"Generationengerechtigkeit bei null": Renten-Experte rechnet mit Reformplänen ab

Ökonom Bernd Raffelhüschen übt scharfe Kritik an den Plänen der Rentenkommission. Er warnt vor fehlender Generationengerechtigkeit und sieht die Reformvorschläge als nicht ausreichend für die Zukunft.

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Renten-Hammer: Ökonom zerlegt Reformpläne der Regierung Bild: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld
  • Raffelhüschen bewertet die Generationengerechtigkeit der Rentenpläne mit "null"
  • Er fordert ein höheres Renteneintrittsalter und konsequentere Reformen
  • Besonders die junge Generation trage seiner Ansicht nach die Hauptlast der Finanzierung

Die Rentenkommission arbeitet an Vorschlägen, um die gesetzliche Altersversorgung in Deutschland langfristig zu sichern. Im Zentrum stehen dabei Maßnahmen wie ein stabilisiertes Rentenniveau, eine Begrenzung der Beiträge, eine stärkere Kapitaldeckung sowie perspektivisch längere Lebensarbeitszeiten. Der Freiburger Ökonom Bernd Raffelhüschen bewertet diese Pläne in einem Interview mit "Focus" jedoch äußerst kritisch. Aus seiner Sicht reichen die vorgeschlagenen Reformen nicht aus, um die demografischen Herausforderungen zu bewältigen.

"Generationengerechtigkeit bei null" – deutliche Abrechnung von Bernd Raffelhüschen

Besonders hart fällt sein Urteil zur Verteilung der finanziellen Lasten aus. Raffelhüschen sieht die jüngeren Generationen klar benachteiligt und spricht von einer einseitigen Belastung zukünftiger Beitragszahler. Auch die Idee einer doppelten Haltelinie aus stabilem Rentenniveau und begrenzten Beiträgen hält er für nicht tragfähig. Ohne eine deutliche Anhebung des Renteneintrittsalters sei das System langfristig nicht stabil zu halten, so seine Einschätzung.

Reformbedarf beim Renteneintrittsalter

Der Ökonom verweist darauf, dass ein späteres Ausscheiden aus dem Erwerbsleben bereits früher hätte stärker berücksichtigt werden müssen. Nach seiner Berechnung läge das Rentenzugangsalter heute bereits deutlich höher, wenn entsprechende Anpassungen konsequent umgesetzt worden wären. Zugleich kritisiert er, dass politische Entscheidungen der Vergangenheit wichtige Steuerungsmechanismen abgeschwächt oder ausgesetzt hätten. Dadurch seien notwendige Anpassungen weiter aufgeschoben worden.

Kritik an früheren politischen Entscheidungen

Besonders den sogenannten Nachhaltigkeitsfaktor sieht Raffelhüschen als zentrales Instrument, das nicht konsequent angewendet wurde. Dieser sollte ursprünglich dafür sorgen, dass die Rentenentwicklung stärker an demografische Veränderungen gekoppelt wird. Stattdessen seien Reformansätze immer wieder verwässert worden. Die Folgen dieser Entscheidungen würden sich erst in Jahrzehnten voll auswirken, während die Kosten bereits heute entstünden.

Beamtenstatus und Struktur des öffentlichen Dienstes im Fokus

Auch die Organisation des öffentlichen Dienstes nimmt der Ökonom in den Blick. Er plädiert dafür, den Beamtenstatus stärker auf klassische hoheitliche Aufgaben zu beschränken. Bereiche wie Schule, Hochschule oder Verwaltung hätten seiner Ansicht nach auch ohne Verbeamtung organisiert werden können. Gleichzeitig räumt er ein, dass solche Veränderungen Auswirkungen auf die Attraktivität einzelner Berufe haben könnten.

Kapitaldeckung bleibt umstritten

Zur geplanten stärkeren Kapitaldeckung äußert sich Raffelhüschen skeptisch. Er sieht Risiken darin, größere Kapitalstöcke im staatlichen System zu verwalten. Stattdessen befürwortet er eine stärkere Rolle privater und betrieblicher Vorsorge. Die gesetzliche Rente sollte aus seiner Sicht weiterhin vor allem eine Grundabsicherung bleiben, ergänzt durch zusätzliche Säulen der Altersvorsorge.

Debatte um Rentenniveau und Transparenz

Die von der Kommission angestrebte Nettoersatzquote von 70 Prozent bewertet der Ökonom nur im Kontext des gesamten Alterssicherungssystems. Entscheidend sei nicht allein die gesetzliche Rente, sondern das Zusammenspiel aller Vorsorgeformen. Positiv sieht er dagegen den Ausbau der digitalen Rentenübersicht. Ein besserer Überblick über die eigene Altersvorsorge könne Bürgerinnen und Bürgern helfen, Versorgungslücken frühzeitig zu erkennen.

Finanzielle Belastungsgrenzen rücken näher

Trotz hoher Steuer- und Beitragseinnahmen steigt der Finanzbedarf der Sozialversicherungssysteme weiter an. Bereits heute fließen erhebliche Mittel aus dem Bundeshaushalt in Renten, Pflege und Gesundheit. Raffelhüschen warnt, dass dieses System langfristig an seine finanziellen Grenzen stoßen könnte, wenn grundlegende Reformen ausbleiben.

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