Fußball-WM: WM in Vancouver: Wo Stadiontore Wohlstand und Elend trennen

Hunderte Dollar müssen Fußball-Fans hinblättern, um ein Ticket für die WM in Vancouver ergattern. Ein paar Straßen weiter erscheint das menschliche Elend grenzenlos. Was setzt die Stadt dem entgegen?

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Der Spielball und die Maskottchen zur Fußball-WM 2026. (Foto) Suche
Der Spielball und die Maskottchen zur Fußball-WM 2026. Bild: Adobe Stock / Freer

Wenn Zehntausende euphorisierter Kolumbianer nach Vancouver kommen, werden sie dort beide Welten sehen. Die wunderbar-grüne Metropole direkt am Pazifik, umringt von Bergen und mit einem modernen Stadion, in dem die Anhänger Luis Diaz und Co. zum nächsten Erfolg bei der WM treiben wollen. Aber auch das Elend und das menschliche Desaster, das unweit des Bahnhofs gewaltige Ausmaße hat.

Auch die Fußball-Arena, Heimspielstätte von Ex-Weltmeister Thomas Müller, ist nur wenige Gehminuten von dem sozialen Brennpunkt entfernt. Während im B.C. Place an diesem Dienstag (22.00 Uhr/ARD und MagentaTV) beim Achtelfinale Schweiz gegen Kolumbien die nächste perfekt choreografierte Show auf dem Programm steht, wird in den WM-Tagen deutlich: die Stadiontore trennen Wohlstand und Elend so krass wie nie zuvor.

Keine Vertreibung der Obdachlosen

Die Vervielfachung der Ticketpreise von Katar 2022 bis Amerika 2026 hat dafür gesorgt, dass der Stadionbesuch bei der WM zu einem Erlebnis wird, das nur noch der oberen Schicht vorbehalten ist. Hunderte Euro für ein Ticket bei diesem Turnier hinlegen zu müssen, ist Standard. Geht es in die K.-o.-Phase, schießen die Preise auf den Wiederverkaufsplattformen schnell auf vier-, fünf- oder sogar sechsstellige Summen.

Und in der anderen Welt, 800 Meter nördlich? Da ist den Obdachlosen und Drogensüchtigen während der WM immerhin das geblieben, was zu ihrem natürlichen Lebensraum geworden ist. Die Stadt hat sie nicht vertrieben, um auf der großen Fußball-Bühne ein makelloses Bild abgeben zu können.

Hunderte Meter Kartonbehausungen

Dass in den Städten in den USA und Kanada Armut und existenzielle Not grundsätzlich gelassener hingenommen werden, ist kein neues Phänomen. Doch wer die Verhältnisse und Innenstädte in Mitteleuropa kennt und in die Hastings Street von Vancouver einbiegt, erschaudert regelrecht. Zeltstädte über hunderte Meter, Kartonbehausungen, Drogen, Leichen. Todesfälle infolge einer Überdosis gehören hier zum Alltag.

Vancouvers Bürgermeister Ken Sim setzte 2025 im Stadtrat durch, den Bau neuer Sozialwohnungen vorerst auszusetzen. Das dadurch gesparte Geld soll stattdessen für die Modernisierung der bestehenden Anlagen sowie die Stärkung des sogenannten "Supportive Housing" genutzt werden. Dabei werden Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen unterstützt.

Warum Vancouver ein Hotspot der Armen ist

"Wenn wir uns die aktuelle Situation ansehen: Es ist die Definition von Wahnsinn, alles so weiterzumachen wie bisher und andere Ergebnisse zu erwarten", sagte Bürgermeister Sim über das Stadtbild, in dem sich das menschliche Elend auf ein paar Hotspots konzentriert. Daran hat sich bis dato nichts geändert.

Warum gerade Vancouver? Die Stadt mit rund 700.000 Einwohnern, in die viele junge Europäer wegen der hohen Freizeit-Qualität ihren Lebensmittelpunkt verlagern, gilt dank des milden Klimas und der Vielfalt als großer Sehnsuchtsort, auch für Touristen.

Doch weil die Stadt am Pazifik gemeinsam mit Victoria auf Vancouver Island die wärmste in Kanada ist, zieht sie Obdachlose in besonderem Maße an. In Vancouver lässt es sich leichter überleben als in anderen kanadischen Städten, gerade im Winter.

Wenn die Fans aus Kolumbien und der Schweiz nach ihrem Achtelfinale die Stadt wieder verlassen und weiterziehen, wird das Großereignis WM für die Metropole in British Columbia nach knapp einem Monat vorbei sein. In Downtown wird wieder etwas mehr Ruhe einkehren. Das Elend rund um den zentralen Bahnhof bleibt.

Stets neue Drogen im Umlauf

In den vergangenen zehn Jahren gab es rund 15.000 Todesfälle im Zusammenhang mit Opioiden. Diese werden normalerweise zur Linderung von Schmerzen eingesetzt, machen aber stark abhängig. Für viele Menschen in der East Hastings Street scheinen sie die letzte Möglichkeit, das eigene Dasein ertragen zu können.

Für die Behörden und die Stadt ist es eine fast unmögliche Aufgabe, die Situation auf den Straßen zu kontrollieren, weil stets neue Drogen im Umlauf sind. Mark Lysyshyn, stellvertretender medizinischer Leiter von Vancouver Coastal Health, nannte dies "ein komplexes Problem, das sich von Jahr zu Jahr verändert".

Größere Probleme mit Gewaltdelikten durch die WM sind nicht bekannt. Doch das lag nicht an besonderer Prävention, sondern daran, dass sich die Delikte der Menschen in den Brennpunkten meist auf Drogenmissbrauch und Ladendiebstahl beschränken.

Vancouver 2026 erinnert an Manila 2023

"Die Stadtverwaltung kann es sich nicht leisten, Ressourcen für die Besucher aufzuwenden; sie müssen stattdessen bei den Anwohnern eingesetzt werden", sagte Lysyshyn dem Portal "The Athletic".

Dass die gigantische Sport-Show und bittere Armut nur wenige Meter trennen, ist kein neues Phänomen. Als Deutschlands Basketballer 2023 in Manila völlig unerwartet den WM-Titel gewannen und dabei die USA besiegten, gingen aus der Hauptstadt der Philippinen Bilder von großen Emotionen, Tränen und erfüllten Träumen in die Welt.

Auf dem kurzen Weg in ihre Hotels konnten die Basketball-Millionäre damals sehen, wie Kinder nachts ohne ihre Eltern auf offener Straße an einem vielbefahrenen Kreisverkehr schliefen. In Vancouver wird es an diesem Dienstag nicht viel anders sein, wenn Kolumbiens euphorisierte Fans das Stadion komplett in Gelb hüllen.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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