Ungleicher Hitzeschutz in Städten: Wer leidet eigentlich wirklich unter Hitze?

Dicht bebaute Viertel, geringe Einkommen und fehlende Rückzugsorte: In Leipzig zeigt sich, dass extreme Hitze nicht nur ein Umweltproblem ist - und bestimmte Gruppen deutlich härter trifft.

Von news.de-Redakteur - Uhr

Eine Passantin schützt sich vor der Hitze - am Wochenende kam es zu Rekordtemperaturen. (Foto) Suche
Eine Passantin schützt sich vor der Hitze - am Wochenende kam es zu Rekordtemperaturen. Bild: picture alliance/dpa | Sebastian Willnow
  • Hitze trifft Stadtteile und Menschen in Großstädten unterschiedlich stark
  • Einkommen und Wohnlage beeinflussen, wie gut man vor Hitze geschützt ist
  • Nicht jede politische Maßnahme sorgt für echte, flächendeckende Abkühlung

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Wärme flimmert auf dem Asphalt an der Eisenbahnstraße in Leipzig. Es wirkt, als könnte die Wärme aus der Stadt nicht mehr entweichen. Wer kann, zieht sich an einen See, in einen Park oder in kühlere Räume zurück. Doch nicht jeder Mensch kann der Hitze ausweichen - und immer wieder hört man Rettungswagen vorbeifahren.

Inzwischen macht das Gewitter der extremen Temperatur ein Ende und kühlt die Stadt ab.Während einige mit den Extremtemperaturen bereits abgeschlossen haben, dürften andere sich bereits Gedanken um die nächste Hitzewelle machen. Denn: Wie stark hohe Temperaturen den Alltag bestimmen, hängt nicht nur vom Wetter ab, sondern auch vom Wohnort, vom Einkommen und von der Möglichkeit, sich an einen kühleren Ort zurückzuziehen. Hitze wird zunehmend auch zu einer sozialen Frage.

Warum Städte nachts kaum noch abkühlen

Leipzig ist kein Einzelfall. Viele Großstädte kämpfen mit dicht bebauten und stark versiegelten Quartieren, die tagsüber große Mengen Wärme aufnehmen und nachts nur langsam wieder abgeben. "Ein zentrales Phänomen ist der Wärmeinseleffekt der Stadt, der insbesondere nachts wirkt und deutlich erhöhte Temperaturen in der Innenstadt einer Großstadt im Vergleich zu den umliegenden Randlagen beschreibt", erklärt Niels Wollschläger, Stadtklimatologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig, gegenüber News.de.

Die Ursachen liegen nach seiner Einschätzung vor allem in der Bau- und Siedlungsstruktur. Asphalt, Beton und Hausfassaden speichern die Energie der Sonneneinstrahlung. Enge Straßenräume und eine dichte Bebauung können zugleich den Luftaustausch behindern. Wo Bäume, Parks oder begrünte Innenhöfe fehlen, gibt es zudem weniger Schatten und Verdunstungskühlung.

Tagsüber sind deshalb vor allem Orte mit starker Sonneneinstrahlung und wenig Luftbewegung belastet. "Eine Baumbegrünung könnte die Situation durch Evapotranspirationskühlung und Verschattung erheblich verbessern, doch gerade in den am stärksten betroffenen Vierteln fehlt diese", sagt Wollschläger.

Wie ungleich die Belastung innerhalb Leipzigs verteilt ist, zeigt die Stadtklimaanalysekarte der Stadt. Neben dem Zentrum weisen demnach auch Bereiche in Schönefeld, Volkmarsdorf und Reudnitz eine starke bis teilweise extreme Wärmebelastung auf. Auch in der Nähe der Eisenbahnstraße sammelt sich viel Wärme. In Teilen des westlichen Zentrums fällt die Belastung dagegen geringer aus. Vergleichsweise kühl bleiben vor allem Wälder, Parks und andere zusammenhängende Grünflächen.

Die Karte zeigt allerdings nicht nur den Gegensatz zwischen Innenstadt und Stadtrand. Auch außerhalb des Zentrums gibt es stark belastete Gebiete. Entscheidend sind weniger die Entfernung zum Stadtzentrum als der Grad der Versiegelung, die Bebauungsstruktur, der vorhandene Schatten und die Möglichkeit, dass Luft zwischen den Gebäuden zirkulieren kann.

Was haben Hitze und Armut miteinander zu tun?

Ein Vergleich der Stadtklimakarte mit den Einkommensdaten liefert Hinweise darauf, dass sich soziale und klimatische Belastungen in einzelnen Leipziger Ortsteilen überschneiden. Nach den Statistiken der Stadt liegt das durchschnittliche Bruttomonatsentgelt sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigter in Grünau-Ost bei rund 2.630 Euro. In Schönefeld-Ost sind es etwa 2.660 Euro, in Paunsdorf rund 2.760 Euro. Alle drei Ortsteile weisen zugleich Bereiche mit erhöhter Wärmebelastung auf.

Im einkommensstarken Waldstraßenviertel liegt das entsprechende Bruttomonatsentgelt dagegen bei ungefähr 4.730 Euro. Zugleich profitiert das Viertel von zahlreichen Bäumen, begrünten Straßenzügen und der Nähe zu größeren Grünflächen. Die Daten zeigen, dass sich hohe Wärmebelastung, geringere Einkommen und ungünstige Wohnbedingungen an manchen Orten überlagern können.

Wollschläger beschreibt, wie sich diese Faktoren gegenseitig verstärken. Menschen mit geringem Einkommen leben häufiger in dicht bebauten und versiegelten Quartieren, in denen kühlende Grünflächen fehlten. "Begrünungsmaßnahmen wie Baumpflanzungen oder Parks in Innenstadtgebieten haben neben ihrem Potenzial zur Verbesserung des städtischen Klimas auch den Effekt, dass sie das Stadtviertel aufwerten und somit auch für steigende Mieten sorgen", erklärt der Klimatologe. "Dadurch wohnen Menschen mit geringem Einkommen häufiger in dicht bebauten, versiegelten Stadtvierteln ohne kühlende Grünflächen."

Das Problem ist dabei nicht die Begrünung selbst. Entscheidend ist, ob ökologische Aufwertung mit bezahlbarem Wohnraum und sozialem Schutz verbunden wird. Andernfalls könnten gerade jene Menschen langfristig nicht von neuen Grünflächen profitieren, die auf öffentliche Schatten- und Erholungsräume besonders angewiesen sind.

Wer von der Hitze am stärksten betroffen ist

"Die Möglichkeit, sich an Hitzetage anzupassen, ist oft eine Frage der Wohnlage und -qualität und der finanziellen Möglichkeiten, sich entsprechend auszustatten", sagt die UFZ-Stadtsoziologin Dr. Annegret Haase gegenüber News.de. Doch nicht allein Einkommen und Wohnsituation entscheiden über die Belastung. Auch Gesundheit, Alter, Mobilität und Beruf spielen eine Rolle.

Menschen, die im Freien oder in nicht klimatisierten Arbeitsstätten beschäftigt sind, können sich während der heißesten Stunden häufig nicht zurückziehen. Ältere und pflegebedürftige Personen wiederum sind nicht immer in der Lage, einen Park, ein öffentliches Gebäude oder einen anderen kühleren Ort selbstständig zu erreichen. Besonders schutzlos sind obdachlose Menschen: Ihnen fehlen eine kühle Wohnung, verlässliche Rückzugsorte und oft auch ein dauerhaft zugänglicher Vorrat an Trinkwasser. Nachts gibt es für sie kaum eine Möglichkeit, sich von der Belastung des Tages zu erholen.

Auch öffentliche Einrichtungen sind nach Einschätzung Haases nicht ausreichend vorbereitet. "Es fehlt für soziale Einrichtungen wie Schulen und Kitas sowie für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen an Hitzeschutzmaßnahmen, oftmals sogar an umfassenden Konzepten dafür", kritisiert sie.

Damit betrifft die Frage des Hitzeschutzes nicht nur private Wohnungen. Sie stellt sich ebenso in Klassenzimmern, Patientenzimmern, Pflegeeinrichtungen, Bussen und Bahnen. Auch Haltestellen ohne Schatten oder Sitzgelegenheiten können während einer Hitzeperiode zu Orten erheblicher Belastung werden. Haase sieht darin ein strukturelles Problem, das politisch noch immer nicht mit der notwendigen Priorität behandelt werde.

Städtische Maßnahmen gegen Hitze sind oft nicht ausreichend

Nicht jede Maßnahme, die sichtbar für Abkühlung sorgt, verändert auch das Klima eines gesamten Viertels. Sprühnebelanlagen und Springbrunnen können Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung kurzfristig entlasten. Ihr Einfluss auf die Lufttemperatur bleibt Wollschläger zufolge jedoch räumlich begrenzt. Trinkwasserspender erfüllen eine andere Funktion. Sie kühlen keinen Straßenzug, können aber einer Dehydrierung vorbeugen und damit einen wichtigen Beitrag zum gesundheitlichen Hitzeschutz leisten.

Für eine dauerhafte Entlastung stark aufgeheizter Quartiere braucht es vor allem Schatten, Straßenbäume, entsiegelte Flächen und zusammenhängende Grünzüge. Einzelne Pflanzungen oder kleine Begrünungsprojekte reichen dafür kaum aus. Und auch Gründächer können Straßenbäume nicht ersetzen. Sie halten Regenwasser zurück und können durch Verdunstung zur Kühlung beitragen. Den Straßenraum verschatten sie jedoch nicht.

Selbst Parks und Grünflächen bleiben nicht automatisch kühl. "In Zeiten großer Hitze verlieren Grünflächen oder Parks ihre Kühlungs- oder Aufenthaltsfunktion, wenn das Gras vertrocknet und Bäume mit ausgedünnten Kronen keinen Schatten mehr bieten", warnt Haase. Neue Grünflächen anzulegen ist deshalb nur der erste Schritt. Sie müssen auch gepflegt, bewässert und langfristig erhalten werden.

Lieber Wohnungen oder Hitzeschutz?

Städte stehen dabei vor einem schwierigen Zielkonflikt. Einerseits wird dringend neuer, bezahlbarer Wohnraum benötigt. Andererseits brauchen dicht bebaute Quartiere Freiflächen, Bäume und Luftschneisen, um sich während des Sommers abkühlen zu können.

Politisch werden Wohnungsbau und Begrünung häufig gleichzeitig versprochen. In der Praxis konkurrieren beide Ziele jedoch um dieselben Flächen. Nach Einschätzung Wollschlägers führt die Priorisierung neuer Wohnungen immer wieder dazu, dass Begrünungsvorhaben zurückgestellt oder nur eingeschränkt umgesetzt werden.

Wohnungsbau und Hitzeschutz gegeneinander auszuspielen, greift jedoch zu kurz. Neue Quartiere müssten von Beginn an so geplant werden, dass ausreichend Schatten, Grünflächen und Luftzirkulation erhalten bleiben. Zugleich müssen die Wohnungen bezahlbar sein. Andernfalls droht Klimaanpassung selbst zu einem Faktor sozialer Verdrängung zu werden.

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