Iran-Krieg: Wirtschaftskrise im Iran: Wenn selbst drei Jobs kaum reichen
Krieg und neue Sanktionen erhöhen den Druck auf Irans Wirtschaft. Hadi hat drei Jobs, Sara leitet eine Notaufnahme. Beide erleben, wie ein normales Leben unbezahlbar wird.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Hadi hat einen sicheren Job. Nur leben kann er davon nicht mehr. Seit 18 Jahren hat der Vater von zwei Söhnen eine Stelle im öffentlichen Dienst in Teheran, die einmal ein verlässliches Einkommen und ein Leben in der Mittelschicht versprach. Heute braucht der 40-jährige Iraner drei Jobs, um seine Familie über den Monat zu bringen.
Jeden Morgen pendelt Hadi von Andischeh, rund 50 Kilometer westlich von Teheran, zu seiner Behörde. In der Hauptstadt kann er sich die Miete längst nicht mehr leisten. Nach Dienstschluss beginnt dann sein zweiter Arbeitstag. Fast bis Mitternacht arbeitet er als Manager in einer Schwimmhalle. Wenn das Geld nicht reicht, fährt er am Wochenende sogar Taxi.
"All diese Arbeit reicht gerade einmal für unsere einfachen Lebenshaltungskosten", sagt er. Sparen könne die Familie schon lange nichts mehr. Ein besseres Leben ist außer Reichweite geraten. "Ich habe viele Ausgaben gestrichen, die früher vielleicht ganz normal waren für unser Familienleben." Reisen, Restaurantbesuche und selbst Ausflüge mit der Familie seien fast vollständig aus dem Alltag verschwunden, erzählt er.
Wut im Iran richtet sich auch gegen Trump
Hadi ist kein Ausnahmefall. Im Iran reicht selbst ein festes Einkommen vielen Menschen kaum noch zum Leben. Die Preise steigen, die Währung verliert an Wert, Wohnen wird immer teurer. Nun verschärft der Krieg die Lage weiter. Seit Monaten treibt der militärische Konflikt mit den USA die wirtschaftliche Unsicherheit weiter an. Mit neuen Sanktionen und einer Seeblockade will US-Präsident Donald Trump den Druck auf Teheran noch einmal erhöhen.
Viele Menschen im Iran sind wütend, vor allem auf die eigene Regierung. Im Januar hatte sie Massenproteste, die sich an der Wirtschaftskrise entzündet hatten, noch brutal niederschlagen lassen. Tausende Demonstranten wurden getötet. Doch inzwischen richtet sich der Zorn auch gegen die Maßnahmen der US-Regierung. Viele Iraner beklagen, dass die neuen Sanktionen vor allem die Bevölkerung treffen. Ihre Staatsspitze habe sich hingegen längst abgesichert.
Ärztinnen und Ärzte verlassen das Land
Die Wirtschaftskrise trifft auch jene, die große Verantwortung tragen. Sara ist 37 Jahre alt und leitet die Notaufnahme einer staatlichen Klinik nahe Teheran. Vor allem sei sie erschöpft, sagt sie. Nach langen Schichten kreisen ihre Gedanken zu Hause weiter um Geld und die Frage, welche Ausgaben im nächsten Monat anstehen. "Die wirtschaftliche Lage hat auch Auswirkungen auf meine Kolleginnen und Kollegen", sagt Sara. Viele Ärztinnen und Ärzte hätten das Land bereits verlassen, andere dächten darüber nach.
Gleichzeitig wächst der Druck in der Klinik. In den vergangenen Monaten seien deutlich mehr Patienten in ihre Notaufnahme gekommen, erzählt Sara. Viele könnten sich eine Behandlung in privaten Krankenhäusern nicht mehr leisten und wichen auf staatliche Einrichtungen aus. Dort fehlt es schon jetzt an Personal, immer wieder auch an Medikamenten. "Manchmal ist die Situation sehr angespannt", sagt Sara. Wenn Patienten stundenlang warten müssen, komme es immer wieder zu Streit mit Angehörigen.
Streit über Kopftuchpflicht kehrt zurück
Der wirtschaftliche Druck wächst weiter. Die durchschnittliche Inflationsrate der vergangenen zwölf Monate lag im August bei fast 70 Prozent, wie die auf Wirtschaft spezialisierte Nachrichtenagentur Ilna berichtete. Lebensmittel und Getränke kosteten im Schnitt mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Umso mehr irritiert viele Frauen in den Großstädten, dass der Staat wieder verstärkt gegen Verstöße gegen die Kopftuchpflicht vorgeht. Nach Kriegsbeginn hatten sich die Sicherheitsbehörden zeitweise zurückgehalten.
Weil Sara in einer staatlichen Klinik arbeitet, gelten für sie strenge Kleidungsvorschriften. Selbst außerhalb der Arbeit können Verstöße Folgen haben. "Wir müssen sogar darauf achten, welche Bilder wir von uns in den sozialen Medien veröffentlichen", sagt sie. "Für mich und viele berufstätige Frauen ist diese Sorge zu einem Teil des täglichen Drucks geworden."
Irans Gesellschaft hat sich verändert
Auch Leila hat erlebt, dass die Sicherheitsbehörden in den ersten Kriegsmonaten weniger streng auf die Kopftuchpflicht achteten. Die 38-Jährige arbeitet im Medienbereich und glaubt nicht, dass sich die Entwicklung der vergangenen Jahre einfach zurückdrehen lässt. "Der entscheidende Punkt ist, dass sich die Gesellschaft selbst verändert hat", sagt sie. Vor allem jüngere Frauen seien sich viel bewusster, wie sie leben wollten. Dass sie sich dem staatlichen Druck wieder beugen, hält Leila für kaum vorstellbar.
Das Kopftuch ist für Leila längst zu einem Symbol für eine größere Auseinandersetzung geworden. Es geht darum, wie Menschen leben wollen und wie weit der Staat darüber bestimmen darf. Die Wirtschaftskrise verschärft diese Debatte zusätzlich. Viele Familien müssen jeden Monat neu rechnen, ob das Geld für Miete, Lebensmittel und andere Ausgaben reicht. Umso weniger Verständnis gebe es dafür, dass die Behörden ihre Aufmerksamkeit wieder verstärkt auf die Kleidung von Frauen richten. "Die Menschen wollen das Gefühl haben, dass ihre grundlegenden Probleme angegangen werden", sagt Leila.
Der Staatsangestellte Hadi hat inzwischen aufgehört, in größeren Sprüngen zu denken. Am meisten beschäftigt ihn die Zukunft seiner beiden Söhne. "Wenn das gesamte Einkommen für die täglichen Ausgaben aufgebraucht wird und nichts zum Sparen übrig bleibt, verliert man die Möglichkeit, sich eine bessere Zukunft aufzubauen."
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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