Annalena Baerbock: "Schlimmer kann es gar nicht werden" – Baerbock spricht über dunkelste Phase
Annalena Baerbock spricht ungewöhnlich offen über die wohl härteste Phase ihrer politischen Karriere. Während ihrer Kanzlerkandidatur litt sie monatelang unter Herzrasen und sah sich massiver digitaler Gewalt ausgesetzt. Im Podcast "ICONS" verrät sie, welcher Moment schließlich zu einem radikalen Umdenken führte.
Von news.de-Redakteurin Anika Bube - Uhr
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- Baerbock berichtet von monatelangem Herzrasen während ihrer Kanzlerkandidatur
- Zum Selbstschutz gab sie ihre Handys ab und änderte ihre Social-Media-Passwörter
- Im Podcast spricht sie über digitale Gewalt und ihren persönlichen Wendepunkt
Annalena Baerbock spricht ungewöhnlich offen über die wohl schwierigste Phase ihrer bisherigen politischen Karriere. In einer neuen Folge des "ICONS"-Podcast von Schauspielerin Wolke Hegenbarth und Autorin Kristina Lunz berichtet die ehemalige Außenministerin von massivem Herzrasen während ihrer Kanzlerkandidatur, digitaler Gewalt und einem radikalen Schritt, mit dem sie sich vor den Angriffen schützen wollte.
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"Dieses Herzrasen war ein Standardgefühl von mir" – Annalena Baerbock packt in Podcast aus
Der Podcast "ICONS" verspricht Gespräche mit außergewöhnlichen Frauen und den Geschichten hinter ihrem öffentlichen Erfolg. Bei Baerbock geht es deshalb nicht nur um ihre politische Laufbahn, sondern auch um persönliche Erfahrungen, Selbstzweifel und den Umgang mit öffentlichem Druck. Besonders offen spricht die 45-Jährige über die Zeit ihrer Kanzlerkandidatur. Damals habe sie Phasen erlebt, in denen sie nicht sicher gewesen sei, ob sie weitermachen könne. "Dieses Herzrasen war ein Standardgefühl von mir, und das hat wirklich zwei Monate gedauert, bis ich das morgens nicht mehr hatte", schildert sie im Podcast.
In besonders schwierigen Momenten hätten ihr vor allem ihre Kinder Halt gegeben. Sie seien für sie ein Rückzugsort gewesen und hätten ihr dabei geholfen, sich trotz des enormen öffentlichen Drucks weiterhin als Mensch wahrzunehmen. Eine Frau in einer anderen Führungsposition habe ihr schließlich einen entscheidenden Rat gegeben. Sie habe ihr erklärt, man wolle sie "kaputtschießen". Aufzugeben würde deshalb genau das bewirken, was ihre Gegner erreichen wollten. "Tun Sie ihnen nicht den Gefallen!", habe die Frau zu ihr gesagt. Für Baerbock sei diese Aussage zu einem wichtigen Wendepunkt geworden.
Baerbock gibt ihre Handys ab
Der Rat ging allerdings noch weiter. Um sich der permanenten digitalen Attacken zu entziehen, sollte Baerbock ihre digitalen Zugänge abschalten. Sie setzte den Vorschlag konsequent um: Baerbock übergab ihre Mobiltelefone und ließ die Passwörter für ihre Social-Media-Accounts ändern. Damit bekam sie zumindest vorübergehend Abstand von den Angriffen, die sie während des Wahlkampfs begleiteten.
Auch im Podcast ist digitale Gewalt ein großes Thema. Kristina Lunz verweist auf Untersuchungen, die demnach zeigen, dass Baerbock während des Bundestagswahlkampfs deutlich stärker digital angegriffen wurde als ihre damaligen Konkurrenten Armin Laschet und Olaf Scholz. Baerbock berichtet zudem von Erkenntnissen des Verfassungsschutzes. Demnach seien aus Russland gezielt Falschmeldungen über sie verbreitet worden. Als Beispiel nennt sie erfundene Geschichten über ein angebliches Haustierverbot. Besonders problematisch sei es für sie gewesen, wenn solche Falschbehauptungen anschließend von demokratischen politischen Konkurrenten aufgegriffen worden seien. Während ihrer Zeit als Außenministerin habe sie von manchen der großen Shitstorms dagegen kaum etwas mitbekommen. Hashtags wie #BademantelBaerbock seien an ihr vorbeigegangen, weil ihr Terminkalender kaum Raum dafür gelassen habe.
Annalena Baerbock spricht über Tiefpunkt: "Schlimmer kann es gar nicht werden"
Nach der Kanzlerkandidatur folgte für Baerbock eine weitere schwierige Phase. In Umfragen zur Beliebtheit innerhalb der Bundesregierung schnitt sie zeitweise sehr schlecht ab. Ausgerechnet dieser Tiefpunkt habe ihr nach eigener Darstellung eine gewisse Freiheit gegeben. Im Podcast beschreibt sie ihren damaligen Gedanken mit den Worten: "F*** it, schlimmer kann es gar nicht werden, ich mache das jetzt auf meine Art!" Von da an habe sie sich weniger davon abhängig gemacht, wie ihr Auftreten von außen bewertet wurde. Dazu gehörte für sie auch, weiterhin Kleider und hohe Schuhe zu tragen oder bei Begegnungen mit traumatisierten Frauen ihre Emotionen zu zeigen. Auch den Begriff "Feministische Außenpolitik" habe sie bewusst verwendet – gerade weil er kontroverse Debatten auslöste. Baerbock habe damit eine Haltung entwickelt, sich ihren politischen Kurs weniger von öffentlichen Kommentaren diktieren zu lassen. Im Podcast beschreibt sie diese Veränderung als wichtigen persönlichen Lernprozess.
Zeitweise entwickelte sie sich anschließend zu einer der beliebtesten Politikerinnen Deutschlands. Ihre Schlussfolgerung: Wer Entscheidungen entgegen dem eigenen Bauchgefühl treffe, habe es später schwerer, zu ihnen zu stehen.
Lob und Spott für den Baerbock-Auftritt
Die Reaktionen auf die Podcast-Folge fallen unterschiedlich aus. Auf Instagram loben einige Nutzer Baerbocks Offenheit und die persönliche Ausrichtung des Gesprächs. Eine Nutzerin bezeichnete die ehemalige Außenministerin etwa als "großartige, starke intelligente Frau". Andere lobten das Format als inspirierend und überfällig. Daneben gibt es allerdings auch zahlreiche spöttische Kommentare. "Logopäden hassen diesen Trick", schrieb ein Nutzer. Ein anderer kritisierte, er habe noch nie in einem Podcast so häufig das Wort "Ich" gehört. Auch die Entscheidung für Baerbock als Gast wurde infrage gestellt. "Wolke, echt jetzt? Warum Frau Baerbock?", lautet etwa ein Kommentar. Bemerkenswert ist dabei eine weitere Reaktion. Ein Nutzer verwies auf die Dynamik innerhalb der Kommentarspalte selbst und schrieb, es sei "krass zu sehen, wie schnell und easy Frauenhass rausgehauen wird, aber auch internalisiert ist von anderen Frauen".
Damit liefern die Reaktionen auf die Podcast-Folge gewissermaßen selbst ein Beispiel für das Thema, über das Baerbock im Gespräch ausführlich berichtet: den Umgang mit öffentlicher Kritik und digitaler Abwertung.
Das Gespräch wurde am 15. Juli 2026 aufgezeichnet – zu einem Zeitpunkt, als Baerbock noch Präsidentin der 80. UN-Generalversammlung war. Ihre Amtszeit endete am 8. September 2026.
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