TV-News: "Westerwelle" - Ein Film gegen das Vergessen

Zehn Jahre schon her, dass der Ex-Außenminister an Krebs starb. Eine Doku lässt viele Begleiter zu Wort kommen: So viel FDP war lange nicht mehr im Fernsehen. Aber viele Fragen werden nicht gestellt.

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64 Jahre alt wäre Guido Westerwelle jetzt. Ein Alter, in dem andere noch Außenminister, Bundeskanzler, Bundespräsident werden. Westerwelle hingegen liegt seit bald zehn Jahren auf dem Melaten-Friedhof in Köln. Auf seinem großen Grab steht eine sehr lebensfroh wirkende Skulptur mit Knollennase. In Bonn, seiner alten Heimatstadt, gibt es inzwischen eine Guido-Westerwelle-Brücke. In Berlin trägt eine Stiftung seinen Namen.

Ansonsten ist es um den früheren FDP-Vorsitzenden, Außenminister und Vizekanzler - einer der prägenden Politiker zum Ende der Bonner und in den Anfängen der Berliner Republik - sehr ruhig geworden. Seine Partei ist aus dem Bundestag verschwunden.

Jetzt zeigt die ARD einen 90-minütigen Dokumentarfilm: "Westerwelle" (lineare Ausstrahlung am Montag, 9.3., im Ersten (22.50 Uhr); danach auch in der Mediathek). Anlass dafür ist sein Todestag. Er starb am 18. März 2016 an Leukämie, mit nur 54 Jahren.

Als "Big Brother" und "Guidomobil" noch für Aufregung sorgten

Es ist ein Film gegen das Vergessen: sehr freundlich im Ton, mit vielen Leuten von damals und Bildern aus einer Zeit, als Donald Trump, Instagram und Künstliche Intelligenz noch keine so große Rolle spielten. Als man sich noch darüber aufregen konnte, dass Westerwelle im "Guidomobil" durchs Land fuhr, zu "Big Brother" in den Container ging und mit einer 18 auf der Schuhsohle in Talkshows saß, weil er 18 Prozent holen wollte. Es wurde nie etwas daraus.

Manche Szenen hat man schon oft gesehen. Westerwelles Karriere ist in den TV-Archiven bestens dokumentiert. Neu ist die Tonspur: Zeitweise spricht er selbst. Der Dokumentarfilmer Jobst Knigge konnte auf bislang unveröffentlichte Aufnahmen von Gesprächen zurückgreifen, die Westerwelle für seine Biografie "Zwischen zwei Leben" mit dem Journalisten Dominik Wichmann im Herbst 2014 auf Mallorca führte. Er wusste bereits von seiner Krankheit. Zentraler Satz: "Jahrzehntelang war ich ein Starker. Und plötzlich bin ich ein ganz Schwacher."

90 Minuten mit vielen FDP-Politikern - und kaum anderen

Tragende Figur des Films ist Westerwelles Ehemann Michael Mronz. Der Unternehmer, heute 59, erzählt in Zwischenblenden von den letzten Monaten bis zum Tod, aber auch von den 13 gemeinsamen Jahren zuvor. Wie Westerwelle beim Heiratsantrag und bei der Trauung 2010 Tränen in den Augen hatte. Und von einem Septemberabend drei Jahre später: "Ich habe Guido zum ersten Mal richtig weinen gesehen an dem Abend." Das war der 22. September 2013, an dem seine Partei nach fast 65 Jahren aus dem Bundestag flog.

Ansonsten kommen vor allem Wegbegleiter aus der FDP zu Wort. Viele, wie die Ex-Gesundheitsminister Philip Rösler und Daniel Bahr, sind inzwischen fast völlig aus der Politik verschwunden. Auch der ehemalige Finanzminister Christian Lindner, vor einem Jahr dann ebenfalls an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert und nun im politischen Off, ist mit einigen Sätzen dabei. Alle kreiseln sie sehr um die eigene Vergangenheit. So viel FDP war im Fernsehen schon lange nicht mehr.

Was würde Westerwelle heute machen?

Umso lieber hätte man gehört, wie Westerwelles "Vermächtnis" (wie in den Programmhinweisen bedeutungsschwer formuliert) woanders beurteilt wird. Aus anderen Parteien äußern sich aber nur Renate Künast (Grüne) und Berlins ehemaliger SPD-Bürgermeister Klaus Wowereit. Vom einstigen Koalitionspartner CDU/CSU sagt in 90 Minuten überhaupt niemand etwas: auch nicht die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel, auch nicht Bayerns Ex-Ministerpräsident Horst Seehofer, die mit ihm im Kabinett bestimmend waren.

Seltsam still bleibt es in dem Film auch um die Außenpolitik. Dabei fehlt es keineswegs an früheren Außenministern und Diplomaten, die Auskunft geben, wenn sie einmal im Ruhestand sind. Zu Wort kommt jedoch nur Mronz: lobend natürlich.

Zumindest hätte man dann aber gern wenigstens von den FDP-Leuten Antwort auf eine naheliegende Frage bekommen: Was würde Westerwelle wohl mit 64 zum Zustand seiner Partei sagen und zur Politik insgesamt? Das ist in anderthalb Stunden überhaupt kein Thema.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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