München News: Vom Trauma zur Tigerente – Künstler Janosch wird 95
Tiger, Bär und Tigerente sind Kult – doch ihr Schöpfer Janosch hat eine dunkle Vergangenheit. Welche Rolle spielt seine Geschichte in seinen Büchern?
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Die Tigerente – für viele Menschen ist das ein Stück Kindheit. Auf Tassen, Socken und Schnullern, als Plüschfigur und im Fernsehen, überall ist das Tier mit den schwarz-gelben Streifen präsent. Ihren Ursprung hat die Tigerente in den Kinderbüchern von Janosch an der Seite von Tiger und Bär, die lustige Abenteuer erleben. Am Mittwoch (11. März) wird der Schöpfer dieses liebenswerten Universums 95 Jahre alt. Was muss man über Janosch wissen, der nach Stationen in München und am Ammersee seit mehr als 40 Jahren auf der Kanareninsel Teneriffa lebt?
Eigene Kindheit als Hölle
Geboren wurde Janosch 1931 im oberschlesischen Bergarbeiterort Zabrze, heute in Polen. Bis er seinen Künstlernamen annahm, hieß er Horst Eckert. Seine Kindheit war wohl eine Hölle: Er litt unter den Alkoholexzessen seines Vaters. Auch seine Mutter trank und beide schlugen ihn, wenn er nicht so war, wie sie sich das erhofften. Die katholische Kirche tat ein Übriges und befeuerte die Angst des Kindes, wegen Sünden im Fegefeuer zu schmoren.
Einblicke gibt das Filmporträt "Janosch - ja ist gut, nein ist gut" des Bayerischen Rundfunks (BR), aktuell in der ARD Mediathek. Darin schildert er auch die "Quälerei in der Hitlerjugend", der er beitreten musste und in der er litt, auch weil er nicht so sportlich war wie andere. "Die hatten mich auf dem Kieker", erzählt er. "Dann haben sie mich geschliffen, bis zum Umfallen."
Tigerente und Co als Trotzreaktion
Tiger, Bär und Tigerente waren eine Art Trotzreaktion. Denn Janosch war wütend. Die Kunstakademie in München hatte ihn abgelehnt. Und auch erste Bücher wie "Die Geschichte vom Pferd Valek" hatten keinen rechten Erfolg. So sann er auf Protest. "Ich wollte ein Kitschbuch machen", sagt er in dem BR-Film. "Es muss ein Kuschelbär dabei sein und der Bär muss eine Reise machen und er muss einen Freund haben. Und schon fangen die Weiber an, zu heulen."
Dieses "Kitschbuch" hatte eine ungeahnte Wirkung. "Oh, wie schön ist Panama" bescherte dem Künstler den lang ersehnten Durchbruch. Seit dem ersten Erscheinen 1978 verkaufte sich das Werk nach Angaben des Beltz-Verlages weltweit mehr als zwei Millionen Mal und es wurde in unzählige Sprachen übersetzt. Andere Werke wie "Kasper Mütze" oder "Lari Fari Mogelzahn" festigten Janoschs Ruf als einfühlsamer und fantasievoller Autor und Illustrator für Kinder. Lesenswert sind auch seine Romane für Erwachsene. Insgesamt schrieb er mehr als 150 Bücher, teilweise ist von rund 300 Werken die Rede. Und er wurde weltweit übersetzt, in rund 40 Sprachen.
Von Frieden und kleinen Freuden
Bis heute bezaubern seine Kinderbücher, so auch Erwachsene. "Janoschs Geschichten bedienen mit ihrer tiefen Behaglichkeit unser Bedürfnis nach Ruhe, Gelassenheit und – vor allem – nach Frieden", heißt es vom Reclam-Verlag, der Büchlein mit Zeichnungen, Sprüchen und Geschichten herausbringt. Tiger und Bär feiern die kleinen Freuden des Lebens. Voller Liebe, Rücksicht und Respekt sorgen sie sich umeinander. Sie schwelgen in Kompott aus selbst gesammelten Waldbeeren oder genießen "fabelhafte Bouillon" mit Kartoffeln. Und wenn der Tiger krank ist, pflegt ihn der Bär mit Hingabe gesund.
"Einmal ist da die Sehnsucht nach einem einfachen Leben, nach Glück, der Liebe und der Freundschaft. Und das Versprechen, dass sich all dies erfüllen kann, wenn man seinen eigenen Weg geht", sagt Katrin Hartmann, Cheflektorin Bilderbuch beim Verlag Beltz & Gelberg. Freiheit und Selbstbestimmung auch für Kinder – und kein erhobener Zeigefinger. "Dazu hat er eine Schnodderigkeit in Text und Bild, eine heute geradezu erleichternd wirkende Unperfektheit im Strich, da er seine Geschichten ganz aus dem Gefühl heraus aufs Blatt gebracht hat", findet Hartmann. Und Christiane Raabe, Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek in München resümiert: "In Janosch Bilderwelt gibt es keine schlechte Laune, hier lachen sogar die Fische".
Bilderbuchwelten als Seelenpflaster
Für Janosch war diese Idylle eine Art Seelenpflaster und der totale Kontrast zu seiner eigenen Kindheit. Doch die schlimmen Erfahrungen als Kind blieben nicht ohne Folgen. Düstere Gedanken quälten ihn und er wollte diese mit viel Alkohol betäuben. Er habe mit dem Verstand aus seinem Kopf aussteigen müssen, sagte er seiner Biografin Angela Bajorek, die 2016 über ihn geschrieben hatte. Der Titel des Buches ist ein Stück Lebensweisheit, wie sie typisch für den Künstler ist, der Bescheidenheit liebt: "Wer fast nichts braucht, hat alles".
Die düstere Seite kommt in seinen Romanen zum Tragen, die sich eher an Erwachsene richten. In "Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm" etwa erzählt er schonungslos, aber auch wehmütig von der grauen Arbeitersiedlung, in der er seine Kindheit verbrachte. Nach dem Zweiten Weltkrieg verließ die Familie fluchtartig ihr Zuhause, um schließlich in der Nähe von Oldenburg zu laden. Für Janosch blieb Zabzre trotz allem eine Art Sehnsuchtsort. So notiert er später im Roman "Polski Blues": "Polen ist ein Heimwehland".
Panama-Bücher als Merchandisingmaschinerie
Doch sein Markenzeichen blieben Tiger, Bär und Tigerente. "Millionenfach zieren sie Brotboxen, Becher, Strümpfe oder baumeln als Anhänger an Rucksäcken", sagt Raabe. Diese niedlichen Figuren hätten von Anfang an das Potenzial gehabt, Maskottchen zu werden und seien so auch geschickt vermarktet worden. "Der Erfolg seiner Panama-Bücher ist ohne die damit verbundene Merchandisingmaschinerie nicht denkbar", ist Raabe überzeugt.
Janosch selbst distanziert sich von dem lukrativen Lizenzgeschäft der Janosch Film & Medien AG. "Ich habe nichts damit zu tun, ich sehe das auch nicht, ist zu weit weg. Das ist eine andere Baustelle", sagte er der dpa vor zehn Jahren.
Was Janosch über Handys denkt
Anders als früher gibt Janosch keine Interviews mehr, auch weil seine Gesundheit nicht mehr so stabil ist. Bis vor einigen Jahren hatte er noch eine Kolumne im Wochenmagazin "Zeit". Als "Herr Wondrak" sinnierte er darin über das Leben und das Weltgeschehen, so etwa 2015, als er die Mediensucht zum Thema machte. "Herr Janosch, was wäre eigentlich gewesen, hätten Tiger und Bär Smartphones gehabt?", fragte er. Die ernüchternde Antwort: "Sie hätten Panama einfach gegoogelt und wären im Übrigen am Tisch sitzen geblieben".
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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