Iran-Krieg: Irans Generation Z kämpft um ihre Zukunft
Sie sind 17, sprechen über Krieg und denken ans Auswandern. Darja und Negin gehören zu einer Generation, die den Iran verändert, aber an der eigenen Zukunft dort zweifelt.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
Suche
Auch Hoffnung kann man bereuen. Sie hält die Vorstellung lebendig, dass sich alles noch zum Guten wendet. Doch was, wenn darüber Jahre vergehen, die niemand zurückgeben kann? Darja und Negin sind siebzehn, sie lieben den Iran und denken dennoch daran, ihn zu verlassen. Sie bereiten sich auf die Universität vor, diskutieren über Krieg und politische Umbrüche, über die Zukunft ihres Landes und ihre eigene. Beide wissen, dass Veränderungen Zeit brauchen. "Wenn ich heute zurückblicke, denke ich manchmal, dass es besser gewesen wäre, weniger Hoffnung zu haben", sagt Negin. "Dann hätte ich vielleicht weniger gelitten."
Während Darja und Negin am Küchentisch sitzen, dreht sich das Gespräch wieder um den Krieg. Berichte über mögliche Angriffe der USA und Israels machen die Runde, die Erinnerungen an die letzten Bombardierungen sind noch frisch. Die beiden sind fast wie Schwestern. Darja ist temperamentvoll, Negin ernster und nachdenklicher. Sie würde sich lieber mit anderen Dingen beschäftigen, doch der Politik kann sie sich kaum entziehen. Wie anders das Leben in Deutschland ist, macht sie an einer Sorge deutlich: "Ihr musstet euch nicht jeden Morgen fragen, ob euch eine Bombe auf den Kopf fällt. Wenn ich in einem freien Land leben würde, wäre mein erster Gedanke nach dem Aufwachen vermutlich nicht, sofort die Nachrichten zu überprüfen."
Wenn das Vertrauen schwindet
Irans Gesellschaft hat sich in wenigen Monaten tiefgreifend verändert. Zu Jahresbeginn entzündeten sich an einer Wirtschaftskrise Massenproteste, die der Sicherheitsapparat mit tödlicher Gewalt niederschlug. Wenig später folgte der Krieg, der die Spaltung im Land weiter vertiefte. Auch unter Jugendlichen schwindet das Vertrauen. "In unserer Klasse gab es Unterstützer des Regimes", sagt Darja. "Wir wussten zunächst gar nicht, dass sie unter uns waren." Die Entdeckung machte ihr Angst. "Ich erinnere mich, dass ich mit vier Freundinnen eine ganze Nacht wach blieb. Wir haben die ganze Zeit telefoniert, weil wir fürchteten, am nächsten Tag verraten zu werden."
Auch beim Krieg verlaufen die politischen Fronten nicht so eindeutig, wie Darja zunächst glaubte. Einige ihrer Mitschüler hofften, die Angriffe könnten einen politischen Umbruch erzwingen. Andere lehnten den Krieg ab. "Die Haltung zum Krieg hat nicht zwangsläufig etwas damit zu tun, ob jemand für oder gegen das Regime ist", sagt Darja. Auch Negin hatte zeitweise auf Veränderung gehofft, fürchtet inzwischen aber vor allem neue Opfer. "Am Ende wären wir wieder diejenigen, die den Schaden tragen."
Der Wandel und seine Gegner
Darja und Negin gehören zur Generation Z. Sie umfasst etwa die Jahrgänge 1995 bis 2010 und ist im Iran zu einer treibenden Kraft des gesellschaftlichen Wandels geworden. Vor allem junge Frauen haben seit den Protesten von 2022 unter dem Ruf "Frau, Leben, Freiheit" die Grenzen des Erlaubten verschoben. Der politische Umbruch blieb aus, doch kulturell hat sich das Land verändert. In Irans Metropolen widersetzen sich viele junge Menschen immer offener den strengen islamischen Kleidervorschriften. Was einst undenkbar schien, ist vielerorts Alltag geworden. Mal wirken die Behörden machtlos, mal sehen sie offenbar weg, um die ohnehin angespannte Lage nicht weiter zu verschärfen.
In konservativen Kreisen stößt dieser Wandel auf Widerstand. Ende September drohte Justizchef Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi, Verstöße gegen die Kleidervorschriften mit hoher Priorität zu verfolgen. "Dieser Zustand der Nacktheit ist nicht erträglich", sagte er bei einer Sitzung des Justizrats. Auch Abdulhussein Chosropanah, Generalsekretär des einflussreichen Rats der Kulturrevolution, macht die Erziehung in den Familien und die sozialen Medien für die Verstöße verantwortlich.
An diesen warmen Herbstabenden scheint Teherans Innenstadt vor allem der jungen Generation zu gehören. In Gruppen ziehen sie bis spät in die Nacht durch die Straßen, viele Frauen tragen ihr Haar offen, aus schicken Cafés dröhnt Techno. Noch vor wenigen Jahren verlief eine scharfe Grenze zwischen öffentlichem und privatem Leben. Doch die neue Lebensfreude ist nicht frei von Anspannung. Die gesellschaftlichen Konflikte sind spürbar, die Sorge vor weiteren Angriffen bleibt. "Ich finde, unsere Generation ist ungeheuer stark. Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie stark wir sind", sagt Negin.
Über das eigene Leben entscheiden
"Wir akzeptieren nicht, dass uns jemand veraltete Vorstellungen oder ungerechte Regeln aufzwingt", sagt sie. Der Streit um das Kopftuch steht für sie stellvertretend für eine größere Frage: Wer darf über ihr Leben bestimmen? "Freiheit bedeutet nicht nur, dass ich ohne Kopftuch nach draußen gehen kann. Vielleicht habe ich überhaupt keine Lust hinauszugehen. Entscheidend ist, dass ich selbst wählen darf."
Und doch erfüllt eine Traurigkeit den Raum, sobald die beiden über ihre Zukunft sprechen. Darja wird in wenigen Monaten 18. "Ich möchte nicht warten, bis alles wieder in Ordnung ist, um dann plötzlich so alt zu sein wie meine Eltern. Wenn der Iran erst dann wieder auf die Beine kommt, bringt mir das für mein eigenes Leben kaum noch etwas", sagt sie mit angespannter Miene. Auch sie und einige ihrer Freunde denken inzwischen daran, den Iran zu verlassen. Wie weit dieser Wunsch reicht, erschreckt die Schülerin selbst. "Ich kenne jemanden, der gesagt hat: "Ich wäre lieber in irgendeinem anderen Land ein Bettler, als im Iran zu bleiben." Das ist wirklich schlimm."
Eine Zukunft voller Ungewissheit
Negin betrachtet die Auswanderung nüchtern. "Unter den Bedingungen im Iran kannst du dir keine Zukunft garantieren, wenn du hierbleibst. Im Ausland hast du zumindest eine gewisse Hoffnung. Und wenn es dort nicht funktioniert, kannst du schlimmstenfalls eines Tages zurückkehren." Doch was wie eine einfache Abwägung klingt, ist für sie eine schmerzhafte Entscheidung. "Wenn ich einen guten Grund fände zu bleiben, würde ich mich sehr darum bemühen. Warum sollte man nicht in seinem eigenen Land leben wollen?", sagt sie. "Über Heimat und Zuhause könnte ich stundenlang reden. Wir lieben den Iran. Das macht den Gedanken an die Auswanderung ja so schwer."
Nun müssen sich die beiden zunächst auf ihr letztes Schuljahr konzentrieren. Vor ihnen liegt der Konkur, die landesweite Aufnahmeprüfung für die Universitäten. Der Druck ist hoch. Schulbücher werden teurer, die Erwartungen der Familien sind groß. Darja fürchtet, ihre Eltern zu enttäuschen. "Es tut weh, sich vorzustellen, zur eigenen Mutter sagen zu müssen: Du hast so viel Geld für mich ausgegeben, und aus mir ist nichts geworden."
Ihre eigenen Pläne führen möglicherweise ins Ausland. Doch die Zukunft ihrer Heimat lässt die beiden nicht los. Darja wünscht sich ein Ende der harten Sanktionen. Negin spricht von einer Hoffnung, die über politische Gegensätze hinausgeht. "Nach allem, was wir im Iran erlebt haben, wünsche ich mir einen Tag, an dem das ganze Land aus tiefstem Herzen glücklich sein kann", sagt sie. "Nicht nur wir, sondern auch diejenigen, die ganz anders denken."
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
Weitere aktuelle News im Ressort "Politik":
- Migrationspolitik: Was wird aus der EU-Grenzschutzbehörde Frontex?
- Friedrich Merz News: Eine Orchidee namens "Vanda Friedrich Merz"
- Vorwurf Kriegsverbrechen: Wird der Prozess um den Nord-Stream-Anschlag eingestellt?
- Präsidentenwahl in Brasilien: Bolsonaro-Partei erkennt Lulas Wahlsieg unter Vorbehalt an
kns/roj/news.de
Erfahren Sie hier mehr über die journalistischen Standards und die Redaktion von news.de.