Berlin: 25 Jahre "Das ist auch gut so": Wie Wowereits Satz nachwirkt
Im Juni 2001 outete sich Klaus Wowereit mit dem Satz: "Ich bin schwul und das ist auch gut so". Politik und Gesellschaft veränderten sich seitdem - doch nicht nur zum Positiven.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Ein einziger Satz kann politische Karrieren beenden – oder Geschichte schreiben. Und meist ahnt der Akteur die Wirkung vorher nicht.
Als am 10. Juni 2001 der auch in seiner Heimatstadt Berlin eher unbekannte SPD-Politiker Klaus Wowereit auf einem Parteitag ans Rednerpult tritt, kann er nicht wissen, dass der Schlusssatz seiner Rede ihn weit über Deutschland hinaus berühmt machen wird: Und dass er bis heute, 25 Jahre später, politische und gesellschaftliche Auswirkungen haben wird.
"Damit auch keine Irritationen hochkommen, liebe Genossinnen und Genossen, ich sag's euch auch und wer's noch nicht gewusst hat", leitete Wowereit in seiner Bewerbungsrede für die Bürgermeister-Kandidatur sein Coming-out ein. Dann hebt er seine Stimme und es folgt der Satz: "Ich bin schwul und das ist auch gut so, liebe Genossinnen und Genossen."
"Das war damals noch eine andere Zeit"
Wowereit wusste, dass seine sexuelle Orientierung in Teilen der SPD, der Medien und der Schwulenszene schon länger bekannt war. Seine Berater hätten ihm aber davon abgeraten, das öffentlich auf dem Parteitag zu thematisieren, sagt er im dpa-Interview. "Das war damals noch eine andere Zeit, in der man eher sagte: Wenn schon, dann bitte nicht darüber sprechen."
Dann habe er aber gehört, dass gezielt nach negativen Geschichten gesucht worden sei, erinnert sich Wowereit. "Dafür muss man sich nicht rechtfertigen. Es ist nichts Schlimmes – und es ist gut so. Dieser Satz kam spontan, er war nicht vorbereitet und stand auch nicht im Manuskript."
Die eigentliche Bedeutung des Satzes erfasste auch er erst später. Das Coming-out eines prominenten Politikers verschob die Grenzen des Sagbaren. Plötzlich war da ein Regierender Bürgermeister, der nicht nur akzeptiert wurde, sondern gerade wegen seiner Offenheit als authentisch galt.
"Ein Moment der Ermächtigung"
Für viele Homosexuelle oder ihre Familie war der Satz ein wichtiges Signal, er habe viele Briefe bekommen, erinnert sich Wowereit heute noch. Der Berliner Queer-Beauftragte Alfonso Pantisano betont: "Für mich war es ein Moment der Ermächtigung: Er zeigte mir, dass aus Verletzung Haltung, aus Sichtbarkeit politische Kraft und aus einem schwulen Leben öffentliche Verantwortung werden kann. Dafür bin ich Klaus Wowereit bis heute dankbar."
Es war das erste Mal, dass ein Spitzenpolitiker in Deutschland offen seine Homosexualität aussprach – offensiv, selbstbewusst und ohne jede Entschuldigung. 25 Jahre später gilt dieser Satz als Wendepunkt für die gesellschaftliche Wahrnehmung von Homosexualität in Deutschland.
Der LSVD, der Verband für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transmenschen, ordnet es ein: "Wowereits Coming-out war ein historischer Bruch – in einer Zeit, in der Homosexualität zwar legal, aber gesellschaftlich noch tabuisiert war."
Nach Wowereit kamen auch Westerwelle, von Beust
Homosexuelle Spitzenpolitiker gab es auch lange vor 2001 schon. Doch in der Politik herrschte noch ein anderes Klima, in Spitzenpositionen blieb sie unausgesprochen. Erst in den Jahren nach Wowereits Ansage folgten Politiker der konservativeren Parteien wie der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle und der Hamburger CDU-Bürgermeister Ole von Beust.
In der Wirtschaft und im Profisport sind die Hemmnisse bis heute größer. 2014 outete sich der ehemalige Profifußballer Thomas Hitzlsperger, 2024 der Ex-Rennfahrer Ralf Schumacher - beide nach Ende ihrer Sportkarriere.
Inzwischen erscheint vieles selbstverständlich. Die "Ehe für alle" wurde 2017 beschlossen. Offen queere Politikerinnen und Politiker sind keine Seltenheit mehr. Firmen werben mit Diversity. Was damals mutig war, wirkt heute für viele wie Normalität.
Mehr Übergriffe auf queere Menschen in Statistiken
Doch dieser Eindruck trügt. Während rechtliche Gleichstellung in vielen Bereichen erreicht wurde und Christopher-Street-Day-Paraden mit zehntausenden Teilnehmern durch Städte ziehen, bleibt gesellschaftliche Akzeptanz fragil.
Studien und Polizeistatistiken zeigen seit Jahren: Übergriffe auf homosexuelle Menschen nehmen nicht ab, in manchen Regionen nehmen sie sogar zu. Es gibt Beleidigungen, Bedrohungen, körperliche Gewalt – oft im öffentlichen Raum. Besonders im Internet verschärft sich der Ton.
723 Fälle und Hinweise auf Anfeindungen gegen schwule Männer, lesbische Frauen und andere sexuelle Minderheiten wurden im vergangenen Jahr von der Beratungsstelle Maneo in Berlin gezählt. 165 Taten ereigneten sich auf Straßen, in Bussen, Bahnen und an Haltestellen. Dazu kamen Fälle im Internet, in Wohnungen, am Arbeitsplatz, in der Schule.
Minderheiten zunehmend Gegenstand extremistischer Kampagnen
Die Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sophie Koch, erklärt, Homo- und Bisexualität seien inzwischen deutlich stärker gesellschaftlich akzeptiert, zugleich erlebten besonders nicht-binäre und Transmenschen weiterhin massive Ablehnung. Minderheiten seien zunehmend Gegenstand politischer und gesellschaftlicher Kontroversen und Ziel extremistischer Kampagnen.
Auch Wowereit sagt, es sei höchst bedenklich, dass Unsicherheiten mancher Menschen von bestimmten Parteien politisch instrumentalisiert würden. Alltag seien auch homophobe Beschimpfungen auf Schulhöfen und auf Sportplätzen. "Wenn so ein Klima herrscht in den Kabinen und im Vereinsleben, dann hat das eine Wirkung auf Jugendliche und dann läuft da etwas falsch."
Hinzu kämen kulturelle und religiöse Prägungen in gesellschaftlichen Gruppen, in denen Intoleranz teilweise noch verankert sei, erklärt Wowereit. "Wenn in bestimmten Religionen offen gegen Homosexualität gepredigt wird, dann braucht man sich auch nicht zu wundern, dass junge Männer diese Haltung übernehmen."
Wowereits berühmter Satz steht auch 25 Jahre später für einen Moment, in dem Schwulsein sichtbar und politisch wurde. Trotzdem sei weiterhin die Prävention gegen Homophobie dringend notwendig, sagt er heute. Die gesamte Mehrheitsgesellschaft sei gefordert und trage Verantwortung dafür, "ein Klima zu schaffen, in dem Diskriminierung keinen Platz hat".
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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