Hannover: Lies: Bahn vernachlässigt den Nahverkehr
Niedersachsens Regierungschef kritisiert, die Deutsche Bahn denke vor allem an die schnellen ICE. Der Dauerstreit um die derzeit gesperrte Strecke Hamburg-Hannover schwelt weiter.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Die Deutsche Bahn achtet aus Sicht von Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies zu wenig auf verlässliche regionale Verbindungen. "Die Bahn fokussiert alles auf den Fernverkehr. Ihr Interesse am Nahverkehr ist unterausgeprägt. Das ist schon mein Eindruck", sagte der SPD-Politiker mit Blick auf den Dauerstreit um einen Ausbau oder Neubau der derzeit gesperrten Strecke zwischen Hamburg und Hannover. "Da brauchen wir eine gemeinsame Regelung, denn unsere Aufgabe als Land, meine als niedersächsischer Ministerpräsident ist es, einen guten Nahverkehr sicherzustellen."
Die Frage, ob die ICE-Strecke zwischen Hannover und Hamburg ausgebaut oder neu gebaut werden sollte, ist seit Jahren ein Streitpunkt zwischen der Bahn und dem Land Niedersachsen. Die Deutsche Bahn favorisiert, wie auch der Hamburger Senat und die Stadt Hannover, einen Neubau, Niedersachsens rot-grüne Landesregierung will dagegen einen Ausbau.
"Ich glaube nicht, dass die Welt verbessert wird, wenn ich 20 Minuten eher von Hamburg nach Frankfurt komme", sagte Lies. "Das ist, glaube ich, nicht die Botschaft. Die Botschaft ist die Verlässlichkeit. Verbindungen müssen passen."
Lies will schnellen Ausbau – nicht erst "für unsere Enkelkinder"
Es sei für ihn eine zentrale Aufgabe der Bahn, auch die Pendlerströme in den Blick zu nehmen, sagte Lies: "Das sind übrigens auch die großen Mengen, die bewegt werden, und dafür brauche ich den Kapazitätsausbau, und dafür brauche ich nicht immer neue Fernverkehrsachsen, sondern dafür brauche ich Achsen, die heute schon genutzt werden, die ich ausbauen darf."
Niedersachsen dringt konkret auf eine Umsetzung der Ausbauvariante Alpha-E zwischen Hannover und Hamburg, für die sich schon 2015 nach jahrelangen Beratungen ein Dialogforum ausgesprochen hatte. "Diese Lösung ist wirklich schneller, denn sie ist die realistische", sagte Lies. "Die Bahn plant etwas, was 30 Jahre überhaupt nicht die Chance hat, zu wirken, wenn es denn überhaupt Chance auf Umsetzung hat. Wir müssen aber das zügig Machbare in den Mittelpunkt setzen und nicht die Option für unsere Enkelkinder."
"So kann man nicht gut miteinander arbeiten"
Wenn der Bund nach einem Ausbau trotzdem noch eine Neubaustrecke planen wolle, könne er niemanden davon abhalten, sagte Lies. "Mir geht es um eine schnelle Lösung. Ich möchte schnell mehr Kapazität im Dreieck Hamburg-Hannover-Bremen. Ich erlebe aber die Bahn, die genau das nicht will, sondern sagt, dann habe sie ja keine Begründung mehr für eine Neubaustrecke." An der Stelle werde es schwierig. "So kann man nicht gut miteinander arbeiten."
Bahn verspricht schnellere Verbindungen auch im Nahverkehr
Hamburgs Verkehrssenator Anjes Tjarks unterstützt dagegen die Neubaupläne der Bahn. "Die Strecke zwischen Hamburg, Lüneburg und Hannover ist hoffnungslos kaputt, sie ist überaltert und sie ist völlig überlastet", sagte der Grünen-Politiker Ende 2025.
Die Deutsche Bahn verspricht, mit einem Neubau der ICE-Strecke würden nicht nur die Reisezeiten im Fernverkehr kürzer, sondern auch im Nahverkehr. So soll der ICE von Hamburg nach Hannover nur noch 59 Minuten unterwegs sein statt bisher 79 Minuten. Von Soltau nach Hamburg soll es 30 statt 84 Minuten dauern, von Bergen nach Hamburg 45 statt 142 Minuten und von Bergen nach Hannover dann 30 statt 67 Minuten. In Summe werde eine ganze Region damit neu für den Nahverkehr erschlossen, besonders die Heide.
Auf Lies' Vorwurf, der Fokus der Bahn liege zu sehr auf dem Fernverkehr, wollte das Unternehmen auf Nachfrage nicht weiter eingehen. Zur Zukunft der Strecke Hamburg-Hannover verwies ein Bahnsprecher auf die laufenden Beratungen über einen Neubau im Verkehrsausschuss des Bundestags.
Strecke Hannover-Hamburg bis 10. Juli gesperrt
Auch jetzt schon müssen Bahnreisende zwischen Hamburg und Hannover mit großen Einschränkungen zurechtkommen, denn auch derzeit wird gebaut. Die Bahn will auf der rund 163 Kilometer langen Strecke Gleise, Weichen, Oberleitungen, Bahnhöfe und Brücken erneuern und instand setzen. Auch an Stellwerken und am Bahndamm bei Eschede wird gearbeitet.
Im Zuge der sogenannten Qualitätsoffensive der Deutschen Bahn ist die gesamte Strecke zwischen beiden Städten daher für den Zugverkehr gesperrt. Fern- und Güterzüge werden umgeleitet, im Regionalverkehr gilt ein Ersatzkonzept mit Bussen und einzelnen Zugangeboten auf Teilstrecken. Die Bauarbeiten sollen bis zum 10. Juli dauern.
Die Verbindung Hamburg-Hannover zählt zu den am stärksten belasteten Bahnstrecken Deutschlands. Sie ist wichtig für den Fernverkehr zwischen Nord und Süd, für Pendler sowie den Güterverkehr vom und zum Hamburger Hafen. Die Bahn selbst spricht von einer der unpünktlichsten Strecken Deutschlands.
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