Nura, Ebow und Antilopen Gang: Deutschrap streitet über Gaza

Kaum ein politisches Thema hat den deutschsprachigen Rap in den vergangenen Jahren so sichtbar polarisiert wie der Krieg in Gaza. Die Künstler:innen spalten sich nun in zwei scheinbar unversöhnliche Lager.

Von news.de-Redakteur - Uhr

Die Rapperin Nura tritt beim Glücksgefühle-Festival auf dem Hockenheimring auf. (Foto) Suche
Die Rapperin Nura tritt beim Glücksgefühle-Festival auf dem Hockenheimring auf. Bild: picture alliance/dpa | Uwe Anspach

Am 7. Oktober 2023 griffen die Hamas und weitere bewaffnete palästinensische Gruppen Israel an. Nach UN-Angaben wurden rund 1.200 Menschen getötet und mindestens 252 Menschen als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Der anschließende Krieg in Gaza entwickelte sich zu einer humanitären Katastrophe mit massiver Zerstörung und Vertreibung. Ein gemeinsamer Bericht von EU, UN und Weltbank bezifferte 2026 die Zahl der seit Beginn des Krieges gemeldeten palästinensischen Todesopfer auf mehr als 71.000.Am 16. September 2025 kam die unabhängige Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats zu dem Schluss, dass Israel im Gazastreifen Völkermord (Genozid) an der palästinensischen Bevölkerung begangen habe und weiterhin begehe.

Die politischen Auseinandersetzungen darüber erfassten sehr schnell auch die deutsche Musikszene. Dabei ist es manchmal irreführend, wie die jeweiligen Künstler:innen sich positionieren. Positionen gegen Antisemitismus bedeutet nicht automatisch Zustimmung zur Politik der israelischen Regierung, und Palästina- oder Gaza-Solidarität bedeutet nicht automatisch Unterstützung der Hamas. Gerade Künstler wie Ebow, PTK oder Chefket haben sich zugleich gegen Gewalt beziehungsweise Antisemitismus positioniert.

Der erste Deutschrap-Eklat kam nur einen Tag nach dem 7. Oktober

Eine der frühesten und sichtbarsten Stellungnahmen BegangNura. Am 8. Oktober 2023, einen Tag nach dem Hamas-Angriff, veröffentlichte sie auf Instagram ein Bild aus ihrem bereits produzierten Musikvideo "FUBU", auf dem der Schriftzug "Free Palestine" zu sehen war. ProSieben sagte anschließend einen geplanten Auftritt bei "Late Night Berlin" ab. Nura löschte den Beitrag später und erklärte, Krieg sei keine Lösung und sie unterscheide beim Leid von Menschen nicht nach Herkunft oder Religion. Quelle: Der Standard.

Nur wenige Tage später stand mit Ben Salomo eine praktisch entgegengesetzte Position aus dem Deutschrap öffentlich daneben. Der jüdische Rapper sagte am 11. Oktober 2023 dem Tagesspiegel, er sei angesichts der Taten der Hamas fassungslos und verlangte ein entschiedenes Vorgehen gegen die Organisation. Über Nuras Posting sagte er, ein "Free Palestine"-Beitrag zu genau diesem Zeitpunkt sei aus seiner Sicht ein Solidaritätsstatement, "aber nicht mit den Opfern des Terrors". Gleichzeitig bot er Nura ausdrücklich ein Gespräch an.

Damit war schon innerhalb von vier Tagen eine Bruchlinie sichtbar, die später einen großen Teil der Kulturdebatte bestimmen sollte. Auf der einen Seite stand die Forderung, zuerst über den 7. Oktober, Antisemitismus, die israelischen Opfer und Geiseln zu sprechen. Auf der anderen Seite wuchs der Fokus auf die palästinensische Bevölkerung, die israelische Kriegsführung und die humanitäre Lage in Gaza.

Die Antilopen Gang macht den linksinternen Konflikt zum Song

Besonders deutlich wurde diese Spaltung im April 2024. Die Antilopen Gang veröffentlichte "Oktober in Europa". Koljah, Danger Dan und Panik Panzer kritisieren darin Antisemitismus nach dem 7. Oktober und werfen insbesondere Teilen der politischen Linken fehlende Solidarität mit Juden und Israelis vor. Die Jüdische Allgemeine bezeichnete das Stück als einen "Aufschrei" der antisemitismuskritischen, sogenannten antideutschen Linken.

Der Begriff "antideutsch"bezeichnet eine Strömung innerhalb der deutschen Linken, die sich historisch unter anderem in Abgrenzung zum traditionellen Antiimperialismus entwickelte und für Teile von ihr eine besondere Solidarität mit Israel kennzeichnend ist. Seit dem Konflikt im Gaza wird der Begriff verstärkt Gruppen und Einzelpersonen zugeordnet die sich stark pro-Israelisch, vor allem Pro-israelischer-Regierung positionieren. Auch innerhalb dieses Spektrums gibt es erhebliche Unterschiede.

Danger Dan äußerte sich später noch einmal explizit. Die ausbleibende Solidarität mit Jüd:innen in Deutschland und Europa nach dem 7. Oktober habe ihn enttäuscht und Koljah kritisierte insbesondere Teile der postkolonial geprägten Linken.

Ebow setzt dem eine andere Perspektive entgegen

Eine andere Perspektive formulierte Ebow. In ihrem Song "Free." thematisiert sie sowohl das Leid palästinensischer als auch jüdischer Menschen. In einem Interview mit fluter erklärte sie, viele Menschen fühlten sich mit ihrem Schmerz und ihren Ängsten nicht gesehen. Auf die Frage, warum es so schwerfalle, sich gleichzeitig gegen Antisemitismus und gegen den Krieg in Gaza einzusetzen, forderte sie mehr offene Gespräche und mehr Sichtbarkeit für die Betroffenen. 

2025 wird Gaza-Solidarität im Deutschrap deutlich sichtbarer

Spätestens 2025 wurde aus einzelnen Künstlerstatements eine größere gemeinsame Mobilisierung. Bei der Berliner Kundgebung "All Eyes on Gaza" standen unter anderem K.I.Z., Ebow, PTK, OG Lu, Antifuchs, Ski Aggu, Pashanim, Ceren und Ali Bumaye auf der Bühne. Die von Amnesty International mitgetragene Veranstaltung verband das Konzert ausdrücklich mit Solidarität mit der Bevölkerung in Gaza und politischen Forderungen an die Bundesregierung.

PTK erläuterte seine Haltung gegenüber dem Bayerischen Rundfunk genauer. Er bezeichnete sie als Menschenrechtsposition und betonte zugleich, mit seiner Palästina-Solidarität weder das Leid des 7. Oktober noch die Hamas relativieren zu wollen.

Auch Chefket positionierte sich deutlich. Bei einem Berliner Konzert 2025 verband er "Free Palestine" mit Aussagen gegen Antisemitismus und Rassismus. Die Position lässt sich deshalb als palästinasolidarisch beschreiben, aber nicht seriös als Unterstützung antisemitischer Positionen.

Wer steht wo? Diese Rapper und Acts lassen sich anhand öffentlicher Aussagen klar einordnen

Die Tabelle beschreibt ausschließlich nachweisbare öffentliche Positionierungen. Sie sagt nichts darüber aus, ob ein Künstler sämtliche politischen Forderungen eines bestimmten Lagers teilt.

Artist Öffentlich dokumentierte Position Grundlage
Antilopen Gang israelsolidarisch / antisemitismuskritisch; antideutsch geprägt "Oktober in Europa" richtet sich gegen Antisemitismus nach dem 7. Oktober und insbesondere gegen die Reaktionen von Teilen der Linken. Quelle.
Danger Dan israelsolidarisch Beklagte ausdrücklich die fehlende Solidarität mit Juden und Jüdinnen nach dem 7. Oktober. Quelle.
Koljah israelsolidarisch / scharfe Kritik an Teilen der Linken Kritisiert die seiner Ansicht nach fehlende Israelsolidarität und postkoloniale Positionen innerhalb der Linken. Quelle.
Panik Panzer israelsolidarisch Teil der Antilopen Gang und von „Oktober in Europa". Quelle.
Ben Salomo klar israelsolidarisch / anti-Hamas / antisemitismuskritisch Forderte unmittelbar nach dem 7. Oktober Solidarität mit den israelischen Opfern und ein entschiedenes Vorgehen gegen Hamas. Quelle.
Artist Öffentlich dokumentierte Position Grundlage
Nura öffentlich palästinasolidarisch positioniert "Free Palestine"-Posting am 8. Oktober 2023; anschließend erklärte sie, Krieg sei keine Lösung und Leid bleibe Leid. Quelle.
Ebow Gaza-/Palästina-solidarisch Im Interview mit fluter spricht sie über das Leid palästinensischer und jüdischer Menschen und darüber, sich zugleich gegen Antisemitismus und den Krieg in Gaza einzusetzen.
K.I.Z. Gaza-/Palästina-solidarisch Auftritt bei "All Eyes on Gaza". Quellle.
PTK Gaza-/Palästina-solidarisch; ausdrücklich gegen Relativierung des 7. Oktober Teilnahme an „All Eyes on Gaza" und ausführliche Begründung gegenüber BR. Quelle.
OG Lu Gaza-/Palästina-solidarisch Auftritt bei "All Eyes on Gaza".
Antifuchs Gaza-/Palästina-solidarisch Auftritt bei "All Eyes on Gaza".
Ski Aggu Gaza-/Palästina-solidarisch Auftritt bei "All Eyes on Gaza".
Pashanim Gaza-/Palästina-solidarisch Auftritt bei "All Eyes on Gaza".
Ceren Gaza-/Palästina-solidarisch Auftritt bei "All Eyes on Gaza".
Ali Bumaye Gaza-/Palästina-solidarisch Auftritt bei "All Eyes on Gaza".
Chefket Palästina-solidarisch und zugleich ausdrücklich gegen Antisemitismus "Free Palestine" sowie öffentliche Aussagen gegen Antisemitismus und Rassismus. Quelle.

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