafte Verhaltensmuster. Wir verinnerlichen Muster lange, bevor wir sie überhaupt begreifen:

  • Was bringt Nähe, was erzeugt Distanz?
  • Sind meine Gefühle willkommen?
  • Werden meine Bedürfnisse erfüllt?

Ein Kind, dessen Trauer regelmäßig übergangen wird, lernt, emotional abzutauchen und nach außen zu funktionieren. Wer für Fehler kritisiert wird, entwickelt Zögern oder Perfektionismus. Diese Anpassungsstrategien brennen sich durch ständige Wiederholung tief in das Nervensystem ein. Im Erwachsenenalter halten wir diese erlernten Schutzmechanismen fälschlicherweise oft für unsere eigentliche Persönlichkeit. Die Heilung beginnt dort, wo uns geprägte Verhaltensmuster bewusst werden. Jedes Mal, wenn wir heute eine Grenze setzen, Unterstützung annehmen oder Unbehagen aushalten, füttern wir das Gehirn mit neuen Informationen und nutzen die Neuroplastizität des Gehirns, um neue Reaktionen zu etablieren.

Psychologin Dr. Nicole LePera erklärt den Teufelskreis der Scham

Ein zentraler Blockadefaktor in der menschlichen Entwicklung ist das Gefühl der Scham. Während Schuld uns erzählt "Ich habe etwas Falsches getan", signalisiert uns Scham "Mit mir stimmt etwas nicht". "Für ein Kind ist Bindung das absolute Überleben. Passt das Kind sein Verhalten an, um Verstoßung oder Demütigung zu vermeiden, entstehen Verhaltensweisen, die wir später als Ehrgeiz, Unabhängigkeit oder extreme Sensibilität bezeichnen", so Dr. LePera.

Scham bindet diese Muster, weil sie uns einredet, unser Wesen sei das Problem. "Ich glaube nicht, dass wir Scham durch noch mehr Scham heilen. Der innere Kritiker selbst ist oft ein jüngerer Beschützer. An einem bestimmten Punkt hat uns die Selbstkritik vielleicht geholfen, der Kritik eines anderen zu entgehen [...]", sagt die Psychologin. Heilung erfordere daher, Scham durch Neugier zu ersetzen und zu fragen: Woher kenne ich das? Wovor hat es mich beschützt? Dient es mir heute noch?

Wie ungelöstes Trauma im Körper weiterlebt

Trauma zeige sich keineswegs nur in Gedanken, sondern verändere die gesamte Physiologie. Chronischer Stress im Kindesalter prägt die Stressreaktionssysteme, wie die HPA-Achse, und verändert die Gefahrenverarbeitung im Gehirn. Die empirische Forschung, darunter u. a. die bekannten ACE-Studien, belegt den direkten Zusammenhang zwischen kindlichen Belastungen und späteren körperlichen sowie mentalen Problemen.Das Nervensystem agiert im Heute weiter so, als stünde die Bedrohung von damals noch immer bevor.

Physiologisch äußert sich dies auf zwei unterschiedliche Arten:

  • Dauerhafte Aktivierung (Fight/Flight): flache Atmung, Schlafstörungen, Verdauungsprobleme, Muskelanspannung, ständige innere Unruhe
  • Körperlicher Shutdown (Freeze): Taubheitsgefühle, Erschöpfung, Entkopplung, fehlende Motivation und plötzliche Zusammenbrüche nach Phasen des Funktionierens

Die Rolle liebevoller Eltern – Kindheitstrauma prägt Erwachsene

Kindheitstrauma entsteht keineswegs nur durch schwere Misshandlung oder Vernachlässigung. Auch in liebevollen Familien können emotionale Bedürfnisse unbedeckt bleiben. Das passiert etwa, wenn Eltern chronisch gestresst, überfordert oder emotional nicht erreichbar waren. Das zeigt sich nicht immer sofort. Viele Symptome im Erwachsenenalter zeigen sich oft subtil:

  • Beziehungen: Entscheidungsunfähigkeit ohne Absicherung; Verlustangst, wenn der Partner Raum braucht; das Gefühl, Liebe und Nähe ständig "erarbeiten" zu müssen
  • Berufsleben: übermäßige Übernahme von Verantwortung (Chronic Over-functioning), Impostor-Gefühle, Rückzug trotz wertvoller Ideen, Panik vor kleinen Fehlern
  • Gesellschaftlich belohnte Muster: die Perfektionistin, der Verlässliche, die Unkomplizierte. Rollen, die nach außen Stärke signalisieren, intern jedoch zu völliger Erschöpfung führen

Stress, ein Überbleibsel aus der Kindheit

In Stressmomenten reagiert der Körper zuerst: Das Herz rast, die Brust zieht sich zusammen, ein Drang nach Verteidigung, Rückzug oder Gefallen-Wollen (People Pleasing) entsteht. Die Intensität der Emotion speist sich dann oft aus alten Erfahrungen. Die Praxis des Reparenting setzt genau hier an: Es gilt, eine kleine Lücke zwischen Reiz und Reaktion zu schaffen. Ein kurzes Innehalten erlaubt die Klärung: Ist diese Wut eine gesunde Reaktion auf das Hier und Jetzt, oder schwingt ein altes Gefühl von Wertlosigkeit mit? Denn die erste Reaktion sei konditioniert. Wir sollten eine Pause einlegen, rät die Psychologin. Das schaffe eine Trennung vom jetzigen Geschehen und dem, was wir in der Vergangenheit erlebt haben.

So funktioniert für die Psychologin Reparenting im Alltag

Für Dr. LePera bedeutet Reparenting im Alltag eine Kombination aus körperlicher Basisarbeit und emotionaler Präsenz: "Letztendlich ist Reparenting etwas, das ich jeden Tag praktiziere. Es bedeutet, mich konsequent um meinen Körper zu kümmern, bei schwierigen Emotionen präsent zu bleiben und weiterhin die Person unter all den Anpassungen zu entdecken und zu ehren, die ich einst brauchte, um zu überleben und dazuzugehören." Diese Selbstfürsorge umfasst neben nährstoffreicher Ernährung, regelmäßigem Schlaf, Bewegung und Erholung in der Natur auch emotionale Arbeit. Wir sollten bei aufsteigender Panik nicht sofort handeln, sondern ruhiger atmen, innehalten und uns fragen, was wir gerade in diesem Moment benötigen.

Psychologe Social Media – wieso das Netz keine Psychotherapie ersetzt

So wertvoll Bücher und Social Media für die Psychoedukation sind – sie ersetzen keine Psychotherapie. Insbesondere bei schweren Symptomen, Funktionsbeeinträchtigungen im Alltag oder akuten Sicherheitsrisiken stößt die reine Selbsthilfe an klare Grenzen. "Ich habe Selbstheilung nie im Sinne von 'heile dich ganz alleine' verstanden. Für mich bedeutet es, ein aktiver Teilnehmer an der eigenen Heilung zu werden, während man gleichzeitig erkennt, dass wir als Menschen auch durch Verbindung, Unterstützung und Beziehungen zu anderen heilen."

Dennoch schließen sich Wissenschaftlichkeit und Zugänglichkeit nicht aus. LePera betont, dass ihre Arbeit auf Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie, Neurowissenschaften und Bindungstheorie basiert. Narrative Mittel und Metaphern wie das "innere Kind" übersetzen komplexe Forschung in eine verständliche Sprache.

Zudem ist eine differenzierte Sichtweise notwendig. Es ermöglicht uns, ein größeres Bild zu erhalten. Individuelle Heilung darf strukturelle gesellschaftliche Faktoren – wie Armut, Diskriminierung oder ökonomische Unsicherheit – nicht ausblenden. Heilung bedeutete nicht, sich selbst die Schuld zu geben, sondern trotz unbeeinflussbarer Rahmenbedingungen die eigene Handlungsfähigkeit (Agency) zurückzugewinnen. Dafür kann das Buch ein erster Ansatz sein, um sich über das Thema zu informieren.

Dr. LePeras Botschaft an das innere Kind

Auf die Frage, welchen Rat sie ihrem eigenen inneren Kind geben würde, antwortet Nicole LePera mit Worten, die den Kern des Reparenting zusammenfassen: "Du musst nicht dein Leben damit verbringen, das zu werden, was andere brauchen. Du darfst eigene Bedürfnisse haben und dich um sie kümmern. Du kannst jemanden enttäuschen und trotzdem ein liebevoller Mensch sein. Du musst dich nicht aufgeben, um mit anderen verbunden zu bleiben."

"Heile.Dein.Inneres Kind" von Dr. Nicole LePera. (Foto) Suche
"Heile.Dein.Inneres Kind" von Dr. Nicole LePera. Bild: Daniela Hofner/Arkana

Titel: "Heile.Dein.Inneres Kind."

Autor: Dr. Nicole LePera
Verlag: Arkana, 2026
Seitenzahl, Buchart: 544, Hardcover
Preis: 25,00 Euro
ISBN: 978-3-442-34350-8

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