Fernsehen: "Im toten Winkel" - Regisseurin Polat zeigt Trauma von Kurdinnen
"Im toten Winkel" wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und ist nun im TV zu sehen. Die deutsch-kurdische Regisseurin Ayse Polat ließ sich von einer Begegnung in Istanbul inspirieren.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
Suche
Hatice verteilt einmal im Jahr Suppe - dieselbe Suppe, die sie damals vor 20 Jahren gekocht hatte, als ihr Sohn plötzlich verschwand. Im Film "Im toten Winkel" will eine deutsche Dokumentarfilmerin die Geschichte von Hatices Sohn erzählen - und von einem Schicksal, das so viele Familien in den 90er Jahren im kurdisch geprägten Osten der Türkei widerfahren ist.
Doch plötzlich geschehen seltsame Dinge rund um den Dreh des Filmteams: Das Mädchen Melek wird von geheimnisvollen Visionen heimgesucht und der kurdische Anwalt, der über seine Erfahrungen berichten wollte, taucht nicht zum Interview auf.
Darum geht es
Der preisgekrönte Film der kurdisch-deutschen Regisseurin Ayse Polat ist jetzt auch bei der ARD zu sehen (in der ARD-Mediathek; lineare Ausstrahlung im Ersten am 15.3.).
Polat nimmt den Zuschauer zunächst mit dem Filmteam mit, das eine dunkle und wenig beachtete Episode in der neueren türkischen Geschichte beleuchten will: das Verschwinden von Kurden in Polizeihaft in den 90er Jahren, mutmaßlich entführt, gefoltert und dann ermordet von dem informellen Geheimdienst Jitem.
Diesem schweren Thema nähert sich Ayse Polat aus mehreren Perspektiven. Der Zuschauer sieht nicht nur aus den Augen der Dokumentarfilmerin, sondern wird plötzlich in die Rolle ihres Beschatters versetzt - offenbar Mitglied einer geheimen Einheit. Opfer und Täter vermischen sich in dem Film und über allem schwebt der türkische Staat, der alles überwacht - damals wie heute.
Wer ist Ayse Polat und was hat sie inspiriert?
Die 1970 im osttürkischen Malatya geborene Regisseurin und Drehbuchautorin Polat gilt als eine bedeutende Vertreterin des deutsch-türkischen Kinos. Sie ist außerdem für ihre "Tatort"-Inszenierungen bekannt. "Im toten Winkel" wurde unter anderem 2024 beim Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.
Zu ihrem Film hat Polat sich von den sogenannten Samstagsmüttern inspirieren lassen. Die kurdischen Mütter protestieren seit den 90er Jahren jeden Samstag auf der Istanbuler Einkaufsstraße Istiklal - und halten Fotos ihrer verschollenen Söhne hoch, die mutmaßlich von der Geheimorganisation Jitem entführt wurden.
Der Protest wurde inzwischen verboten. Doch bei einem Aufenthalt in Istanbul 2015 hätten die Samstagsmütter sie tief berührt und seien Auslöser für das Schreiben des Drehbuchs gewesen, sagt Polat der Deutschen Presse-Agentur. "Natürlich wissen die Mütter mittlerweile, dass ihre Kinder schon lange tot sind. Doch sie wollen wissen, wo deren sterbliche Überreste liegen."
Regisseurin will System hinter der Gewalt verstehen
Sie habe schon früh gewusst, dass sie die Geschichte nicht nur aus der Perspektive der Opfer erzählen wolle, sagt Polat. "Ich wollte auch auf die Täter schauen, um das System zu verstehen, das eine solche Gewalt möglich macht. Es ging darum, zu ergründen, wie Gewalt in Menschen eindringt, wie sie sich festsetzt und sich wiederholt – somit über Generationen weitergegeben wird."
Das Thema, das Polat aufgreift, ist heikel in der Türkei. Sie und ihr Team seien bei den Dreharbeiten im nordöstlichen Kars einem hohen Risiko ausgesetzt gewesen, so die Regisseurin. Die Anspannung habe sich vor allem für die türkischen und kurdischen Schauspielenden fortgesetzt. Der Film sei aber in der Türkei gezeigt worden. "Dennoch bleibt ein Rest Misstrauen. In autokratischen Systemen ist Willkür strukturell angelegt und verschwindet nicht mit Applaus", sagt Polat.
Trotz des dunklen Themas vergeht der Film wie im Flug - denn er ist spannend erzählt, fast wie ein Krimi. Gleichzeitig sind die Szenen bis ins letzte Detail durchdacht. Der Zuschauer sieht nicht nur einen packenden Film, sondern erfährt etwas über Schicksale und Traumata von Menschen in den Kurdengebieten der Türkei. Schicksale, die im toten Winkel der türkischen Geschichte liegen.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
Weitere aktuelle News im Ressort "TV":
- TV-Programm heute Abend: Das sind die Primetime-Highlights im Fernsehen
- TV-News: Werner Herzogs Elefanten-Suche
- TV: Schweizer entscheiden über Rundfunkbeitrag
- Deutschland sucht den Superstar News 2026: Der DSDS-Newsticker mit den aktuellen Meldungen zur RTL-Show
- Schlager News 2026: Alle Stories rund um Schlager-Stars und Shows im Ticker
kns/roj/news.de
Erfahren Sie hier mehr über die journalistischen Standards und die Redaktion von news.de.