Kriminalität: Anklage beschreibt jahrelange Gewalt in Behindertenheim

Über Jahre soll es in einem Behindertenheim in NRW zu gewaltsamen Übergriffen auf Bewohner gekommen sein. Den Ermittlungen zufolge hatten die Taten System. Die Anklage listet Hunderte Vorfälle auf.

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Eine Polizeiabsperrung vor einem Streifenwagen (Symbolbild). (Foto) Suche
Eine Polizeiabsperrung vor einem Streifenwagen (Symbolbild). Bild: Adobe Stock / DABLJU (Symbolbild)

Im Prozess um systematische Übergriffe auf Menschen mit Behinderung in einem Wohnheim in Ostwestfalen hat die Staatsanwaltschaft mehrere Stunden lang die Vorgänge in der Einrichtung beschrieben. Es geht um Hunderte Situationen, in denen das Pflegepersonal Bewohner eingeschüchtert, eingesperrt oder gefesselt haben soll. Drei ehemalige leitende Mitarbeiter und ein Arzt sind am Landgericht Bielefeld angeklagt, weil sie die Taten jahrelang angeordnet haben sollen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen unter anderem Freiheitsberaubung in fast 200 Fällen vor.

Im Zentrum der Anklage steht ein sogenannter Time-Out-Raum - ein kahles Zimmer völlig ohne Einrichtungsgegenstände in dem Wohnheim in Bad Oeynhausen. Dort sollen fast täglich Bewohner eingesperrt und teilweise über viele Stunden fixiert worden sein.

Bewohner hatten hohes Aggressionspotenzial

Die Bedingungen in dem Wohnbereich müssen nach den Schilderungen der Staatsanwaltschaft extrem schwierig gewesen sein. In dem heilpädagogischen Intensivbereich wurden Menschen betreut, die ein hohes Aggressionspotenzial gegen sich selbst und ihre Betreuer hatten. Die Staatsanwaltschaft listet Hunderte Situationen auf, in denen Bewohner die Mitarbeiter angegriffen oder sich selbst verletzt haben. Fast täglich kam es zu solchen Zwischenfällen.

Doch in solchen Situationen soll das Pflegepersonal auf Anweisung der Chefs unrechtmäßig hart durchgegriffen haben. Der Ablauf sei jedes Mal ähnlich gewesen, berichtete die Staatsanwaltschaft. Wenn ein Bewohner aggressiv geworden sei, hätten die Mitarbeiter einen Notfallknopf gedrückt. Dann seien mehrere Kollegen gekommen und hätten die Bewohner oft mit Gewalt in den "Time-Out-Raum" gebracht. Dort hätten sich die Bewohner vollständig ausziehen und ein "Time-Out-Hemd" anziehen müssen.

Anklage: Behinderte Menschen waren teils stundenlang gefesselt

In dem weitgehend leeren Raum seien die Bewohner teilweise stunden- oder gar tagelang eingesperrt worden. Regelmäßig seien sie zudem mit Gurten auf einem Stuhl oder einer Matratze fixiert worden, so dass sie keinerlei Möglichkeit mehr gehabt hätten, sich zu bewegen. Auch mit Reizgas soll das Personal auf Anweisung der Vorgesetzten gegen die Bewohner vorgegangen sein.

Neben den Situationen im "Time-Out-Raum" listet die Anklage eine Vielzahl von Fällen auf, in denen Bewohner über Wochen oder gar Monate hinweg in ihren Zimmern eingesperrt worden seien.

Laut Anklage sollen sich die Übergriffe im Zeitraum von 2014 bis 2019 ereignet haben. Dann machte ein Angehöriger die Vorgänge öffentlich. Der Fall sorgte anschließend für eine intensive politische Diskussion über den Umgang mit Menschen, die aufgrund einer Behinderung stark verhaltensauffällig sind.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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