Wladimir Putin: Russland-Experte erwartet keinen raschen Angriff gegen Nato

Greift Russland bald ein Nato-Land an? Während Politiker und Sicherheitsexperten immer schärfer warnen, hält ein Historiker die Bedrohung für massiv überschätzt. Er spricht von Mythen über Putins Militärmacht und warnt stattdessen vor einer gefährlichen Rüstungsspirale im Westen.

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Plant Wladimir Putin einen Angriff auf die Nato? (Foto) Suche
Plant Wladimir Putin einen Angriff auf die Nato? Bild: picture alliance/dpa/Pool AFP | Alexander Nemenov
  • Historiker Mattias Uhl hält Warnungen vor einem baldigen Russland-Angriff für überzogen
  • Experte spricht von Fehlwahrnehmungen über Putins tatsächliche Militärstärke
  • Uhl warnt vor "fatalem Rüstungswettlauf" zwischen Nato und Russland

Die Warnungen vor einem möglichen Angriff Russlands auf Nato-Gebiet werden immer lauter. Doch jetzt widerspricht ein Russland-Experte deutlich. Historiker Mattias Uhl hält viele Bedrohungsszenarien für dramatisiert und warnt davor, die Militärmacht von Kremlchef Wladimir Putin massiv zu überschätzen. "Es wäre unklug, jenen Experten Beachtung zu schenken, die zu Dramatisierungen neigen, ohne das Potenzial Russlands wirklich zu kennen", sagte Uhl im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Moskau.

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Experte zerlegt Mythos von Putins "Mega-Armee"

In seinem Buch "Wie stark ist Russland wirklich? Die Wahrheit über Putins Militärmacht" rechnet Uhl mit dem Bild der angeblich übermächtigen russischen Streitkräfte ab. Viele deutsche Experten seien der russischen Propaganda von der "zweitstärksten Armee der Welt" aufgesessen, kritisiert der Historiker. Das westliche Bild von Russlands Militär basiere oft auf Mythen und Fehlwahrnehmungen. Die Folge sei gefährlich: "Dies führt zu einer Überschätzung der russischen Fähigkeiten und birgt die Gefahr, in eine fatale Rüstungsspirale zu geraten."

Waffenschauen, Raketenstarts und martialische Auftritte sollen laut Uhl vor allem eines erreichen: Angst erzeugen. Putin versuche gezielt, den Eindruck einer überlegenen Militärmacht zu vermitteln. Doch der Historiker widerspricht deutlich: "Doch nichts ist weiter von der Realität entfernt." Uhl lebte selbst rund 20 Jahre in Russland und arbeitete dort am Deutschen Historischen Institut in Moskau.

Angriff auf Nato bis 2029? Historiker winkt ab

Warnungen westlicher Sicherheitsexperten, Russland könne bereits 2028 oder 2029 ein Nato-Land angreifen, hält Uhl für unrealistisch. Statt einer gigantischen Aufrüstung plädiert er für eine Strategie "mit Augenmaß". Der Westen solle auf moderne Präzisionswaffen und technologische Überlegenheit setzen – nicht auf ein blindes Wettrüsten. Als Beispiel nennt er Weiterentwicklungen des Taurus-Marschflugkörpers. Solche Waffen könnten im Ernstfall gezielt russische Militärbasen, Flugplätze oder Kommandobunker ausschalten.

Der Historiker erinnert zudem an den Kalten Krieg. Damals habe die Nato nicht durch schiere Masse gewonnen, sondern durch Technologie und wirtschaftliche Stärke. "Europa und die USA haben gerade deshalb den Kalten Krieg gewonnen, weil sie ihre Länder eben nicht in Militärlager verwandelten", erklärt Uhl. Besonders provokant seine Einschätzung zur aktuellen Kräftebalance: "Heute ist offensichtlich, dass die Nato ein schlafender Bär ist, an dem Russland allenfalls sanft knabbern kann."

Putin nennt Nato-Angriffspläne "Unsinn"

Kremlchef Wladimir Putin selbst weist Vorwürfe zurück, nach der Ukraine auch Nato-Staaten angreifen zu wollen. Entsprechende Behauptungen bezeichnete er mehrfach als "Unsinn". Trotzdem bleibt die Sorge im Westen groß – vor allem in den baltischen Staaten und in Osteuropa. Uhl mahnt jedoch, zwischen realer Gefahr und politischer Dramatisierung zu unterscheiden.

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/news.de/dpa

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