Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 29.12.2010, 10.11 Uhr

Hansa Czypionka: Vom Schuhputzer zum Schauspieler

Priester, Steinmetz, Schuhputzer: Hansa Czypionka hatte viele Pläne. Doch es zog ihn immer wieder auf die Bühne und vor die Kamera. News.de sprach mit dem Schauspieler über Krisen, Marmorklötze und seine Rolle in der Komödie Aber jetzt erst recht.

Hansa Czypionka spielt im ARD-Film Aber jetzt erst recht einen reichen Topmanager in auswegloser Situation. Bild: ARD Degeto/Erika Hauri

Herr Czypionka, für viele sind Sie der große Unbekannte: Ihr Gesicht ist zwar bekannt, aber nicht jeder kann mit Ihrem Namen etwas anfangen – ärgert Sie das?

Czypionka: Nein, das ärgert mich nicht. Wobei, mein Ideal war ja eigentlich immer, dass keiner mich erkennt und trotzdem alle wissen, dass es den Schauspieler Hansa Czypionka gibt und wie sein Name geschrieben wird. Ich fand es auch immer erstrebenswert, dass ich mich frei und unerkannt bewegen kann in dieser Welt. Aber so ist es leider nicht. Oft werde ich auf der Straße gefragt: Sind Sie nicht dieser Schauspieler? Aber mein Name fällt den wenigsten ein.

Vor etwa einem Jahr haben Sie mit Jutta Speidel die TV-Komödie Aber jetzt erst recht, die jetzt im TV zu sehen ist, gedreht – fällt es Ihnen schwer, sich daran zu erinnern?

Czypionka: In diesem Fall gar nicht. Denn das war so eine intensive, beschwingte Zeit und so ein schöner Dreh. Das hat mit dem Regisseur (Nikolai Müllerschön, Anmerkung der Redaktion) total viel Spaß gemacht, ich fand das Buch (Autor: Gabriela Sperl) witzig und flockig. Das ist alles noch sehr präsent. Vor allem der Nachtdreh an der Isar, als Jutta und ich in den Fluss springen mussten und beide so pudelnass durch die Gegend bibberten.

Sie spielen einen Investmentbanker, der wegen Betrugs und Geldhinterziehung angezeigt wird und vor der Polizei flüchtet. Es fällt nicht leicht als Zuschauer, diesen Menschen auf Anhieb sympathisch zu finden – was hat Sie an dem Charakter gereizt?

Czypionka: Das kann ich ja gar nicht: nicht symapthisch rüber kommen. (lacht) Aber im Ernst: Mich hat gereizt, dass es ein leichterer Stoff war. Normalerweise werde ich relativ häufig für schwereres Material rangenommen, für gebrochenere oder ein bisschen undurchsichtige und böse Charaktere. Die Rolle des Clemens Nutz in Aber jetzt erst recht ist aber eine völlig andere. Das ist einer, der von sich sagt, er habe ein paar legale Schweinereien gemacht. Aber völlig gewissenlos ist er nicht, er hat keine wirklich krummen Dinge gemacht – die wurden ihm dann angehängt.Auf seine Art ist er ein Ehrenmann mit einem gewissen Ethos. Was ich außerdem total klasse fand: dass er verschiedene Stufen durchmacht. Allein schon äußerlich reicht die Palette von schick bis schräg. Und irgendwie ist er wie ein großes Kind – verschlossen, will nichts preisgeben von sich.

In dem Film wird gleich eine ganze Begelgschaft fristlos auf die Straße gesetzt. Gab es für Sie auch Phasen in Ihrem Schauspielerleben, in denen Sie Angst vor Arbeitslosigkeit hatten? Und wie sind Sie dann damit umgegangen?

Czypionka: Ach, damit lebt man immer wieder einmal in meinem Beruf. Es gibt immer mal Strecken, wo wenig los ist, und dann ballt es sich wieder. Es ist auf eine Art ganz schön, dass man zwischendurch mal Freiräume hat - und so lange man davon leben kann, ist das ja der pure Luxus. Aber manchmal kann es schon noch ein bisschen ungemütlich werden. Solche Phasen hatte ich auch schon. Ich habe vor Jahren den Bayerischen Filmpreis bekommen für Happy Birthday, Türke!"Happy Birthday, Türke!" ist eine deutsche Krimi-Komödie aus dem Jahre 1992. Regie und Drehbuch führte Doris Dörrie. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jakob Arjouni. und danach war ein halbes bis dreiviertel Jahr gar nichts los. Das ist ein Phänomen in Deutschland: Nach Preisen ist erstmal das Licht aus.

Was könnte dahinter stecken?

Czypionka: Wahrscheinlich denken alle: Der ist beschäftigt, den kriegen wir jetzt gerade eh nicht.

Als Ihre Kollegin Sibel Kekilli im April 2010 den Deutschen Filmpreis erhielt, hatte Sie den Mut zu sagen, dass sie drehen möchte und an Rollen interessiert ist...

Cyzipionka: Das fand ich klasse und es war ja auch von Erfolg gekrönt, denn jetzt ist sie Tatort-Kommissarin.

Bei Ihnen läuft es aber auch nicht schlecht. Sowohl in Krimis als auch in anderen Filmen sieht man Sie in völlig unterschiedlichen Rollen. Woher rührt diese Wandlungsfähigkeit?

Czypionka: Keine Ahnung. Vielleicht weil ich keinen Charakter habe. (lacht) Schauspiel ist ein Balanceakt - einerseits muss man in eine fremde Haut schlüpfen und andererseits muss man sehr persönlich, sehr authentisch sein, damit es eine gewisse Wahrhaftigkeit hat. Und wenn beides vorkommt, ist das eine Kernfusion.

Wann entstand für Sie der Wunsch, Schauspieler zu werden?

Czypionka: Wohl schon als Dreijähriger, auf dem Stuhl stehend, als ich Mein Hut der hat drei Ecken singen konnte und es geschafft habe, Wörter wegzulassen und durch Gesten zu ersetzen. Das konnte ich recht früh und recht gut und hatte damit großartige Erfolge. Und ich konnte ich schnell Gedichte auswendig lernen.

Ursprünglich gab es ganz andere berufliche Pläne für Sie: Ihr Großvater wollte, dass Sie Priester werden - stimmt das?

Cyzpionka: Ja, und das war schon recht ernst, meine ganze Kindheit hindurch. Bis ich zwölf war und auf ein katholisches Internat kam. Da gab es eine Theatergruppe, die mich mehr interessiert hat und die in mir eine ganz andere Seite angesprochen hat.

Und dennoch haben Sie als Schuhputzer gearbeitet...

Czypionka: Stimmt. Ich war 16 Jahre alt und wollte neben der Schule ein wenig Geld verdienen. Damals kannte ich einen Guru, der sagte: «Es ist besser, unvollkommen nach seinem eigenen Gesetz zu leben, als vollkommen nach dem eines anderen.» Und bevor ich mich verdinge und jobben gehe, solle ich mich doch lieber selbstständig machen und zum Beispiel Schuhe putzen. «Dann kannst du gleichzeitig deinen Narzissmus läutern», meinte der Guru. Aber das mit dem Narzissmus ging vollkommen nach hinten los, weil sofort die Presse da war. Das war nämlich ungewöhnlich, dass ein Junge vor dem Bochumer Hauptbahnhof saß und Schuhe geputzt hat.

Das war sicher eine gute Lebensschule...

Czypionka: Ja, ich habe gelernt, mein eigenes Ding aufzuziehen und freundlich, ohne meine Ehre beschmutzen zu lassen, Leuten die Schuhe zu putzen. Allerdings war es anfangs schwierig, weil die Leute das Gefühl hatten, sie erniedrigen jemanden, in dem sie sich von ihm die Schuhe putzen lassen. Ich musste eine ganze Weile sitzen, bis sich die Menschen daran gewöhnt hatten.

Dann kam noch ein anderer beruflicher Exkurs...

Czypionka: Allerdings. Ich war damals am Bochumer Schauspielhaus und nach der ersten Euphorie, gab es eine Phase, in der ich die Schauspielerei auf einmal zu oberflächlich fand. Stattdessen wollte ich etwas Vernünftiges machen. Körperlich arbeiten. Also entschied ich mich für eine Steinmetztlehre, denn da kommt beides zusammen: etwas Künstlerisches mit etwas Hartem und Körperlichem. Da geht man unter die Oberfläche - im wahrsten Sinne des Wortes.

Und jetzt, Jahre später, stehen Sie gelegentlich im Hobbykeller und werkeln?

Czypionka: Noch bin ich wenig aktiv, aber ich brenne darauf. Ich habe in meinem Hof in Berlin einen dicken Marmorklotz stehen. Schon seit zwei Jahren, weshalb sich die Nachbarn lustig machen, aber das juckt mich nicht, denn Stein hat Zeit – und ich auch. Ich habe das Werkzeug, alles ist da, ich muss nur loslegen.

Und was soll entstehen?

Czypionka: Ich denke, ich werde etwas sehr Freies machen und einfach dem Stein folgen.

Hansa Czypionka ist am Mittwoch, 29. Dezember, 20.15 Uhr, in der ARD-Komödie Aber jetzt erst recht zu sehen.

Lesen Sie bitte auch die Rezension zum Film.

juz/news.de

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