Berlin: "Handelsblatt"-Chef: "Haben uns den Wohlstand falsch erklärt"
Mehr Freude am Unbekannten und strategisches Vorausschauen in die Zukunft: "Handelsblatt"-Chefredakteur Matthes hat einen Fahrplan, wie sich Deutschland aus der Wachstumskrise befreien könnte.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Sebastian Matthes, Chefredakteur des "Handelsblatts", hat sein erstes Buch geschrieben. In "Inside 2029" stellt er liebgewonnene Glaubenssätze der Wirtschaftsnation Deutschland auf den Prüfstand. Deutschland habe zu lange eine durch China befeuerte Sonderkonjunktur mit eigener Innovationskraft verwechselt, sagt er im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Tech-Enthusiast Matthes macht Vorschläge, wie es besser ginge - und sagt, dass Medien die Innovationskraft im Lande mit entfachen sollten.
Frage: Die einst stolze Wirtschaftsnation Deutschland steckt in einer Struktur- und Sinnkrise. Wann genau sind wir falsch abgebogen?
Antwort: Es war eher ein schleichender Prozess. Deutschland war in den vergangenen Jahrzehnten so beschäftigt damit, den Wohlstand der Vergangenheit zu verwalten, dass es vergessen hat, einen Plan zu entwickeln, wie der Wohlstand in Zukunft erwirtschaftet werden soll. Und das hängt damit zusammen, dass sich Deutschland zu lange die Ursachen seines eigenen Erfolgs falsch erklärt hat.
Frage: Was genau haben wir uns falsch erklärt?
Im "goldenen Jahrzehnt", den Jahren mit starkem Wirtschaftswachstum nach der Finanzkrise, galt Deutschland als innovatives Exportland. Doch das Wachstum in diesen Jahren war nicht in erster Linie das Ergebnis von Reformen und Innovationskraft der Firmen, wie oft behauptet wird. Entscheidend war der Aufstieg Chinas, der deutschen Unternehmen eine Sonderkonjunktur bescherte. Wir haben einen ökonomischen Lottogewinn mit eigener Innovationskraft verwechselt.
Frage: Sonderkonjunktur ist doch nichts Schlechtes?
Antwort: Wenn man es falsch interpretiert, dann schon. China hat damals in Rekordzeit seine Industrie aufgebaut und kaufte massenhaft deutsche Anlagen, Maschinen und Autos. Dabei haben viele übersehen, dass einige der Industrien ihren Höhepunkt schon überschritten hatten. Die Zahl der Patente in traditionellen Branchen wie Maschinenbau und Automobilindustrie stieg noch. Aber in Hightech-Feldern wie Biotech, Software und IT fiel Deutschland zurück. Der Erfolg dieser Jahre hat uns blind gemacht für Zukunftstechnologien.
Frage: Sie nennen Deutschland nun ein Mitteltechnologieland im Gegensatz zu einem Hightech-Land wie den USA. Woran zeigt sich das?
Antwort: 57 Prozent der privaten Forschungs- und Entwicklungsausgaben fließen in Deutschland in traditionelle Branchen wie Auto, Maschinenbau und Chemie, nur 36 Prozent in Software und Biotechnologie. In den USA fließen 85 Prozent der Forschungsausgaben in diese neuen Felder.
Frage: Sie haben weltweit Hightech-Zentren wie in Boston, Shenzhen und Bangalore bereist, um die Innovationsformel zu finden. Was haben diese Orte gemeinsam?
Antwort: Keines ist zufällig entstanden. Überall haben Wirtschaftspolitiker, Wissenschaftler und Unternehmer langfristige Strategien entwickelt. Und in all diesen Regionen arbeiten Universitäten, Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Start-ups und Investoren eng zusammen. Boston war Ende der 1970er-Jahre noch eine Industriebrache. Heute ist es das Weltzentrum für Biotechnologie. Mit der richtigen Politik kann also in wenigen Jahrzehnten ein globaler Innovationsmagnet entstehen.
Frage: Warum hat die deutsche Politik diese Entwicklung verschlafen?
Antwort: Gute Wirtschaftspolitik bedeutete in Berlin jahrzehntelang, alles dafür zu tun, dass es der verbrennergetriebenen Automobilindustrie gut geht. Während Deutschland in der Finanzkrise mit der Abwrackprämie die alte Industrie unterstützte, definierte Peking sieben strategische Zukunftsfelder, darunter neue Energien, Elektromobilität und neue Materialien. In diesen Feldern ist China heute führend. Deutschland hat nie systematisch hinterfragt, welche technologischen Veränderungen sich abzeichnen und ob die starken Industrien von heute auch morgen noch eine Zukunft haben. Diese Analyse und die Strategie daraus gehören ins Kanzleramt.
Frage: Packt die Bundesregierung unter Friedrich Merz das Thema an?
Antwort: Die Hightech-Agenda des Forschungsministeriums enthält wichtige Punkte. Sie bleibt aber die Strategie eines Ministeriums. Innovationspolitik müsste über alle Ministerien hinweg betrieben und im Kanzleramt koordiniert werden. Der Staat sollte bei riskanten Technologien als früher Auftraggeber auftreten und die Finanzmarktregeln so verändern, dass viel mehr Geld aus Europa in junge Technologiefirmen fließen kann. Deutschland hat dafür mit der Agentur für Sprunginnovationen ein Instrument, allerdings mit einem Bruchteil der finanziellen Möglichkeiten seines amerikanischen Vorbilds DARPA.
Frage: Sind grundlegende Reformen in der aktuellen Stimmung in Deutschland überhaupt möglich?
Antwort: Ja, wenn man sie richtig erklärt. Die Bundesregierung verkauft Zukunft oft als Verlustprojekt: Die Menschen sollen länger arbeiten, später in Rente gehen, mehr vorsorgen. Niemand sagt ihnen, wofür genau. Der kanadische Premierminister Mark Carney mutet seinen Landsleuten harte Einschnitte zu, beschreibt den Umbau aber als eine Art "Nation Building": Wir werden als Wirtschaftsnation unabhängiger und stärker - so die Botschaft. Reformen brauchen ein Ziel, für das sie sich lohnen. Die Bundesregierung hat keines formuliert.
Frage: In Ihrem Buch schreiben Sie: "Die Zukunft hat keine Lobby." Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach hier Medien?
Antwort: Alles, was es gibt, hat eine Interessenvertretung. Was noch nicht existiert, hat keine. Natürlich müssen Medien zeigen, was nicht funktioniert, wir müssen aber auch stärker über Ideen, Köpfe und Unternehmen berichten, die gesellschaftliche Probleme lösen, Krankheiten heilen und neue Technologien entwickeln, denn davon haben wir auch in Deutschland viele. Ihnen müssen wir eine Bühne geben. Das ist kein Aktivismus, sondern eine möglichst vollständige Beschreibung der Wirklichkeit.
Frage: Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Antwort: Das Münchner Start-up Isar Aerospace, vor ein paar Jahren noch ein Studentenprojekt, hat gerade eine Rakete in den Orbit geschossen. Es gelang beim zweiten Versuch. SpaceX von Elon Musk brauchte dafür noch vier Anläufe. Warum ist die Nachricht nicht eine Woche lang Top-Thema in den Medien? Vielleicht ist den Deutschen die Freude am Neuen abhandengekommen.
Frage: Welche Bremse hätte die größte Wirkung, wenn Deutschland sie löste?
Antwort: Es ist ein Dreiklang: den Staat bei sehr frühen und riskanten Technologien stärker als Investor einsetzen, endlich eine Brücke von der Forschung in Richtung Wirtschaft bauen und Bürokratie abbauen: Ein Berliner Unternehmer, mit dem ich für mein Buch gesprochen habe, will mit seinem Start-up Cellbricks Organe im 3D-Drucker herstellen. Er diskutierte monatelang mit einer Behörde, ob es 36 oder 33 Mäuse für einen Tierversuch verwenden darf. Schließlich verlegte er die Versuchsreihe nach Boston.
Frage: Was macht Sie optimistisch, dass Deutschland die Innovationswende bis 2029 schafft?
Antwort: Wir haben noch eine faire Chance. Unsere Forschungsinstitute und Hochschulen haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Weltrang. Das Problem ist, dass in Deutschland immer noch zu viele Forschungsergebnisse in Archiven landen, aus denen neue Technologiefirmen werden könnten. An der Harvard Universität oder in Stanford helfen eigene Einheiten Forscherinnen und Forschern dabei, daraus Start-ups zu machen. Wir haben auch in Deutschland die Forscher, zunehmend auch das Kapital für Gründer und eine starke Industrie. Wir haben sie bisher nur nicht zusammengebracht.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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