Literaturnobelpreisträgerin: Elfriede Jelinek mit 80: Zurückgezogen, aber omnipräsent

Der Literatur-Star gilt als scheu, ist aber von den Bühnen nicht wegzudenken. Was Jelineks Texte so anziehend und gleichzeitig schwierig macht - und warum sie auch für Vampir-Klamauk zu haben ist.

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Die Welt der Stars im Blick: Aktuelle Promi-Nachrichten lesen Sie auf news.de (Symbolbild). Bild: picture alliance / dpa | Sebastien Nogier

Die österreichischen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek scheut auch rund um ihren 80. Geburtstag am 20. Oktober die Öffentlichkeit. Ihre komplex gestalteten Werke sind auf deutschsprachigen Bühnen jedoch beinahe allgegenwärtig. Die wichtigsten Neuigkeiten und Hintergründe zu der zurückgezogenen, aber hochproduktiven Autorin:

Welches neue Stück demnächst zu sehen ist

Am 22. Oktober wird "Ein Übertritt" am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt. "Ich sehe die Menschheit auf den Abgrund hin zurasen, obwohl sie dort ja schon war, oft genug, grad erst gewesen ist, vor einem Augenblick, seit fast achtzig Jahren (...)", heißt in dem Text. Er entstand zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs im Vorjahr. In dem düsteren Werk beschäftigt sich Jelinek mit Krieg und Frieden, mit Menschlichkeit und Unmenschlichkeit - und mit der deutschen Identität.

Mehr als ein Dutzend neue Inszenierungen von Jelineks Stücken kommen in der laufenden Saison auf die Bühne, wie aus der Website des Rowohlt Theater Verlags hervorgeht. Die Produktionen entstehen vor allem in Deutschland und Österreich, aber auch in Frankreich und Tschechien. Jelineks Werke wurden bislang in 54 Sprachen übersetzt.

Was Jelineks Werk so besonders macht

Die Schriftstellerin behandelt brandaktuelle und globale Themen. Im Sommer wurde etwa bei den Salzburger Festspielen "Unter Tieren" uraufgeführt. Ausgehend von dem Zusammenbruch der Signa-Immobiliengruppe und anderen Wirtschaftsskandalen legt der Text Verbindungen zwischen Finanzwelt, Gewalt und industrieller Tierhaltung offen. Zuvor hatte sich Jelinek in "Sonne / Luft / Asche" mit dem Klimawandel auseinandergesetzt - aber nicht nur damit. Der letzte Teil dieser Trilogie ist auch ein Trauergesang für ihren 2022 verstorbenen Ehemann Gottfried Hüngsberg.

Jelineks Bühnenwerke kommen ohne Handlung und klar definierte Personen aus - wie das neue Stück "Ein Übertritt", das von Jossi Wieler inszeniert wird. "Es ist eine sehr, sehr eigene Sprache", sagt der Regisseur über die Texte der Autorin. Es sei eine "Sprachmusik", die in die Geschichte, Philosophie, Literatur und Musik des Abendlandes hineinhöre, ohne zwangsläufig immer schön zu klingen, erklärt er der Deutschen Presse-Agentur. "Sie hat ein immenses Wissen in sich gespeichert. Das ist phänomenal", sagt er über Jelinek.

Wie der Durchbruch gelang

Ursprünglich schien eine musikalische Laufbahn für Elfriede Jelinek vorgezeichnet. Ihre Kindheit in Wien war von der Ausbildung an mehreren Instrumenten geprägt. Mit 13 Jahren wurde sie am Konservatorium aufgenommen. Doch noch während ihres Orgelstudiums wandte sie sich dem Schreiben zu.

Im Jahr 1975 erschien Jelineks Roman "Die Liebhaberinnen". Das feministische Werk markierte den Durchbruch für die junge Autorin. Für große Aufmerksamkeit sorgte danach auch "Die Klavierspielerin" (1983). Die Erzählung, in der Gewalt und Sexualität schonungslos beschrieben werden, wurde 2001 von Michael Haneke verfilmt. Isabelle Huppert spielte die Titelrolle. Diese Themen setzte Jelinek in dem Bestseller "Lust" (1989) fort.

Warum sie für den Nobelpreis nicht nach Schweden reiste

Ins internationale Rampenlicht rückte die Schriftstellerin, als ihr 2004 der Literaturnobelpreis verliehen wurde. Sie erhielt die Auszeichnung "für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen", welche "die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen", wie es von der Schwedischen Akademie hieß.

Doch wegen einer Angststörung reiste Jelinek nicht zur Preisverleihung nach Stockholm. "Vielleicht ist die Angst unser einziger Widerstand, den wir einer brutalen, entsetzlichen Welt entgegenzusetzen haben?", schrieb Jelinek 2005 auf ihrer Website. Auch zu ihrem 80. Geburtstags seien keine Interviews und öffentlichen Auftritte geplant, heißt es von ihrem Verlag.

Wie die Autorin aneckt

Mit ihren schonungslosen Texten über Sexualität, Gewalt und Macht, die auch vor obszöner Sprache nicht zurückschreckten, stieß Jelinek bei Teilen der Öffentlichkeit und Literaturszene auf Ablehnung. Ein Nobelpreis-Juror trat gar aus Protest gegen ihre Auszeichnung zurück.

Jelinek, deren väterlicher Stammbaum teils jüdische Wurzeln hat, hat sich auch stets für die Aufarbeitung der NS-Zeit starkgemacht. Zudem hat sie sich klar gegen die FPÖ positioniert und damit die rechte Partei gegen sie aufgebracht. Als der Autorin vor einigen Jahren die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wien verliehen wurde, meinte ein FPÖ-Politiker, Jelinek brauche vor allem "eine umfangreiche Therapiemöglichkeit". Vor wenigen Tagen kritisierte die FPÖ, dass die Stadt Wien Teile von Jelineks literarischem Archiv für 600.000 Euro ankauft: In Zeiten öffentlicher Sparmaßnahmen sei dies eine "Provokation".

Was Conchita Wurst mit Jelinek zu tun hat

Jelineks Literatur gilt als anspruchsvoll. "Die Texte sind immer länger geworden, sie sind immer komplexer geworden", sagt Pia Janke, die Leiterin des Jelinek-Forschungszentrums in Wien. Sie empfiehlt, die Texte zum besseren Verständnis laut und in kleineren Dosen zu lesen.

Für Neugierige, die sich dennoch nicht an ein Jelinek-Theaterstück wagen, gibt es schon bald etwas leichter verdauliche Kost: Ulrike Ottingers Vampir-Horrorkomödie "Die Blutgräfin" kommt Ende Oktober in die Kinos. Jelinek wirkte am Drehbuch des Streifens mit, der mit Stars wie Isabelle Huppert, Lars Eidinger und Tom Neuwirth alias Conchita Wurst gedreht wurde.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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