TV-News: ZDF-Doku über die HIV-Krise mit außergewöhnlichem Ansatz

Eine dreiteilige Dokumentation porträtiert die an Aids gestorbenen DDR-Künstler Heiko Zolchow und Dirk Nawrocki. Ein Zeitdokument über den Umgang mit HIV und ein starkes Stück Fernsehen.

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Aktuelle Nachrichten rund ums Thema Fernsehen lesen Sie auf news.de (Symbolbild). Bild: Adobe Stock / Aliaksei

Am Abend des 9. November 1989 fiel nicht nur die Mauer in Berlin, im Kino International an der Karl-Marx-Allee in Ost-Berlin feierte an jenem Abend auch der erste Schwulenfilm der DDR seine Kinopremiere.

Obwohl das Thema Aids damals auch in der DDR schon Kreise zog und auch mit Homosexuellen in Verbindung gebracht wurde, blieb das Thema in dem Film bewusst ausgespart, um nicht noch mehr zu stigmatisieren.

Eine interessante Randnotiz, die Zuschauerinnen und Zuschauer in dem dreiteiligen ZDF-Dokudrama "Aids – In Zeiten der Liebe" mitbekommen.

Die Doku unter dem ZDF-Kulturlabel "Aspekte" ist ein kleiner Schatz im öffentlich-rechtlichen Streaming-Angebot. Denn so was hat man noch nie gesehen. Die Aids-Krise der 80er wird hier deutsch-deutsch erzählt.

Teils arbeiteten die verfeindeten Systeme der Bundesrepublik und der DDR im Zuge der HIV-Krise hinter den Kulissen sogar zusammen.

"Bislang hat die Doku-Serie über 150.000 Abrufe insgesamt", sagt eine ZDF-Sprecherin auf Nachfrage, etwa einen Monat nach Veröffentlichung. Teil eins der drei Teile von je rund 30 Minuten sei das bislang erfolgreichste Video des Jahres bei "Aspekte".

Nichelmann zeigt die politische Dimension einer privaten Geschichte

Die von HIV und Aids in den 80er und 90er Jahren besonders gebeutelten Schwulen, das ist für viele ein Nischenthema, aber bekanntlich lernt man viel über Gesellschaften, wenn man sich anschaut, wie sie mit Minderheiten und verletzlichen Gruppen umgehen.

Die Doku von Johannes Nichelmann ("Nachwendekinder – Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen") wählt diesen spannenden Weg.

Ost-Berlin Anfang der 80er: Der junge Künstler Heiko Zolchow, der zunächst eine Frau geheiratet hat und auch Vater zweier Kinder ist, hat sein Coming-out. Er macht als Bühnenbildner Karriere. Er lernt seine große Liebe, den Schauspieler Dirk Nawrocki, kennen.

Die DDR sieht die Männer "zu asozialen Lebensweisen neigen"

1984 dürfen die beiden Männer die DDR erstaunlich schnell verlassen: Die Behörden wollen die beiden, die recht offen ihr Schwulsein leben, loswerden, da sie eine "verfestigte feindlich-negative Grundeinstellung zur DDR" haben, wie es in erhaltenen Unterlagen heißt.

Die Begründung in den DDR-Papieren damals: "Da beide zu asozialen Lebensweisen neigen, sind Aussprachen vonseiten staatlicher Organe bisher ergebnislos gewesen, und es ist nicht damit zu rechnen, dass Z. und N. zu künftigem gesellschaftsmäßigem Verhalten zu bewegen sind."

Neu im Westen leben Heiko und Dirk ihren Traum: am Theater, im Sex und Exzess. Dann der Alptraum: Die Diagnose Aids bringt Heiko Zolchows Leben rasch an ein Ende. Er stirbt 1987, sein Partner 1994.

Das Bewegende an der Doku sind die Freunde und Weggefährten, die sich liebevoll an die beiden Männer und ihr wildes, experimentelles Leben erinnern.

"Zum Glück sind diese Biografien nicht einfach verschwunden", sagt der Autor und Filmemacher Nichelmann. "Sie sind noch da, in den Erinnerungen der vielen Menschen, deren Leben Heiko und Dirk berührt haben. Auch nach all den Jahren erzählen sie mit einer erstaunlichen Klarheit von diesem Paar, von der Tragik ihrer Geschichte, aber eben auch von der Kraft, die darin liegt."

Einige Reenactments - nachgespielte Szenen - mit Schauspielern lassen neben den Zeitzeugen und Originalaufnahmen ein Panorama von Zolchow und Nawrocki und ihrer Zeit entstehen.

"Was hätte ich ihnen vorwerfen sollen? Dass sie schwul sind?"

Beeindruckend ist etwa Sabine Zolchow, die einstige Ehefrau von Heiko. Sie akzeptierte mit verblüffender Toleranz die Liebe ihres Mannes zu einem anderen Mann: "Was hätte ich ihnen vorwerfen sollen? Dass sie schwul sind?"

Zu Wort kommen beispielsweise auch der Regisseur und langjährige Freund der beiden Männer, Jean-Claude Kuner, der Theaterregisseur Frank Castorf, der Szenenbildner Karl-Hermann Reith und der Schauspieler Bernd Stegemann.

Der Historiker Henning Tümmers ordnet ein, wie etwa angesichts von Aids einige Politiker und Presseorgane und selbst Virologen im Westen das Bild einer apokalyptischen Katastrophe mit einem hetzerischen Schulddiskurs gegen Schwule entwarfen, sogar Safer Sex nicht als Lösung begriffen. In der DDR wurde die Krankheit dagegen zunächst totzuschweigen versucht.

"Hamsterhaftes Sexualleben"

Der CSU-Politiker Peter Gauweiler, damals Staatssekretär in Bayerns Innenministerium, wird in einer Talk-Runde von 1987 gezeigt. Dabei unterstellt er Schwulen ein "hamsterhaftes Sexualleben". Behörden müssten "offene Seuchenquellen, zum Beispiel Saunaclubs von Homosexuellen, in denen massenhaft Analverkehr betrieben wird", schließen.

Gegenkraft ist damals die in diesem Jahr gestorbene CDU-Politikerin Rita Süssmuth, die als Gesundheitsministerin unerschrocken und pragmatisch nicht moralisierte, sondern unter anderem für die Nutzung von Kondomen warb.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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