Berlin: Die Deutschen und Amerika - enttäuschte Liebe?
Kaum ein anderes Land fasziniert die Deutschen so sehr wie Amerika. Seit jeher schwankt das Bild zwischen Traum und Albtraum. Trumps zweite Amtszeit dürfte die große Zäsur sein.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
Suche
Amerika. Für die längste Zeit der vergangenen 250 Jahre war dieses Wort für Deutsche gleichbedeutend mit einem Freiheitsversprechen. Joseph Hilsenrath aus Bad Kreuznach zum Beispiel erinnerte sich noch hochbetagt daran, wie er 1941 als Kind nach jahrelanger Flucht vor den Nazis plötzlich die Freiheitsstatue aus dem Nebel des Atlantiks auftauchen sah. "Es war einfach unfassbar", erzählte er unter Tränen in einem TV-Interview. "Dieses Gefühl hat mich nie verlassen."
Doch in den vergangenen eineinhalb Jahren ist dieses Versprechen in schnellem Tempo ausgehöhlt worden. Bilder von maskierten Häschern der Einwanderungsbehörde ICE bei ihren mitunter tödlichen Razzien provozierten bei Kritikern sogar Vergleiche mit der Gestapo und "Nazi-Methoden". Statt als Führungsnation der freien Welt erscheinen die USA nun als ein Land, das Richtung Autokratie abdriftet.
Fast obsessiv checken die Deutschen jeden Morgen, was sich der orangene Mann im Weißen Haus wieder geleistet hat. Gleichzeitig ist die Soft Power der Supermacht so stark wie eh und je: Die deutsche Öffentlichkeit fiebert der Hochzeit von Popstar Taylor Swift entgegen. Serien wie "Stranger Things" und "Euphoria" brechen auch hierzulande Streaming-Rekorde. American Football und Basketball haben in Deutschland immer mehr Fans. Wie erklärt sich diese Ambivalenz?
Die zwei Amerikas - Idealbild und Wirklichkeit
"Eigentlich gibt es zwei Amerikas", analysiert der Amerikanist Michael Butter von der Universität Tübingen. "Zum einen ist da das reale, imperfekte Amerika, in dem Diskriminierung und Rassismus und der Gegensatz zwischen Arm und Reich nie überwunden worden sind, teilweise sogar exorbitant zugenommen haben. Und gleichzeitig ist da diese Idee von Amerika als einem Land, das nicht auf Abstammung gründet, sondern auf gemeinsamen Werten. Die älteste Demokratie der Welt. Wir nehmen also immer entweder das eine oder das andere Amerika in den Fokus."
Der Historiker Volker Depkat, bekannt durch seinen Podcast "Amerika verstehen" im Deutschlandfunk, sieht es ähnlich. "Die Amerika-Bilder der Deutschen bewegen sich seit jeher im Spannungsfeld zwischen Traum und Albtraum", sagt er. Lange seien die USA das Sinnbild für Modernität gewesen – politisch als liberale Demokratie, wirtschaftlich als kapitalistischer Industriestaat. "Für progressiv denkende Deutsche war Amerika in Vielem das große Vorbild, während konservative Kräfte die von Amerika repräsentierte Modernität für sich ablehnten."
Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Westdeutsche direkt mit Amerikanern in Kontakt. Rosinenbomber, Care-Pakete und Marshall-Hilfe ließen den ehemaligen Feind in erstaunlich kurzer Zeit zur bewunderten Schutzmacht werden. Der "American Way of Life" stand für Freiheit, Modernität und Zukunft. Namen wie "New York", "Kalifornien" und "Hollywood" hatten einen magischen Klang.
Die Deutschen haben die US-Kultur zu ihrer eigenen gemacht
Gleichzeitig kämpften westdeutsche Bildungsbürger noch lange gegen angeblich jugendgefährdende Tanzstile und gewaltverherrlichende Comics. "Amerika, das Land ohne Kultur – das war damals immer noch ein viel gehörter Vorwurf" erläutert Depkat. "Rock’n’Roll und Mickey Mouse statt Goethe und Schiller. Es war dann Teil der Liberalisierung der Bundesrepublik, dass sich eine wachsende Zahl von Deutschen im Westen verankerte und die amerikanische Popkultur zu ihrer eigenen machte."
Vieles, was aus den USA komme, werde deshalb heute gar nicht mehr so sehr als amerikanisch, sondern allgemein als westlich und der eigenen Kultur zugehörig wahrgenommen. "So erklärt sich zum Teil, warum ich Trump radikal ablehnen, aber mich gleichzeitig für Filme aus Hollywood begeistern kann."
In der DDR war Amerika unterdessen der imperialistische Klassenfeind – auch wenn viele davon träumten, nach ihrer Verrentung mit eigenen Augen die Rocky Mountains und den Wolkenkratzerwald von Manhattan zu sehen. Unter ihnen war die junge Angela Merkel.
Mit John F. Kennedy und seinem "Ich bin ein Berliner" erreichte die Amerika-Begeisterung ihren Höhepunkt. Die schwarze Limousine mit dem zusammengesackten Körper des Präsidenten, Jackie Kennedy im Blut bespritzten rosa Kostüm und der kleine John Junior beim Salutieren auf dem Nationalfriedhof Arlington – das sind Bilder, die auch heute noch Millionen ältere Deutsche für immer abgespeichert haben. Kurz darauf fiel dann der Schatten von Vietnam auf das strahlende Bild, in den 70er Jahren gefolgt vom Watergate-Skandal.
Deutsche Verklärung kann schnell in Ablehnung umschlagen
Seitdem schwankte die deutsche Sicht auf Amerika stets zwischen Bewunderung und Ablehnung und das oft sehr stark. Unter dem konservativen republikanischen Präsidenten George W. Bush etwa kam es zu einer deutlichen Abkühlung. Aber dann zog der demokratische Präsidentschaftsbewerber Barack Obama binnen kürzester Zeit so große Sympathien auf sich, dass ihn im Sommer 2008, noch vor seiner Wahl, mehr als 200.000 Menschen an der Berliner Siegessäule feierten.
In Obama habe sich das deutsche Idealbild von Amerika scheinbar erneuert, meint Depkat. "Die Deutschen haben immer eigene Hoffnungen von Freiheit und Demokratie auf die USA projiziert, die nur selten etwas mit den Realitäten dort zu tun hatten. Amerika-Kritik ist in diesem Zusammenhang oft enttäuschte Liebe: Warum ist Amerika nicht so, wie wir es gerne hätten?" Es sei zum Teil auch die Enttäuschung des demokratischen Musterschülers, der plötzlich erkenne, dass sein bewunderter Lehrer auch Schwächen habe. "Dann schlägt Verklärung schnell in Ablehnung um. Beides hat etwas Maßloses."
Ein ähnlicher Effekt wie bei Obama war auch nach der Wahl von Joe Biden zu beobachten. Kurzzeitig schien Donald Trump nur noch ein Fall für die Gerichte zu sein, das vermeintlich eigentliche Amerika wieder hergestellt. Trumps zweite Amtszeit könnte nun auf einen tieferen Bruch hinauslaufen. "Da sind jetzt Verbindungen gekappt worden", sagt Butter. "Und auch vielen proamerikanisch eingestellten Deutschen ist klar geworden, dass sich die USA langfristig von Europa weg orientieren. Das Verhältnis ändert sich definitiv."
Das Verhältnis wird nie mehr so wie es gewesen ist
Wie wird es nun weitergehen mit den Deutschen und Amerika? "Ich glaube, die Situation ist aktuell so volatil, dass man dazu keine seriöse Prognose abgeben kann", sagt Butter. "Sollten da Dinge systematisch ins Wanken geraten und vielleicht auch fallen, wird das irgendwann auch Einfluss auf die popkulturelle Dimension haben. Dann wäre Amerika so weit von seinem ursprünglichen Idealbild entfernt, dass es seine Strahlkraft auch auf anderen Gebieten einbüßen würde."
Für Depkat steht fest, dass die Idee einer transatlantischen Wertegemeinschaft Vergangenheit ist. "Das wird nicht wiederkommen. Die Entfremdung zwischen Deutschland und den USA hat sicher nicht erst mit Trump begonnen, aber er fungiert jetzt als Abrissbirne, die gar nichts mehr stehen lässt. Dieser Schaden ist irreparabel. Was vielleicht bleibt, ist die Idee von Freiheit und Selbstbestimmung." Die Idee, mit der vor 250 Jahren alles begonnen hat.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
Weitere aktuelle News im Ressort "Politik":
- Donald Trump News: Trump kündigt Parteitag vor den Zwischenwahlen an
- Berlin: Merkel leuchtet: Porträt für Kanzlergalerie enthüllt
- TV: Gericht bestätigt Sendeverbot für Russia Today
- News des Tages heute: Sarah Ferguson: Neue Epstein-Enthüllungen / Donald Trump: Trump-Anordnung sorgt für Wirbel
kns/roj/news.de
Erfahren Sie hier mehr über die journalistischen Standards und die Redaktion von news.de.