Interview mit Jonathan Van Meter: Biograf enthüllt das größte Missverständnis über Kim Kardashian

Ungeschminkt, lernhungrig und unterschätzt: Kim Kardashian gilt in der Öffentlichkeit als Reality-TV-Star mit perfekter Fassade. Doch der Autor der Biografie "KIM" zeichnet im Interview ein komplett anderes Bild.
 

Von news.de Redakteurin - Uhr

Kim Kardashian ist weitaus mehr als ein Reality-TV-Star. (Foto) Suche
Kim Kardashian ist weitaus mehr als ein Reality-TV-Star. Bild: picture alliance/dpa/Invision | Scott A Garfitt
  • Interview mit Autor Jonathan Van Meter über sein Buch "KIM"
  • Autor räumt mit Missverständnissen über Kim Kardashian auf
  • Kim Kardashian macht es nicht ohne ihre Familie
  • Reality-TV-Star bringt für ihre Online-Präsenz Opfer

Wenn wir an Kim Kardashian denken, sehen wir eine reiche und durch einige Skandale gegangene Unternehmerin vor uns, die nicht nur das Reality-TV nachhaltig prägte, sondern die Art, wie wir Social Media nutzen, veränderte. Ein Medienphänomen, das für die ein oder andere Kontroverse sorgte. Dabei wurde sie einfach nur dadurch berühmt, dass sie sich perfekt selbst vermarktete. Es bleibt eine Frage: Wer ist Kim Kardashian wirklich?

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Autor Jonathan Van Meter verrät, was hinter dem Phänomen Kim Kardashian steckt

Redakteur und Autor Jonathan Van Meter hat sich für seine autorisierte Biografie "KIM" auf Spurensuche gegeben. "Ich habe nach all den fehlenden Puzzleteilen gesucht und ich habe sie gefunden", sagte er im Interview mit news.de. Dabei räumt er mit Missverständnissen über sie auf. Er erzählt von ihrem nächtlichen Studium für die Juraprüfung ab 5 Uhr morgens, wieso sie SKIMS aus der Erde stampfte und warum die Kritik an ihrem angeblichen "Fehlen an Talent" komplett an der Realität vorbeigeht.

In Ihrem Buch ergründen Sie das Phänomen Kim Kardashian. Was hat sie am meisten über sie beeindruckt, nachdem Sie Kim zum ersten Mal trafen oder nach Gesprächen mit Familienmitgliedern?

Das erste Mal, dass ich mit ihr gesprochen habe, war am Telefon. Ich arbeitete gerade an einem Porträt über ihre Schwester Kendall Jenner. Wir haben etwa 20 Minuten lang telefoniert, und das Erste, was mich an ihr besonders beeindruckte – was mir sofort auffiel –, war das, was sie über ihre Schwester erzählte. Kendall ist 15 Jahre jünger, daher hat Kim ihr gegenüber so etwas wie eine mütterliche Haltung. Kendall wollte schon als junges Mädchen unbedingt Model werden, litt aber unter schlimmer Akne und war eher eine Einzelgängerin. Kim war so unglaublich ehrlich und liebenswürdig, als sie all das über ihre Schwester schilderte. Ich dachte nur: Wow, mit einer so zutiefst persönlichen und durchdachten Antwort hatte ich gar nicht gerechnet.

Das war also das erste Mal, dass ich dachte: "Ich bin wirklich neugierig auf diese Person." 2019 habe ich dann die Vogue-Titelgeschichte über Kim geschrieben. Als ich sie zum ersten Mal traf – ehrlich gesagt, fiel mir sofort ihre Stimme auf und die Art, wie vertraut und nahbar sie wirkt. Bei diesem Fotoshooting für die "Vogue" standen wir ganz nah beieinander und unterhielten uns; sie strahlt einfach eine große Freundlichkeit und eine gewisse Zielstrebigkeit aus.

Während ich über die Jahre an dem Buch arbeitete, konnte ich sie genauer beobachten. Sie war unter anderem dabei, sich auf eine juristische Laufbahn vorzubereiten. Wenn ich bei ihr war, lagen oft überall Stapel von juristischen Fachbüchern herum. Manchmal musste sie sich einen ganzen Monat lang von allen anderen Verpflichtungen freinehmen, um zu lernen und Prüfungen abzulegen. Ich war tief beeindruckt davon, wie kompetent, engagiert und gewissenhaft sie ist. Sie steht morgens um 5 Uhr auf, trainiert, lernt und bringt ihre Kinder zur Schule. Ich war einfach erstaunt darüber, wie viel sie an einem einzigen Tag alles schaffen kann.

Was ist Ihrer Ansicht nach das größte Missverständnis, das über sie besteht?

Ich glaube, vor allem wegen der Fernsehsendung "Keeping Up with the Kardashians", die anfangs wie eine Art Sitcom wirkte, albern war und eine halbe Stunde dauerte, später dann zu einem längeren Format überging und etwas ernster wurde, haben die Leute den Eindruck gewonnen, dass die gesamte Familie nicht wirklich ernst zu nehmen sei. Die Sendung selbst ist schließlich auch nicht besonders ernst. Doch das trifft so nicht auf alle Familienmitglieder zu; sie sind tatsächlich weitaus nachdenklicher.

Ein weiteres Missverständnis in Bezug auf Kim ist die Vorstellung, die viele vermutlich von ihrem Alltag haben. Wann immer ich mit ihr zusammen war, trug sie im Grunde nur einen Schlafanzug oder bequeme Sportkleidung – und keinerlei Make-up. Wenn sie zu Hause ist, trägt sie so gut wie nie Make-up oder etwas Aufwendigeres als eine Jogginghose und ein Tanktop. Sie ist der Mensch, bei dem ich bisher am meisten das Gefühl hatte, dass sie es einfach nur bequem mag. Die Öffentlichkeit sieht jedoch meist nur Bilder von ihr, auf denen sie stark geschminkt ist und extrem enge, freizügige Outfits trägt.

Bevor wir über die Person sprechen, die wir heute aus dem Fernsehen kennen, möchte ich mit Ihnen über ihr Aufwachsen sprechen. Und dabei auch die Rolle ihrer Eltern, insbesondere ihres Vaters Robert Kardashian, beleuchten. Wie hat sein Einfluss während ihrer Zeit in Hollywood dazu beigetragen, dass sie sich zu der Geschäftsfrau und unabhängigen Investorin entwickelte, die sie heute ist? Ist es eher der Einfluss ihres Vaters oder der ihrer Mutter?

Sie ist einer dieser seltenen Menschen, in denen sich beide Elternteile gleichermaßen widerspiegeln. Sie hat so viel von ihrem Vater und ebenso viel von ihrer Mutter. Während der Arbeit an diesem Buch habe ich unter anderem herausgefunden, dass Kris Jenners Mutter, MJ – Kims Großmutter aus Arkansas –, aus einer langen Reihe unabhängiger Frauen stammt; sie ließen sich oft von ihren Ehemännern scheiden und gründeten anschließend ein Geschäft oder ein eigenes Unternehmen. Das ist also die mütterliche Seite.

Die väterliche Seite ist stärker durch den hohen Stellenwert von Bildung geprägt. So besuchten beispielsweise alle drei Geschwister von Robert die USC (University of Southern California). Der armenische Teil von Kims Herkunft ist zudem stark unternehmerisch geprägt. Von beiden Seiten hat sie also diesen angeborenen Drang geerbt, Unternehmen aufzubauen. Ihr Vater hat ständig neue Firmen gegründet, um zu sehen, was sich davon etablieren würde.

Ein weiteres Missverständnis ist die Annahme, Kim habe nur danach gebrannt, berühmt zu werden. Tatsächlich ging es ihr jedoch darum, einen Weg in die Geschäftswelt zu finden – und die Berühmtheit war lediglich ein Schritt in dieser Strategie. Manche behaupten, sie sei 'berühmt, weil sie berühmt ist' (ein Ausdruck, den ich verabscheue), oder sie habe keinerlei Talent. Aber das stimmt absolut nicht. Das Talent war durchaus vorhanden, es lag nur eben nicht im Bereich Popmusik oder Schauspielerei, sondern im Aufbau von Unternehmen.

Gemeinsam schufen die Kardashians ein beispielloses, von Frauen geführtes Medien- und Wirtschaftsimperium. Ist Kim heute das natürliche Produkt dieses mächtigen Familiensystems oder ist sie ihren eigenen Weg gegangen?

Es ist schon lange her, als ich sie 2019 zum ersten Mal traf – erzählte sie mir, dass die Schöpfer bzw. Produzenten von "Keeping Up with the Kardashians" beim Sender E! einmal fragten: "Wir verstehen das nicht – da sind zu viele Leute. Können es nicht einfach nur Kim und ihre Mutter sein' Kims Antwort darauf war: "Nein, ohne die ganze Familie mache ich das nicht." Sie vertrat schon immer den Standpunkt: "Ohne sie bin ich nichts."

Sie wohnen nach wie vor alle in derselben Gegend, es gibt 13 Enkelkinder, und sie fahren gemeinsam Fahrrad. Dieser enge Familienzusammenhalt ist zweifellos das Wichtigste in ihrem Leben. Doch sie war auch schon immer diejenige, die das gewisse Etwas mitbrachte. Als die Sendung erst einmal erfolgreich war, wollten die Leute Geschäfte mit Kim machen, nicht mit den anderen. Sie stach immer besonders hervor – ein bisschen wie Stevie Nicks bei Fleetwood Mac oder Belinda Carlisle bei den Go-Go's.

Welchen Rat gab Kris Jenner ihrer Tochter für deren Weg in die Öffentlichkeit? In der öffentlichen Wahrnehmung wurde Kris oft als streng oder sogar 'böse' angesehen. Ist das ein Trugschluss? Hat sie dazu beigetragen, dass ihre Tochter zu einer Mediensensation wurde?

Kris Jenner hatte definitiv einen enormen Einfluss. Ich sage immer: Kris und Kim sind eher wie Schwestern als wie Mutter und Tochter. Sie stehen sich unglaublich nahe und bilden schon lange vor Beginn der Show ein eingespieltes Team. Beide hatten klare Ziele und fanden gemeinsam einen Weg, diese zu erreichen – dank ihres Gespürs für Kontakte und des Showgeschäfts.

Auch Caitlyn (damals Bruce) Jenner übte einen gewaltigen Einfluss aus. Kims leiblicher Vater starb, als sie 22 war, und ihre Eltern ließen sich scheiden, als sie 10 war; Bruce wurde also schon in jungen Jahren zu ihrem Stiefvater. Bruce sagte einmal zu Kim: "Du musst lernen, dich in unsicheren Situationen zu bewegen, um im Leben zu wachsen. Je mehr Unsicherheit du aushalten kannst, desto mehr wirst du wachsen." Ich fand, das war ein wirklich großartiger Rat. Kim hatte drei interessante, starke Elternfiguren: Caitlyn, Robert und Kris.

Als Mutter kommt Kris oft schlecht weg, dabei ist sie einer der optimistischsten Menschen, denen ich je begegnet bin – sie sieht immer die Sonnenseite des Lebens, ist stets fröhlich und konzentriert sich auf das Positive. Kim hat das auch. Ihre Tante CeCe (eine Cousine von Robert) sagt: "Wir verweilen nicht im Negativen und lassen uns nicht auf ein niedriges Niveau herab." Sie halten sich nicht mit negativen Dingen auf; sie sind durch und durch optimistische Menschen.

Sie hat Skims erfolgreich ins Leben gerufen, womit sie Mode- und Körperideale in ein Milliardenunternehmen verwandelt hat. Ist Skims das Ergebnis einer strategischen Entscheidung oder entspringt es ihrem persönlichen Selbstverständnis?

Skims ist heute ein 5-Milliarden-Dollar-Unternehmen und die erfolgreichste Promi-Marke der Geschichte. Sie ist absolut authentisch für Kim. Es ist ein Unternehmen, das Lösungen für Kims ganz persönliche Probleme bietet: "Ich finde einfach nichts, das meinem ungewöhnlichen Körper passt, und nichts, das zu meinem Hautton passt." Sie färbte Kleidungsstücke, zerschnitt Shapewear, Mieder und BHs, um daraus – wie bei Frankenstein – neue Stücke zusammenzusetzen, die sie dann in der Badewanne mit Kaffee oder Tee einfärbte. Genau daraus ist Skims entstanden. Es ist der reinste Ausdruck von Kim – absolut authentisch, und genau deshalb ist die Marke so erfolgreich.

Was das Körperbild und die eng anliegende Kleidung, selbst im Kontext von Aktivismus, betrifft: Ist das modernes Unternehmertum oder einfach nur ihr persönlicher Stil?

Ich glaube, so ist sie einfach. Einmal waren wir auf dem Weg von ihrem Haus zu einer Anwaltskanzlei im San Fernando Valley – in Begleitung von zwei ihrer juristischen Mentoren. Kim saß am Steuer; sie trug einen engen Schlauchrock, Sandalen mit Schnürungen, die bis an die Beine reichten, und ein durchsichtiges, eng anliegendes Oberteil, das ihren Bauch entblößte. Kurz bevor wir die Kanzlei betraten, zog sie sich einen grauen Kapuzenpullover über. So kleidet sie sich eben.

Sie fühlt sich sehr wohl dabei, sich auf diese Weise zu zeigen. Das passt zu dem, was sie beruflich macht: Sie postet ständig Dinge über sich selbst – und in ihrer Reality-Show geht es ebenfalls darum, sich permanent der Öffentlichkeit zu präsentieren. Es haftet ihr generell eine Art metaphorische Unverhülltheit an. Sie ist ein offenes Buch.

Welchen Preis zahlte sie für diese radikale Transparenz im Internet?

Jemand fragte mich: 'Ist sie glücklich? Sie wollte der berühmteste Mensch der Welt werden – und das ist sie geworden. Hat sie das glücklich gemacht?' Ich habe sie mit Joan Rivers verglichen, die es liebte, berühmt zu sein. Sie hat sich nie beschwert und war jedes Mal zutiefst dankbar, wenn eine Limousine vorfuhr. Kim liebt es auch.

Die Kehrseite – der Preis, den sie dafür gezahlt hat – ist, dass nichts mehr privat sein kann. Ihre schmerzhafte, langwierige Trennung von Kanye, das Heranwachsen ihrer Tochter North – all das geschieht so öffentlich, dass sie manchmal regelrecht zusammenzuckt und sich fragt: "Was habe ich da nur getan?" Das lässt sich nicht rückgängig machen. Sie muss überall in einer Wagenkolonne mit bewaffnetem Sicherheitspersonal unterwegs sein. Das ist definitiv ein Opfer.

Einige Kritiker sprechen im Zusammenhang mit Kim Kardashian über Feminismus oder stellen die Frage: Ist ihr Engagement für eine Reform des Strafrechtssystems aufrichtig – oder handelt es sich um eine PR-Strategie, um das Image eines 'guten Menschen' aufzubauen?

Ihr Einsatz für eine Reform des Strafrechtssystems und die Mühe, die sie auf sich nahm, um Anwältin zu werden, obwohl sie bereits unglaublich reich und berühmt war und es gar nicht nötig gehabt hätte, so hart zu arbeiten, sind absolut aufrichtig. Ich habe Hunderte von berühmten Persönlichkeiten, Popstars und Schauspielerinnen interviewt, aber noch nie habe ich erlebt, dass jemand so viel Zeit und Energie in wohltätige Zwecke investiert.

Normalerweise raten PR-Berater Prominenten dazu, sich einfach irgendeine Wohltätigkeitsorganisation auszusuchen, doch Kim sagte: "Ich werde ganz sicher nicht einfach irgendetwas willkürlich auswählen. Es muss mir wirklich am Herzen liegen." Nachdem sie reich und berühmt geworden war, verspürte sie das Bedürfnis, ihrem Leben nachträglich einen Sinn und eine Bestimmung zu verleihen.

Sie besuchte zudem Marymount, eine private katholische Mädchenschule am Sunset Boulevard, an der Gerechtigkeit, Fairness und Nächstenliebe großgeschrieben wurden. Während ihres Aufstiegs zur Berühmtheit traten diese Werte in den Hintergrund, gewannen jedoch wieder an Bedeutung, als sie ihre Ziele erreicht hatte – in der Überzeugung, dass es zur Pflicht eines anständigen Bürgers gehört, sich für benachteiligte Menschen einzusetzen, insbesondere für diejenigen, die zu Unrecht inhaftiert sind.

Was sollen die Menschen aus Ihrem Buch mitnehmen? Was sollten sie im Hinblick auf Kim Kardashian überdenken?

Die wichtigste Erkenntnis, die ich nach mehreren Jahren des Kennenlernens gewonnen habe, ist, dass Kim und ihre Familie schon immer so waren. Die Sendung hat ihr Leben nicht verändert: Sie haben schon in den 1990er-Jahren genau so gelebt. Nichts davon ist Zufall oder dem Schicksal geschuldet. Jeder einzelne Teil ihrer Geschichte – von der ersten Begegnung zwischen Chris und Robert in den 1970er-Jahren bis heute – ergibt einen Sinn. Das gesamte Phänomen Kim Kardashian wird plötzlich verständlich, wenn man ihre vollständige Geschichte einmal im Zusammenhang betrachtet.

"KIM" von Jonathan Van Meter. (Foto) Suche
"KIM" von Jonathan Van Meter. Bild: Goldmann/UNO Werbeagentur/Jason Ramirez/Greg Swales

Titel: "KIM. Kim Kardashian – die autorisierte Biografie"
Autor: Jonathan Van Meter
Verlag: Goldmann, 2026
Seitenzahl, Buchart: 352, Paperback
Preis: 25,00 Euro
ISBN:978-3-442-31667-0

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