TV: RBB-Chefredakteur Heil: "Journalismus wird von Menschen gemacht"

Georg Heil übernimmt den öffentlich-rechtlichen Sender für Berlin und Brandenburg in einer Umbruchphase. Wie er den RBB umbauen will und weshalb er keine "Lex AfD" braucht.

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Georg Heil steht seit April als neuer Chefredakteur an der Spitze der Redaktion des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Der 1977 geborene Journalist übernimmt den Sender nach mehreren Krisen: Die Vorwürfe gegen die frühere Intendantin Patricia Schlesinger wegen möglicher Vetternwirtschaft und Verschwendung beschäftigen den Sender bis heute. Hinzu kam die später teilweise zurückgezogene Berichterstattung über Belästigungsvorwürfe gegen den Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht Heil über den Wandel beim RBB, den Einsatz Künstlicher Intelligenz im Journalismus und den Umgang mit der AfD – und darüber, wie er damit umgeht, immer wieder auf seinen Bruder, den SPD-Politiker Hubertus Heil, angesprochen zu werden.

Frage: Sie sind seit April Chefredakteur des RBB. Was ist Ihnen in Ihrer neuen Rolle bisher besonders aufgefallen?

Antwort: Ich besuche gerade viele Standorte und Redaktionen im Sender. Zwei Dinge möchte ich hervorheben: Mich beeindruckt die große Leidenschaft und Kompetenz, mit der unsere Journalistinnen und Journalisten tagtäglich daran arbeiten, journalistische Qualität anzubieten. Und ich freue mich über die Bereitschaft unserer Kolleginnen und Kollegen, den RBB neu aufzustellen. Wir sind gerade im größten Veränderungsprozess, den der RBB je erlebt hat. Unter dem Projektnamen "Neue Zusammenarbeit" stellen wir den RBB neu auf, mit dem Ziel, agiler zu werden, fachliche Expertise zu stärken und Kompetenzen zu bündeln. Obwohl das auch anstrengend ist, gibt es eine große Offenheit für den Wandel.

Frage: Wenn wir in zwei Jahren noch einmal sprechen: Was soll sich bis dahin verändert haben?

Antwort: Wir wollen ein Sender sein, in dem Veränderung Routine ist und kein Kraftakt. Wir wollen eine lernende Organisation sein, die sich immer wieder anpasst. Ich hoffe, dass unser Portfolio dann noch besser aufgestellt ist und wir Zielgruppen erreichen, die wir heute noch nicht ausreichend ansprechen. Gerade bei jungen Menschen können wir noch eine Schippe drauflegen. Unser Auftrag ist es, allen Menschen ein Angebot zu machen.

Frage: Seit Mai gibt es zwei neue TV-Ländermagazine für Berlin und Brandenburg. Wie zufrieden sind Sie bisher damit?

Antwort: Ich bin sehr zufrieden und ein großer Fan des Konzepts. Wir betrachten hier die Themen des Tages noch einmal aus einem anderen Blickwinkel mit Live-Schalten oder zusätzlichen Service- und Sportthemen. Die Rückmeldungen unseres Publikums sind positiv und die Quoten ordentlich. In Brandenburg steigen sie kontinuierlich. Dort hatten wir vergangene Woche einen Marktanteil von 5,4 Prozent. In Berlin waren es 8,6 Prozent. Vor allem freuen wir uns, dass wir mit den Sendungen auch neue Zuschauer erreichen, Menschen die nicht schon um 19.30 Uhr die "Abendschau" oder "Brandenburg Aktuell" gesehen haben.

Frage: Als bekannt wurde, dass Sie neuer Chefredakteur werden, wurde in fast jedem Artikel Ihr Bruder, der SPD-Politiker Hubertus Heil, erwähnt. Nervt Sie das manchmal, oder gehört das inzwischen einfach dazu?

Antwort: Ich nehme das zur Kenntnis und kann nachvollziehen, dass Menschen das interessiert. Ich wünsche mir aber, an meinen Taten und meinen Fähigkeiten gemessen zu werden. Ich bin seit acht Jahren beim RBB und seit mehr als 20 Jahren Journalist, habe bei verschiedenen öffentlich-rechtlichen Sendern gearbeitet, meist im investigativen Bereich. Ich hoffe, dass die anfängliche Neugier irgendwann nachlässt und meine Arbeit im Mittelpunkt steht.

Frage: Der RBB war zuletzt durch die Schlesinger-Affäre und die fehlerhafte Berichterstattung über den Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar in den Schlagzeilen. Wie gehen Sie mit diesen Fehlern um?

Antwort: Ich freue mich zunächst einmal, dass wir inzwischen mit anderen Themen im Gespräch sind: mit unseren Reichweiten-Erfolgen und der Tatsache, dass wir durch Konsolidierungsmaßnahmen wieder Geld ins Programm investieren konnten. Der RBB hat aus den Fehlern klare Konsequenzen gezogen. Es gibt neue Regelwerke, Schulungen sowie organisatorische und personelle Veränderungen. Insofern sind das heute nicht mehr die Themen, die den Sender bestimmen.

Frage: Haben Sie daraus auch etwas für Ihren eigenen Führungsstil mitgenommen?

Antwort: Daraus spezifisch nein. Einen Führungsstil muss jeder für sich selbst entwickeln. Mir ist die Vorgeschichte des RBB natürlich bewusst. Aber unabhängig davon würde ich nie für mich in Anspruch nehmen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Man ist gut beraten, sich auf die Kompetenz im Haus zu verlassen. Und als Investigativjournalist liegen mir sorgfältige Recherche und gutes journalistisches Handwerk besonders am Herzen. Ich fordere zudem alle Mitarbeitenden zu konstruktivem Widerspruch auf, wenn sie meinen sollten, es gehe etwas in die falsche Richtung.

Frage: Künstliche Intelligenz wird in der Medienbranche intensiv diskutiert. Welche Regeln gelten beim RBB?

Antwort: Wenn wir KI im Journalismus einsetzen sollten, kennzeichnen wir das nach transparenten Regeln. Es gibt KI-Schulungen und eine Einheit, die sich intensiv mit Chancen und Risiken beschäftigt. Wir sollten neue Möglichkeiten offen prüfen, aber keinem Trend unkritisch hinterherlaufen. Die Manipulationsmöglichkeiten werden immer größer. Deshalb ist für uns wichtig, dass hinter journalistischen Produkten immer auch menschliche Intelligenz steht. Einen "Human in the Loop" wird es bei uns immer geben.

Frage: Bedeutet das im Zweifel auch, lieber auf Bilder zu verzichten, als nicht verifiziertes Material aus dem Internet zu verwenden?

Antwort: Ja. In Nachrichten werden wir keine KI-generierten Bilder verwenden. Wenn wir Material aus dem Internet nutzen sollten, muss es sorgfältig verifiziert werden. Gelingt das nicht, gilt: Im Zweifel lassen wir es weg oder machen zumindest sehr klar, dass wir das nicht unabhängig verifizieren können. Unser Vorteil ist, dass wir mit eigenen Reporterinnen und Reportern in der Fläche präsent sind. Wenn wir keine belastbaren Bilder haben, bebildern wir ein Ereignis im Zweifel eben nicht, sondern melden es oder nutzen Themenbilder.

Frage: Kann Künstliche Intelligenz beim RBB künftig komplette Fernsehbeiträge erstellen?

Antwort: Nein. Ein Fernsehbeitrag ist Handarbeit. KI kann vielleicht helfen, aber für uns gilt: Journalismus wird von Menschen gemacht.

Frage: Die öffentlich-rechtlichen Sender blicken derzeit gespannt auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Rundfunkbeitrag in Karlsruhe. Der MDR hat wegen des Spardrucks bereits Pausen bei "Tatort" und "Polizeiruf" angekündigt. Ist der Berliner "Tatort" sicher?

Antwort: Ich kann nicht für die gesamte ARD sprechen und bin auch nicht für Fiktion im RBB zuständig. Der RBB hat nicht vor, auf seinen "Tatort" zu verzichten oder ihn pausieren zu lassen.

Frage: Mit Blick auf die Berliner Abgeordnetenhauswahl: Wie wird der RBB mit der AfD umgehen?

Antwort: Die Frage ist nicht, wie wir mit der AfD umgehen. Wir brauchen keine Lex AfD, sondern klare Regeln für den Umgang mit allen Parteien. Die AfD ist eine Realität, eine starke Oppositionskraft mit eigenen Vorstellungen und entsprechend berichten wir über sie, das müssen wir und das wollen wir auch - im Rahmen der abgestuften Chancengleichheit. Laut diesem Gebot erhalten Parteien Aufmerksamkeit entsprechend ihrer politischen Bedeutung. Gleichzeitig gilt: Überall dort, wo aus Parteien heraus extremistische Forderungen kommen, setzen wir uns journalistisch und kritisch damit auseinander. Wir haben den Auftrag die Demokratie zu fördern, vor diesem Hintergrund müssen wir den Gegnern der Demokratie keine Bühne bauen - egal aus welcher Richtung sie kommen.

Frage: Werden Sie rund um die Abgeordnetenhauswahl als Chefredakteur häufiger selbst auf dem Bildschirm zu sehen sein?

Antwort: Nein. Wir haben hervorragende Kolleginnen und Kollegen in unserer landespolitischen Redaktion sowie starke Moderatorinnen und Moderatoren. Meine Aufgabe ist es, intern dafür zu sorgen, dass gute Arbeitsbedingungen herrschen und wir unsere journalistischen Standards einhalten - nicht darin, selbst im Vordergrund zu stehen.

ZUR PERSON: Georg Heil ist seit April 2026 Chefredakteur des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Zuvor leitete er seit 2021 das ARD-Politikmagazin "Kontraste". Der gebürtige Hannoveraner arbeitete unter anderem als Investigativ-Reporter für die Recherchekooperation von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung", beim MDR sowie für das "Spiegel TV Magazin". Heil wurde unter anderem mit dem Grimme-Preis und dem Marler Medienpreis für Menschenrechte ausgezeichnet.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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