Berlin: Was ist aus der einstigen Kinderhochburg geworden?

Prenzlauer Berg stand einst für volle Spielplätze und Latte-Macchiato-Mütter. Mittlerweile hat sich das Bild geändert. Was aus dem einstigen "Pregnancy Hill" geworden ist.

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Die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz in Berlin. Aktuelle Nachrichten aus und über Berlin hier auf news.de. (Foto) Suche
Die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz in Berlin. Aktuelle Nachrichten aus und über Berlin hier auf news.de. Bild: Adobe Stock / Peter Jesche

Prenzlauer Berg, das war lange der Inbegriff von Kinderreichtum und Gentrifizierung. Das Bild von Latte Macchiato trinkenden Prenzlauer-Berg-Muttis, die mit ihren Kinderwagen nebeneinander schiebend die ausladenden Gehwege verstopften, verbreitete sich auch weit über die Hauptstadt hinaus - im Gegensatz zu ähnlichen Stadtteilen anderer Großstädte wie etwa Ottensen im hamburgischen Altona oder Sülz in Köln-Lindenthal.

Dabei bekamen nicht etwa die Prenzlauer-Berg-Mütter mehr Kinder - es lebten einfach mehr Menschen im Alter zwischen 25 bis 45 Jahren dort, die Jahre, in denen man typischerweise Kinder bekommt. Dadurch war auch die Zahl der Kinder hoch: Vor knapp 20 Jahren lebten mehr als 9.000 Kinder unter sechs Jahren in Prenzlauer Berg, heute sind es etwa 7.800, bei deutlich gestiegener Bevölkerungszahl - allerdings auch deutlich gestiegenen Mieten.

Für Eltern war es jahrelang schwierig, Kitaplätze zu bekommen. Man nahm, was man kriegen konnte. "Goldstaub" seien Kitaplätze vor einigen Jahren noch gewesen, sagt Ansgar Oberholz, Co-Gründer von St. Oberholz, einem Anbieter von Co-Working-Spaces. Er wohnt seit 1999 in Prenzlauer Berg.

Mittlerweile sei das umgekehrt: "Die Kitas bewerben sich auf die Kinder", sagt der 53-Jährige, der mittlerweile auch ein Enkelkind hat. Im Sommer hingen die Spielplatztore über Wochen voller Schilder, auf denen Kitas mit freien Plätzen warben. Fast schon verzweifelt, hatte man den Eindruck.

Das bestätigt auch Michael Gueffroy, Unternehmenssprecher von Kindergärten NordOst, einem Berliner Eigenbetrieb, der Kitas in Pankow, Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf betreibt. "Der demografische Wandel führt dazu, dass wir aktuell sehr viel aktiver Familien für unsere Angebote gewinnen müssen", sagt er. Im vergangenen Jahr lag die Auslastung in den Pankower Kitas seines Betriebs bei 79 Prozent. Vor 20 Jahren waren es noch 98 Prozent.

Seit 2019 gehen die Kinderzahlen zurück, sagt auch Ronja Tietje, die Pankower Bezirksstadträtin für Jugend und Familie. Erst im Süden von Pankow, dann auch im Norden des Bezirks. Mittlerweile gebe es nur noch einen kleinen Teil des Bezirks, Blankenfelde-Heinersdorf, wo der Anteil der Drei- bis Sechsjährigen steige, sagt sie: "Da ist nicht mehr wahnsinnig viel Bewegung drin."

Rechtsanspruch auf Kitaplatz seit 2013

Tietje war auch von 2016 bis 2021 Jugendstadträtin, sie erlebte die damalige Situation mit dem Mangel an Kitaplätzen eindrücklich mit, wie sie selbst sagt. Seit 2013 besteht in Berlin ein Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz nach dem vollendeten ersten Lebensjahr. Zu Beginn herrschte großer Druck, auch weil diese Kitaplätze teils eingeklagt wurden, wie Tietje erzählt. Damals seien viele Mitarbeiter für zusätzliche Beratung eingestellt worden, auch Babysitter oder Tagesmütter wurden vom Amt bezahlt, damit Eltern wieder arbeiten konnten.

Mittlerweile hat die Situation sich deutlich entspannt. Kitaplätze sind nicht nur ausreichend, sondern in großer Zahl vorhanden. Dafür spüren mittlerweile schon Grundschüler Leistungsdruck, sich gegen Mitschüler zu behaupten und mit guten Noten einen Platz an einer beliebten weiterführenden Schule zu ergattern - dort gebe es weiterhin das Problem, dass die Plätze knapp seien, sagt Tietje. Mittlerweile sei die Aufgabe nicht mehr, Kitaplätze zu schaffen, sondern Orte, an denen die größer gewordenen Kinder Zeit verbringen können: Jugendtreffs und Sportplätze etwa, erzählt Tietje.

Die geringere Auslastung von Kitas sieht Tietje als Chance, den Betreuungsschlüssel zu verbessern. Und in einigen Kitas sei es auch baulich möglich, nicht genutzte Räumlichkeiten abzugeben. Familienzentren oder etwa die Pfadfinder seien auf der Suche.

Eine Kinderhochburg ist Prenzlauer Berg also nicht mehr, auch wenn die Gegend für Familien weiterhin attraktiv ist: viele Spielplätze, breite Fußwege, relativ zentrumsnah.

Aber: Die Mobilität hat nachgelassen, sagt Tietje, und das liegt vor allem an den hohen Mieten. Viele Bewohner, manche davon in eigentlich zu großen Wohnungen, können oder wollen nicht umziehen, weil sie im Zweifel entweder deutlich mehr Miete zahlen müssten, oder deutlich weniger Quadratmeter zur Verfügung hätten - oder beides. Man ziehe nicht mehr so häufig um, wie früher, sagt die Bezirksstadträtin. Auch Oberholz sieht das: Er kenne Start-Ups, die keine Leute einstellen können, weil sie keine Wohnungen für sie finden - ganz unabhängig vom Bezirk.

Die Lebensqualität in Prenzlauer Berg sei aber immer noch hoch, sagte Oberholz, und gerät ins Schwärmen. Es gebe eine wirklich tolle Mischung im Kiez, verschiedene Lebensentwürfe nebeneinander, gelebte Toleranz, internationale Bewohner. Sicher, Clubs haben zugemacht, auch Eckkneipen schließen, aber es entsteht eben auch Neues. Es sei eine bunte Mischung, die Prenzlauer Berg ausmache. Und das Klischee, mit dem Lastenrad am Samstag zum Markt am Kollwitzplatz zu fahren, um dort einzukaufen und einen Wein zu trinken - ja, das wird erfüllt. "Ist aber auch nicht das Schlechteste", sagt Oberholz.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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