Streik: Warum die Streiks bei Lufthansa so eskaliert sind

Milliardenumsätze, aber mickrige Gewinne: Warum bei Lufthansa jede Extra-Ausgabe zum Problem wird – und wie Verdi, Ufo und VC um Einfluss, Jobs und Zukunft ringen.

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Die Passagiere der Lufthansa werden gerade von einer fast beispiellosen Serie von Streiks überrollt. Die Pilotenschaft und die Kabinencrews wechseln sich ab, um den Arbeitgeber unter Druck zu setzen. Nach einer kurzen Atempause am Wochenende sollte die komplette Woche gestreikt werden. Auch der erste Versuch einer Schlichtung ist gescheitert. Die Härte der Auseinandersetzung hat einige Gründe.

Die größte Airline fliegt zu wenig ein

Die Fluggesellschaft Lufthansa Airlines ist zwar die mit Abstand größte im multinationalen Konzern Lufthansa Group, hat aber im vergangenen Jahr nur 148 Millionen Euro zum operativen Gewinn von 1,96 Milliarden Euro beigetragen. Auch dieses Ergebnis war nur nach einem harten Sparprogramm möglich, nachdem sie zuvor in der Verlustzone unterwegs war. Zum Vergleich: Die Schwester-Gesellschaft Swiss hat mit einem Drittel der Flugzeuge 600 Millionen Euro zum operativen Gewinn beigetragen.

Dafür benötigten die Schweizer einen Umsatz von knapp 6,5 Milliarden Euro, während Lufthansa Erlöse von 17,1 Milliarden Euro auswies. Daraus ergibt sich für den Kranich eine schwache Gewinnmarge von 0,9 Prozent. Der Vorstand hat das Unternehmensziel für diese Kennzahl gerade auf 8 bis 10 Prozent erhöht, die im laufenden Jahr nur die Swiss und die Logistiksparte erreichen.

Zusätzliche Kosten etwa durch höhere Betriebsrenten der Piloten kann man nicht gebrauchen, wenn die Kernmarke wieder wettbewerbsfähig werden soll. Nach dieser Logik gibt es also wenig bis gar nichts zu verteilen. Streiks des eigenen Personals sind zudem für die Airlines deutlich teurer geworden, seit sie nach europäischer Rechtsprechung ihre verspäteten Passagiere entschädigen müssen und sich nicht mehr auf höhere Gewalt berufen können.

Mehrere Gewerkschaften kämpfen um Einfluss

Im Lufthansa-Konzern rangeln mit Ufo, Vereinigung Cockpit und Verdi gleich drei Gewerkschaften um Tarifverträge für die unterschiedlichen Berufsgruppen, die alle über eine große Streikmacht verfügen. Ob Piloten, Flugbegleiter oder Techniker: Wenn sie die Arbeit niederlegen, kann kein Flugzeug abheben. Weil sie alle jeweils über mehrere separate Tarifverträge in den verschiedenen Flugbetrieben verfügen, droht gefühlt fast immer irgendwo ein Arbeitskampf. Dazu trägt bei, dass Verdi in der Vergangenheit auch die Tarifkonflikte für Flughafenbeschäftigte häufig eskalieren ließ, mit denen Lufthansa gar nichts zu tun hat. Das Ergebnis ist das Gleiche: Die Jets müssen am Boden bleiben.

Lufthansa steckt in selbstgemachten Fesseln

Nach zwölf Jahren im Amt hat Lufthansa-Chef Spohr beklagt, dass die komplexen Tarifstrukturen zum Teil noch aus den Zeiten stammen, in denen Lufthansa eine Staatsairline war. Diese Strukturen werden von den beiden Spartengewerkschaften VC und Ufo bislang zäh verteidigt. Aber auch das gehört zur Wahrheit: Sie sind erst so mächtig geworden, nachdem Lufthansa mit ihnen in den Jahren 2001 und 2002 erste Tarifverträge abgeschlossen hatte.

Die Forderungen sind extrem komplex

Je nach Berufsgruppe und Laufzeit unterscheiden sich die tariflichen Ziele der Gewerkschaften: Bei den Lufthansa- und Cargo-Piloten geht es um höhere Beiträge des Arbeitgebers zu den Betriebsrenten, während bei der Cityline um höhere Gehälter gestritten wird. Die Kabinengewerkschaft Ufo will hier für ihre Klientel einen Sozialtarifvertrag erstreiten, weil die Airline im kommenden Jahr geschlossen wird. Für die weit größere Gruppe der Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter bei der Lufthansa geht es um die Rahmenbedingungen ihrer Jobs, etwa in Fragen von Dienstplänen, Einsatz- und Ruhezeiten oder garantierten freien Tagen.

Es geht um etwas ganz etwas anderes

Aufsichtsrat und Vorstand haben nach der Corona-Krise den schon vorher eingeschlagenen Kurs verschärft, Strecken und Flugzeuge von der Lufthansa weg auf kostengünstigere Flugbetriebe wie die Discover und die Lufthansa City Airlines zu verlagern. Eine Vereinbarung mit der VC zur Mindestgröße der Kerngesellschaft Lufthansa mit 325 Jets wurde einseitig gekündigt. Die Tarifverträge für die neuen Airlines wurden mit der Verdi abgeschlossen, zu kostengünstigeren Bedingungen.

Zum Jahresende 2025 waren bereits 45 der insgesamt 387 Flugzeuge der Lufthansa Airlines in den neuen Betrieben angesiedelt. Mit jedem weiteren Jet wandern Arbeitsplätze und Karrierechancen in den von Verdi tarifierten Bereich. Aus den einst handzahmen Hausgewerkschaften Ufo und VC sind längst hartgesottene Spartengewerkschaften geworden, die um ihren Einfluss und letztlich um ihr Überleben kämpfen.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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