TV-News: Dagmar Berghoff wird vor 50 Jahren zur "Miss Tagesschau"
Entdeckt hatte sie der damalige Chefsprecher Karl-Heinz Köpcke, der eigentlich keine Frauen in seiner Nachrichtensendung wollte. Berghoff avancierte jedoch schnell zum populären TV-Gesicht.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Als Dagmar Berghoff am 16. Juni 1976 ihre erste Pressekonferenz gab, war die Resonanz von Radio, Fernsehen, Agenturen und Zeitungen riesig. Der Grund für den Medienrummel: Am selben Tag, also vor fast genau 50 Jahren, las die gelernte Schauspielerin, Moderatorin und Sprecherin um 16.00 Uhr die Nachrichten für die "Tagesschau" vor - als erste Frau in der Geschichte der seit 1952 laufenden Top-Nachrichtensendung der ARD. "Man kann es sich heute gar nicht mehr vorstellen, aber damals war das ein absolutes, wirklich meldewürdiges Ereignis", sagt Berghoff der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg. Noch immer hat die 83-Jährige die rauchig-erotisch klingende Stimme, die ihr schnell Markenzeichen wurde.
Kompetent, schick und sympathisch
Sie erinnert sich auch an ihre erste Meldung - ein US-Diplomat war im Libanon entführt worden. Und schon wenige Tage nach ihrem Nachmittags-Debüt, am 20. Juni, durfte die damals 33-Jährige die Abendnachrichten in der Hauptsendung um 20.00 Uhr vortragen. "Das war ungewöhnlich, weil die Sprecher eigentlich erst zwei Jahre lang alle anderen "Tagesschau"-Ausgaben lesen sollten. Um sich einzugewöhnen - an die Live-Situation, die Studioatmosphäre und so etwas", erzählt die noch immer in der Hansestadt lebende TV-Ikone.
Und fügt trocken hinzu: "Aber da ich die erste Frau war, konnte man mich nicht so lange sozusagen in der Versenkung verschwinden lassen. Deshalb war gleich meine dritte Ausgabe die um 20.00 Uhr."
Das Publikum, das seinerzeit ganze drei Fernsehkanäle zur Auswahl hatte, gewöhnte sich schnell an die Frau in der Männerdomäne des Ersten. Es gab kaum verärgerte Reaktionen. Und die junge Berghoff, bei aller Fachkompetenz auch blond, schick und sympathisch, avancierte bei Millionen Fans zur "Miss Tagesschau".
Mehr als 20 Jahre blieb das so. Bis zur Silvesterausgabe 1999, in der sie sich aus persönlichen Gründen freiwillig verabschiedete. Heute würdigt Marcus Bornheim, Erster Chefredakteur ARD-aktuell, sie so: "Dagmar Berghoff ist ein wichtiger Teil der Tagesschau-Geschichte. Sie ist ein Vorbild für uns alle, egal ob Frauen oder Männer. Ohne sie wäre unser Erfolg nicht denkbar", sagt er im dpa-Gespräch.
Köpcke hatte Vorbehalte - aber das ZDF hatte bereits Wibke Bruhns
Entdeckt hatte sie der damalige Chefsprecher Karl-Heinz Köpcke (1922-1991) – dabei wollte der gar keine Sprecherinnen in seiner Sendung haben. "Er fand, dass Frauen einfach nicht Nachrichten lesen könnten. Sie seien zu gefühlsbetont, verstünden von Politik nichts und von Wirtschaft schon gar nichts. Und beim Sport sagten sie Schalke 07 statt Schalke 04", amüsiert sich Berghoff.
Doch Köpcke bekam Druck von den Nachrichten-Chefs des NDR, des für die "Tagesschau" verantwortlichen Senders. Schließlich hatte bereits 1971/72 Wibke Bruhns die "heute"-Sendung des ZDF gesprochen. Und war damit die Pionierin zu einer Zeit, in der auch dank der "Emma"-Publizistin Alice Schwarzer der Wunsch nach mehr Frauen im Beruf verstärkt um sich griff.
Berghoff, geboren 1943 in Berlin, hatte bald nach ihrem Abitur in Hamburg dort an der staatlichen Schauspielschule studiert und einige Jahre als Sprecherin beim SWF in Baden-Baden (Baden-Württemberg) Karriere gemacht. Zurück in der Hansestadt moderierte sie beim NDR etwa die beliebte Radiosendung "NDR2 von 9 bis halb eins".
Dabei müsse sie Köpcke aufgefallen sein, meint Berghoff. Und erinnert sich: "Ich wurde zum Vorsprechen eingeladen und bekam sein persönliches Manuskript, das er für seinen Vortrag vielfach markiert hatte - es war durchzogen von richtig dicken Strichen. Weshalb ich mich zweimal versprochen habe. Da habe ich zu ihm gesagt, Herr Köpcke, falls ich abermals eingeladen werde, bestehe ich auf einem eigenen Manuskript." Dieses professionelle Auftreten habe dem alten Medienhasen wohl imponiert, glaubt Berghoff. Das war Ende Mai 1976 - und dann ging alles sehr schnell.
Keine Feministin
Seine Vorbehalte habe Köpcke sie nicht weiter spüren lassen. Doch bei ihrem ersten Auftritt in der 20-Uhr-Ausgabe stand er dicht neben ihr. "Ich dachte, das machen die immer so. Aber er hat wohl gemeint, dass ich als Frau vielleicht doch die Nerven verliere und zusammenbreche", sagt die spätere Chefsprecherin (von 1995 bis 1999).
Ihren Karrieresprung habe sie selbst keinesfalls als Beitrag zum Feminismus betrachtet. "Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich zu bewerben. Und wollte einfach einen guten Job machen", erklärt Berghoff. Erst später habe sie gemerkt, dass Menschen sie vereinnahmen und als Emanzipationsbeitrag darstellen wollten. "Da habe ich immer abgesagt. Denn einerseits sah ich meinen Job gefährdet, wenn ich mich derart offensiv positioniere. Und andererseits habe ich zwar über Emanzipation nachgedacht und fand vieles richtig, war selbst aber gar nicht so politisch eingestellt", sagt die 83-Jährige. Inzwischen sei sie schon allein aufgrund ihrer "Tagesschau"-Arbeit politisch bewusster. Und für Emanzipation – aber auf eher entspannte Art.
Bis heute "nachrichtensüchtig"
In ihrer Branche habe sich dann auch ohne viel weiteres Zutun von ihr viel getan. Frühe Nachfolgerinnen wurden etwa Ellen Arnhold (1987-2015), Eva Herman (1988-2006) und Susan Stahnke (1992-1998). Berghoff, die vor den Hauptausgaben stets mit starkem Lampenfieber zu kämpfen hatte, ist auch im Pensionsalter immer noch "nachrichtensüchtig", wie sie sagt. Schaut etwa regelmäßig "Tagesschau", hört viel Radio und liest zwei Tageszeitungen.
Gemeinsam mit dem Ex-"Tagesschau"-Mann Constantin Schreiber - der übrigens zwei Tage vor ihrem ersten "Tagesschau"-Einsatz geboren wurde - hat sie 2022 das Buch "Guten Abend, meine Damen und Herren" (Hoffmann & Campe) vorgelegt, das auch ihre Laufbahn als Sprecherin beleuchtet.
"Den Beruf des Tagesschau-Sprechers wird es in Zukunft nicht mehr geben", erklärt die up to date wirkende Mediendame der dpa, "sondern ausschließlich Journalisten, die als Moderatoren eingesetzt werden." Längst gebe es ja auch keine Off-Sprecher mehr. Dafür viel mehr Bilder, die zudem schneller geschnitten würden als früher – ganz den Vorlieben beim modernen Medienkonsum geschuldet.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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kns/roj/news.de
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