19.09.2011, 07.07 Uhr

Gemeinsamer Orgasmus: Mythos oder Übungssache?

Der Orgasmus ist das wohl intensivste Gefühl von Entspannung und Wohlbefinden. Verständlich, dass man das mit dem Partner erleben will. Warum der gemeinsame Orgasmus aber selten ist und wieso dieser zeitversetzt sogar besser sein kann, verrät news.de.

Es ist völlig normal, wenn Sie und Ihr Partner nicht gleichzeitig kommen. Männer und Frauen haben unterschiedliche Rhythmen. Das hat ganz sicher nichts mit mangelnden Gefühlen, Egoismus einerseits oder Frigidität andererseits zu tun.  Bild: Istock

Im Film ist er selbstverständlich: der gemeinsame Orgasmus. Mann und Frau haben ein paar Minuten liebevollen Geschlechtsverkehr in reibungsarmer Missionarsstellung und doch kommt sie genau wie er nach kürzester Zeit - natürlich exakt zeitgleich. Das muss Liebe sein, denken sich tausende Frauen, die nicht wie von selbst kommen und seinen Orgasmus teilen können. Der gemeinsame Höhepunkt hat mit Sex in der Praxis wenig zu tun.

«Der gleichzeitige Orgasmus ist ein Mythos», sagt Sebastian Kempf, Sexualpädagoge bei Pro Familia München. «Die meisten Paare kommen nicht gleichzeitig, und das ist okay.» Denn: Wer sich und seine Partnerin zu stark unter Leistungsdruck setzt, lässt die Sexqualität darunter leiden.

Dennoch spukt die Vorstellung in vielen Köpfen herum, dass nur ein zeitgleiches Erklimmen des Plateaus höchster Erregung wertvoll und erstrebenswert sei. Solche Utopien wirken sich hinderlich auf Lust und Gehenlassen aus. Dabei ist es völlig normal, wenn Sie und Ihr Partner nicht gleichzeitig kommen. Männer und Frauen haben unterschiedliche Rhythmen. Das hat ganz sicher nichts mit mangelnden Gefühlen, Egoismus einerseits oder Frigidität andererseits zu tun.

Der Pornomythos

Vielmehr gibt es zwei gute Gründe, warum ein gemeinsamer Orgasmus selten möglich ist: Zum einen erreichen viele Frauen nur durch die Stimulation der Klitoris einen Höhepunkt und zum anderen kommen viele Männer einfach recht schnell. Beides ist aber kein Problem, wenn man es akzeptiert und sich darauf einstellt.

Die Hauptursache des zeitversetzten Höhepunkts ist die unterschiedliche Anatomie der Partner. Beim Mann löst der direkte Kontakt der Eichel mit der Wand der Vagina den Orgasmus aus. Bei der Frau ist die Stimulation beim vaginalen Sex eher indirekt: Durch die Bewegungen des Partners wird nur ein leichter Zug auf die Klitoris ausgeübt, der aber vielen Frauen nicht reicht, um so zu kommen. Stimuliert er hingegen zusätzlich auch die Klitoris mit der Hand, kommt sie genauso schnell wie er. Das haben Sexualwissenschaftler längst nachgewiesen.

Das Problem hierbei ist ein Mythos, den Sigmund Freud in die Welt gesetzt hat, und der noch immer die eine oder andere Frau verunsichert: Freud unterschied zwischen klitoralem (unreifem) und vaginalem (reifem) Orgasmus. Tatsache ist aber, dass auch beim vaginalen Orgasmus die Klitoris, die sich bei steigender Erregung nach innen zieht, stimuliert wird. Es gibt nur eben beides: Frauen, die eher eine direkte Stimulation benötigen, und andere, denen die indirekte Stimulation der Klitoris reicht. Für alle gilt: Sie müssen nicht davon ausgehen, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt, wenn Sie durch rein vaginale Penetration nicht kommen. Das ist ein Pornomythos.

Tricks für die Stimulation

Der zweite Stein auf dem Weg zum gemeinsamen Orgasmus ist möglicherweise der, dass der Mann zu früh kommt. «Sorgen Sie dafür, Ihre Erregung besser steuern zu können», so Professor Uwe Hartmann von der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin und Sexualtherapie. Leichter gesagt als getan?

Versuchen können Sie es zum Beispiel mit Gleitgel. Dadurch verringern Sie die Reibung, die auf den Penis einwirkt, und verlangsamen den Anstieg der Erregungskurve. Legen Sie zusätzlich kurze Pausen ein, die Sie mit Finger- und Zungenspielchen überbrücken, um Ihre Partnerin nicht abkühlen zu lassen. Oder fragen Sie sie nach ihren sexuellen Wünschen. So schlagen Sie zwei Fliegen mit einer Klappe - Sie erfahren, wie Sie sie schneller zum Orgasmus bringen, sind selbst abgelenkt und wieder etwas weiter von Ihrem eigenen entfernt.

Übrigens: Falsch machen können Sie nichts, denn sollte Ihre Partnerin plötzlich schneller kommen als sie, ist der gemeinsame Orgasmus trotzdem noch möglich. Ganz anders als bei Männern klingen die Erregungsreaktionen der Frauen nämlich nur sehr langsam wieder ab. Viele Frauen sind so in der Lage, durch weiter Stimulation einen zweiten Orgasmus zu erleben. Dieser tritt meist sogar durch die vorherige und noch vorhandene Erregung schneller ein als der erste. Das ist Ihre Chance spätestens dann dabei zu sein.

Und wenn nicht, war der Sex sicher auch nicht weniger schön. Eine ganze Menge Frauen berichten davon, dass sie gemeinsame Orgasmen gar nicht erstrebenswert finden, weil sie es besonders mögen, ihn beim Höhepunkt zu beobachten und bewusst wahrnehmen zu können, ohne vom eigenen Orgasmus überwältigt und ganz auf sich selbst konzentriert zu sein. Der gemeinsame Höhepunkt ist also möglich, aber gehört nicht zwingend zu gutem Sex. Alles kann, nichts muss.

brc/rzf/ham/news.de

Empfehlungen für den news.de-Leser