Rückkehr zur Atomkraft: Vier Jahre bis AKW-Comeback? Das bringt mehr Kosten als Nutzen

Vier Jahre bis zum AKW-Comeback? Eine neue Studie verspricht eine schnelle Rückkehr der Atomkraft nach Deutschland, wenn wir es wollen. Technisch ist vieles möglich. Doch vieles spricht auch dagegen, die AKW-Leichen wiederzubeleben. Ein Kommentar.

Von news.de-Redakteur - Uhr

Einige AKWs befinden sich schon seit Jahren in der Abbauphase. Für einige könnte der Wiederaufbau Milliarden kosten. (Foto) Suche
Einige AKWs befinden sich schon seit Jahren in der Abbauphase. Für einige könnte der Wiederaufbau Milliarden kosten. Bild: picture alliance/dpa | Sina Schuldt
  • Eine Studie will zeigen, dass die Reaktivierung von AKWs technisch möglich wäre
  • Dabei ignorieren die Urheber der Untersuchung die gesellschaftlichen Kosten
  • Eine Rückkehr zur Atomkraft wäre ein fataler Fehler - auch wirtschaftlich gesehen

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15. April 2023: Nachdem wenige Stunden zuvor bereits die Atomkraftwerke Isar 2 und Emsland vom Netz gegangen sind, soll kurz vor Mitternacht auch für Neckarwestheim 2 Schluss sein. Das letzte aktive deutsche Kernkraftwerk war seit 1982 in Betrieb und wird nun endgültig stillgelegt – und das mitten in der Energiekrise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt. Dennoch wurde nach langem politischen Ringen auch bei den letzten Meilern der Stecker gezogen.

Doch ganz so endgültig, wie der Beschluss damals wirkte, ist er heute nicht mehr. Nur drei Jahre nach dem historischen Atomausstieg flammt die Debatte über einen Wiedereinstieg in die Kernenergie wieder auf. Auslöser ist eine neue Untersuchung der Denkfabrik Radiant Energy Group. Diese kommt zu dem Schluss, dass Deutschland den Betrieb einiger stillgelegter Anlagen innerhalb weniger Jahre reaktivieren könnte. Die Befürworter eines solchen Atom-Revivals scheinen dabei jedoch die wirtschaftliche Realität rund um den Rückbau und den Betrieb schlicht auszublenden.

Reaktivierung von Atomkraftwerken wäre teurer als angenommen

Natürlich lässt sich viel rechnen. Reaktordruckbehälter, Turbinen, Kühlsysteme - wer ausschließlich auf den technischen Zustand blickt, kann zu dem Schluss kommen, dass eine Reaktivierung tatsächlich machbar wäre. Aber: Energiepolitik besteht nicht aus Excel-Tabellen. Sie findet in einem rechtlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmen statt, den die Studie der Radiant Energy Group weitgehend ausblendet.

Der deutsche Atomausstieg ist das Ergebnis jahrzehntelanger politischer Entscheidungen, gesellschaftlicher Konflikte und nicht zuletzt realer Katastrophen – das prominenteste Beispiel dürfte die Kernschmelze in Tschernobyl sein. Gesetze wurden über die Jahre hinweg geändert, Genehmigungen entzogen, Betreiber haben Personal abgebaut, Brennstäbe entsorgt, Anlagen zurückgebaut. Wer nun behauptet, man müsse "nur wieder einschalten", verkennt die Realität - oder ignoriert sie bewusst.

Besonders auffällig ist, was in der Studie kaum vorkommt: die gesellschaftlichen Kosten. Nicht nur im finanziellen Sinn, sondern im politischen. Denn: Ein AKW-Comeback würde jahrelange Genehmigungsverfahren nach sich ziehen, Klagen provozieren, neue Proteste entfachen und das Vertrauen in die Verlässlichkeit energiepolitischer Entscheidungen weiter beschädigen. Wer investiert noch in erneuerbare Infrastruktur, wenn politische Kehrtwenden im Vier-Jahres-Takt möglich erscheinen?

Wirtschaftlich bleibt vieles vage. Die kalkulierten Strompreise basieren auf idealisierten Annahmen: reibungslose Genehmigungen, verfügbare Fachkräfte, stabile Lieferketten für Brennstoffe. Doch genau hier liegt das Problem. In einer Energiekrise, die vor allem durch geopolitische Abhängigkeiten ausgelöst wurde, soll ausgerechnet eine Technologie helfen, deren Brennstoff vollständig importiert wird? Und auch aus sicherheitspolitischen Gründen wurden die Anlagen damals vom Netz genommen: "Die Risiken der Atomkraft sind im Falle eines Unfalles letztlich unbeherrschbar", erklärte Bundesumweltministerin Steffi Lemke kurz vor der Abschaltung der letzten AKWs.

Ein Schritt zurück in die Vergangenheit

Dass die "Bild" die Studie dennoch aufgreift, sagt wohl weniger über ihre Qualität aus, als über das politische Klima, in dem die Debatte neu entfacht wird. Atomkraft dient dabei als reine Projektionsfläche:für den Wunsch nach Kontrolle, nach Einfachheit, zur Rückkehr zu wirtschaftlich sichereren Zeiten. Sie verspricht Grundlast, Sicherheit, Planbarkeit - alles Dinge, die in der Debatte um erneuerbare Energien oft fehlen oder schlecht erklärt werden.

Wer in den vergangenen Jahren Stromrechnungen verglichen, über Wärmepumpen diskutiert oder den stockenden Ausbau von Windkraft vor Ort erlebt hat (oder noch schlimmer: in der Nähe des eigenen Wohngebiets), der kennt diese Sehnsucht vielleicht sogar selbst. Aber: Energiepolitik ist kein Nostalgieprojekt – sie sollte und darf es auch überhaupt nicht sein. Sie zeigt, wie ernst wir es mit unseren Klimazielen meinen, mit dem Ausbau erneuerbarer Energien und damit, resilienter gegenüber globalen Krisen zu werden.

Die Vereinfachung von Atom-Nostalgikern ist gefährlich, da sie vom eigentlichen Problem ablenkt: Deutschland hat kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Netzausbau, Speichertechnologien, Flexibilisierung des Strommarkts - all das ist kompliziert, teuer und politisch mühsam. Atomkraft mag wie eine Abkürzung wirken, doch die Wahrheit könnte nicht weiter davon entfernt sein.

Atomkraft? Nein danke!

Was die Studie allerdings umso besser zeigt, ist, warum die Debatte um die Atomkraft immer wieder zurückkehrt: weil sie politisch instrumentalisierbar ist. Sie liefert scheinbar harte Zahlen in einer Debatte, die eigentlich eine gesellschaftliche Aushandlung braucht. Wer ehrlich über die Zukunft der Energieversorgung sprechen will, muss unbequeme Wahrheiten akzeptieren: Erneuerbare sind nicht immer schön, nicht immer leise und nicht immer sofort verfügbar. Aber sie sind ausgebaut, finanzierbar und vor allem demokratisch verhandelbar. Atomkraft hingegen bleibt eine Technologie der Ausnahmezustände, der Zentralisierung und des politischen Durchdrückens.

Die Atomkraft-Debatte ist keine Rückkehr zur Vernunft, sondern ein Rückgriff auf alte Denkmuster. Die neue Studie liefert dafür eine scheinbar rationale Grundlage – blendet aber genau jene Faktoren aus, die Energiepolitik ausmachen: Akzeptanz, Rechtsstaatlichkeit und langfristige Planungssicherheit. Vier Jahre bis zum AKW-Comeback? Vielleicht auf dem Papier. In der Realität wäre es vor allem eines: ein energiepolitischer Irrweg, den sich Deutschland nicht leisten kann.

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