Bochum: Warum Johann Simons bis in alle Ewigkeit Theater machen will
Peter Pan führte den Jungen aus armen Verhältnissen einst ans Theater. Die Bühne wurde seine Rettung, er selbst zu einem der großen Regisseure seiner Generation. Ein Gespräch zum 80. Geburtstag.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Johan Simons will, dass seine Schauspieler nicht einfach stehen. "Sie sollen SO stehen", sagt der preisgekrönte Theatermacher im Interview kurz vor seinem 80. Geburtstag, springt auf und zeigt, was er meint: Die Füße parallel und eng beieinander statt lässig auseinander.
Wer so steht, kann jeden Moment kippen. Das Gleichgewicht muss immer wieder neu gesucht werden. Er sagt, das gehöre zum Wichtigsten, was er Schauspielerinnen und Schauspielern beibringe: Zerbrechlichkeit. Nie sicher stehen. "Schauspielkunst ist die Kunst des Moments", sagt er. Auch eine Aufführung zum hundertsten Mal müsse den Eindruck erwecken, als geschehe sie gerade zum ersten Mal.
Es ist nicht zuletzt diese Art der Schauspielerführung, die Simons' Ruf als einen der profiliertesten Ensemble-Regisseure seiner Generation begründet und seine Inszenierungen zu intensiven Erlebnissen macht. Die Oscar-nominierte Sandra Hüller und der gefeierte Bühnendarsteller Jens Harzer sind dabei nur die bekanntesten derer, die seit Jahren mit ihm zusammenarbeiten. Am 1. September wird Johan Simons 80 Jahre alt.
"Möchte am liebsten arbeiten bis in alle Ewigkeit"
"Seltsam genug: Ich beschäftige mich immer noch mit der Zukunft", sagt er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur im Foyer des Bochumer Schauspielhauses - und lacht. Zwar steht nach acht Jahren seine letzte Spielzeit als Intendant des Theaters an, er werde aber weiter als Regisseur arbeiten: "Ich möchte eigentlich am liebsten arbeiten bis in alle Ewigkeit."
Um verständlich zu machen, woher er die Energie nimmt, lenkt er den Blick zurück in das kleine niederländische Dorf Herrjansdam, wo er 1946 als Sohn eines Bäckers und einer Bäuerin geboren wurde. Die Neugier, die ihn antreibe, wurzele auch darin, dass er aus sehr einfachen Verhältnissen stamme: "Ich dachte schon als Kind, ich muss mir selbst eine andere Welt suchen", sagt er. Einen sicheren Ort, weit weg von der Gottesfurcht und Gewalt, die sein Elternhaus prägten.
Dass Simons aus dieser kulturfernen Lebenswelt den Weg ans Theater fand, hat sein Publikum auch einem tanzenden Peter Pan zu verdanken, den er als Junge im Fernsehen sah, wie er erzählt. Als ein Freund seines Bruders sah, wie er den Tanz imitierte, regte er an, ihn zum Ballett zu schicken. Gegen den Willen des strikten Vaters ("Da sieht man ja die Eier in der Hose") setzte seine Mutter sich durch: Simons besuchte die Tanzakademie in Rotterdam. Er habe kein großes Talent gezeigt, aber gewusst: "Das ist eine Welt, zu der ich gehöre".
Von einem, der nicht schauspielern, aber gut gucken kann
Noch auf der Suche nach dem richtigen Platz in dieser Welt beginnt Simons eine Schauspielausbildung in Maastricht. Schon nach einem Jahr plädieren neun von zehn Lehrern dafür, ihn von der Schule zu schicken. Doch ein Dozent sieht, was die anderen übersehen: ""Spielen kann er nicht, aber gucken kann er"", erinnert sich Simons an die Worte seines Fürsprechers. Schon damals habe er viel beobachtet, analysiert. Überzeugt davon, einen Theaterrevolutionär vor sich zu haben, setzt der Schauspiellehrer sich dafür ein, dass er bleiben kann.
Nach der Ausbildung arbeitet Simons zunächst als Schauspieler, erinnert sich an die Episode aber eher als Qual denn als Erfüllung: "Ich war viel zu fixiert dafür", angsterfüllt habe er auf der Bühne gestanden, bis er eines Tages alle Spiegel seiner Garderobe zusammenschlug.
Über München ins Ruhrgebiet
Nach dem folgenden Rausschmiss gründet Simons 1985 schließlich seine eigene Theatertruppe, konzentriert sich auf Regiearbeit. Die Theatergroep Hollandia inszeniert zwanzig Jahre lang Stücke an Orten fernab der Theaterhäuser - in Fabrikhallen, Gewächshäusern oder Kirchen – und wird mit diesem experimentellen Ansatz weit über die Grenzen der Niederlande wahrgenommen. Ab 2000 wird Simons auch regelmäßig als Gastregisseur von deutschsprachigen Theatern eingeladen.
2005 leitet Simons fünf Jahre lang das belgische Theater NTGent, danach weitere fünf Jahre die Münchner Kammerspiele. Von 2015 bis 2017 ist er Intendant der Ruhrtriennale, wechselt anschließend an die Spitze des Bochumer Schauspielhauses. Jahrzehnte produktiver Theaterarbeit bringen zahlreiche Auszeichnungen mit sich, vielfach wurden seine Produktionen zum Berliner Theatertreffen eingeladen.
Große Stoffe statt großer Effekte
Seine Regie vertraut dabei weniger auf große Effekte als auf die Kraft großer Stoffe: auf griechische Dramen und Shakespeare, auf Bühnenadaptionen von Dostojewski oder zeitgenössischen Romanen wie Elena Ferrantes "Meine geniale Freundin". Texte, die ihn interessieren, kreisen meist um grundsätzliche Fragen: Wie lebt man mit Schuld und Gewalt? Was hält eine Gemeinschaft zusammen? Wie frei ist der Mensch? Zuletzt hat er in Bochum mit Wassili Grossmanns Epos "Leben und Schicksal" über menschliche Güte in Zeiten von Auschwitz und Stalingrad ein beklemmend zeitgemäßes Stück gezeigt.
"Dass ein Junge aus solch einfachen Verhältnissen wie ich das Theater, die Kunst entdeckt hat, ist für mich das Größte, was mir geschenkt worden ist", sagt Simons. Sein vielfach formulierter Anspruch, er wolle Theater für Menschen machen, die eigentlich nicht ins Theater gehen, ist keine Floskel, sondern folgerichtig. Wirklich gelungen sei ihm das aber nie, räumt er lachend ein - "obwohl ich es immer noch sage und immer noch hoffe."
Die sich wandelnde Welt als Antrieb
Im Gespräch über sein Leben und die Rolle, die die Kunst darin spielt, wird deutlich: Das Theater war für Simons auch eine Rettung. "Früher fühlte ich mich sicher bei Gott, jetzt fühle ich mich sicher im Probenraum", sagt er. Es sei ein Raum des Versuchs, der Utopie: "Ein Probenraum öffnet den Kopf."
Früher, erzählt Simons, habe er mit seinen Ensembles erst überlegen müssen, welche Themen die Gesellschaft beschäftigten. Heute drängten sich die Stoffe geradezu auf. Eine Demokratie unter Druck, die rasante Entwicklung neuer Technologien: "Die Themen greifen uns an, nehmen uns mit", sagt er. Gerade deshalb müsse es das Theater als einen Ort geben, "wo man über das Leben, über alles nachdenken" könne. Teil dessen will Simons bleiben.
Seine Intendanz in Bochum endet 2027, seine Arbeit nicht: Als Regisseur, sagt er, könne er bis zu seinem Tod weiterarbeiten.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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