Fußball-WM: "Vollskandal": Warum das aberkannte Tah-Tor so aufregt

Eine Szene beim deutschen WM-Aus lässt die Diskussion überkochen. War der Treffer von Jonathan Tah wirklich regelwidrig?

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Der Spielball und die Maskottchen zur Fußball-WM 2026. (Foto) Suche
Der Spielball und die Maskottchen zur Fußball-WM 2026. Bild: Adobe Stock / Freer

Für den Bundestrainer war die Sache klar. "Das ist nicht nur ein Skandal, das ist ein Vollskandal", sagte Julian Nagelsmann zu der Szene, die über Fußball-Deutschland hinaus noch lange nach dem WM-Aus gegen Paraguay debattiert wurde. Das aberkannte Tor zum 2:1 von Jonathan Tah in der Verlängerung rückte Referee Jalal Jayed aus Marokko und die Video-Schiedsrichterin Tatiana Guzman aus Nicaragua ins Zentrum der Diskussionen um das Scheitern der Nationalmannschaft.

"Deutschland war das gesamte Spiel über besser und hat durch einen Schiedsrichterfehler verloren. Das verdient das Team nicht", postete der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) stellvertretend für viele Fans beim Kurznachrichtendienst X. Schon das Aus bei der Heim-EM 2024 war von heftigem Wirbel um das Handspiel von Spaniens Marc Cucurella überschattet worden, das vom Schiedsrichter nicht geahndet worden war.

Was war eigentlich passiert?

Nathaniel Brown schlug in der 102. Minute einen Eckball von rechts auf den hinteren Pfosten, Tah traf per Kopf zur vermeintlichen Führung. In den Riesenjubel hinein meldete sich der VAR beim Unparteiischen, der das Tor zunächst gegeben hatte. Jalal Jayed sah sich die Aktion am Monitor an und entschied dann auf ein Foulspiel von Waldemar Anton. Der Stuttgarter hatte nach Ansicht der Referees Paraguays Keeper Orlando Gill gestoßen, als der Ball in der Luft war, und so den Torwart regelwidrig behindert.

Was sagen die Betroffenen?

"Das ist für mich eine Frechheit, dass da überhaupt eingegriffen wird. Für mich ist das ein reguläres Tor", erklärte Anton. Das DFB-Team habe in der Situation einen Torwartblock geplant, wie er zuletzt von vielen Teams als taktisches Mittel eingesetzt wurde. Die Entscheidung auf Foul verärgerte Anton daher. "Wenn wir das in der Vergangenheit sehen, wie der Torwart geblockt wird, ist das ein Riesenunterschied", sagte der Abwehrspieler von Borussia Dortmund.

Nagelsmann bezeichnete das Urteil des Schiedsrichters als "Witz" und meinte: "Das ist nicht mal ansatzweise ein Foulspiel."

Was sagt das Regelwerk über den Torwartblock?

Noch immer sind manche Fans der Ansicht, der Keeper sei im Fünfmeterraum besonders geschützt und dürfe nicht angegangen werden. Das war bis 2012 tatsächlich so. Bis dahin besagte eine DFB-Regel, dass der Schlussmann im Torraum nicht gerempelt werden darf - es sei denn, er hält den Ball. Seit der Saison 2012/13 sollen die Schiedsrichter in Deutschland Zweikämpfe im Fünfmeterraum aber genauso bewerten wie Duelle zwischen Feldspielern am Mittelkreis.

Was sagen ehemalige Schiedsrichter?

Die Ex-Referees aus Deutschland waren sich einig. "Für mich ist das zu kleinlich. Natürlich gibt es einen Kontakt mit dem Torwart. Aber ich sehe kein Wegstoßen, kein Wegdrücken, kein Festhalten", sagte Patrick Ittrich bei Magenta TV. Der VAR habe nicht eingreifen dürfen, da es sich bei der Anerkennung des Treffers um keine klare Fehlentscheidung des Schiedsrichters gehandelt habe.

So sah es auch ZDF-Fachmann Thorsten Kinhöfer. "Und der zweite Fehler ist, dass der Schiedsrichter auf gut Deutsch gesagt nicht so viel Cojones hatte, sich über diese Entscheidung hinwegzusetzen und zu sagen: Nein, das ist kein Foul, das ist für mich ein glasklares Tor."

Der DFB-Schiedsrichter-Lehrwart Lutz Wagner erklärte der ARD, warum Jalal Jayed falsch lag: "Der Torwart hat im Fünfmeterraum keine Sonderrechte, er hat am Spiel teilnehmen können. Für mich wäre Weiterspielen die richtige Entscheidung gewesen. Ein klares Vergehen sehe ich nicht."

Anders sah es ein früherer britischer Top-Schiedsrichter. "Das ist ein klares Foul für mich", sagte Mark Clattenburg dem US-Sender Fox.

Wie urteilen Fußball-Fachleute?

Der ehemalige Europameister-Torwart Peter Schmeichel konnte kein Foul von Anton erkennen. "Er ist einfach nur da. Der Torwart rennt in ihn rein. Für mich haben sie das falsch entschieden", sagte der Däne.

Härter urteilte Ex-Nationalspieler Stefan Effenberg. Paraguays Keeper habe die Berührung durch Anton dankend angenommen. "Der Schiedsrichter und die Video-Assistenten sind darauf wie Anfänger reingefallen, so deutlich muss man das sagen. Ich verstehe diese Entscheidung einfach nicht. So ein - in diesem Falle aus deutscher Sicht - fataler Fehler darf bei einer WM nicht passieren", schrieb Effenberg bei "t-online".

Jürgen Klopp, der mehr denn je als kommender Bundestrainer gehandelt wird, verwies auf das zuletzt gängige Stilmittel bei Standards. "Fakt ist, wenn dieses Tor irregulär ist, dann wird Arsenal nicht englischer Meister. Ich glaube, die haben 60 Prozent ihrer Tore so geschossen", sagte die Trainer-Ikone bei Magenta TV.

Was meint Klopp damit?

Ein Eckball ist heutzutage ein komplett durchgeplanter Spielzug. Dazu gehört auch, dass Spieler für Blocks gegen den Torwart im Fünfmeterraum zuständig sind. Der FC Arsenal hat das in der vergangenen Saison perfektioniert und eine Reihe von Siegtoren nach einer Ecke erzielt. Bei der Nationalelf gibt es in Mads Buttgereit einen Assistenztrainer, der sich nur auf solche Standards fokussiert - und auch die Variante vor Tahs Tor mit entwickelt haben dürfte.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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