Ein Leben gegen das Schweigen: Italiens Grande Dame der Literatur Dacia Maraini wird 90

In ihren Büchern gibt sie Frauen eine Stimme, bricht gesellschaftliche Tabus und fordert die Macho-Kultur heraus. Ans Aufhören denkt Dacia Maraini nicht. Das nächste Buch ist schon in Arbeit.

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Die Welt der Stars im Blick: Aktuelle Promi-Nachrichten lesen Sie auf news.de (Symbolbild). Bild: picture alliance / dpa | Sebastien Nogier

Vielleicht hat sie ja doch aufs Telefon geschaut, als zuletzt wieder der Literaturnobelpreis verkündet wurde. Der Name der Schriftstellerin Dacia Maraini fällt seit Jahren, wenn über mögliche Preisträger spekuliert wird. Geklingelt hat ihr Telefon aber auch dieses Mal nicht, der Anruf blieb aus. Dabei zählt sie seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Stimmen der italienischen Literatur. Nicht umsonst wird sie oft als deren Grande Dame bezeichnet.

Gewalt gegen Frauen, Zwangsprostitution, Inzest oder lesbische Liebe: Maraini greift in ihren Büchern Themen auf, über die in Italien lange lieber geschwiegen wurde. Sie schreibt über weibliche Selbstbestimmung in einer Gesellschaft, in der Frauen allzu oft auf traditionelle Rollen festgelegt wurden - über Missbrauch und Erniedrigung, auch über den Widerstand gegen patriarchale Macht.

"Ich habe Feiern nie gemocht"

Am kommenden Freitag (13. November) wird Maraini 90 Jahre alt. Feiern will die Schriftstellerin, deren Markenzeichen der immer akkurat geschminkte blaue Lidschatten ist, aber nicht. "Ich habe Feiern nie gemocht", sagte sie der Nachrichtenagentur Ansa. Dafür ist ihr Terminkalender auch viel zu voll. "Das Leben geht weiter, ich arbeite ständig, auch sonntags. Ich tue das, was mir gefällt: Ich schreibe, ich lese. Mein Leben bestand schon immer daraus."

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Ihr Werk umfasst nicht nur Romane, sondern auch zeit- und kulturkritische Essays sowie feministische Theaterstücke. Fast alle ihre Bücher halten der Gesellschaft den Spiegel vor. Für "Kinder der Dunkelheit" (1999) über missbrauchte Frauen und Kinder etwa erhielt Maraini den renommierten italienischen Preis "Premio Strega".

Ihr Engagement kommt nicht von ungefähr. 1936 geboren in Fiesole bei Florenz als Tochter eines Ethnologen und einer Malerin und aufgewachsen in Japan, kam Maraini als junges Mädchen bei ihren aus dem verarmten Adel stammenden Großeltern auf Sizilien unter. Von progressiven Eltern erzogen erlebte sie dort, in Bagheria bei Palermo, einen Kulturschock und sah sich mit der traditionellen Männerkultur des italienischen Mezzogiorno konfrontiert.

Historischer Roman über taubstumme Herzogin

Ihre Jahre dort prägten ihr Schaffen. Bagheria widmete sie gar ein Buch: "Bagheria - Eine Kindheit auf Sizilien" (1993). Um Sizilien geht es auch in ihrem wohl bekanntesten Buch "Die stumme Herzogin" (1992). Dort beschreibt sie das Leben der taubstummen Herzogin Marianna Ucrìa im Sizilien des 18. Jahrhunderts und deren Kampf um Emanzipation und Gleichberechtigung.

Ebenso prägend war ihre Zeit in Japan. Ihre Eltern wanderten mit ihr 1939 dorthin aus. Das Jahr 1943 veränderte jedoch das Schicksal der Familie. Als Antifaschisten wurden die Eltern mit den Kindern in Lagern interniert, Hunger und Erschöpfung prägten ihr Leben dort. "Eine schreckliche Wunde, die ich mit mir herumtrage", nennt sie die Erinnerungen. Japan war Verbündeter von Nazideutschland und Benito Mussolinis faschistischem Italien.

Kampf um Frauenrechte im Mittelpunkt

Am Anfang ihrer Karriere machte sich Maraini zunächst in kleineren Kreisen einen Namen mit ihren journalistischen Beiträgen und ersten Büchern. Sie litt lange Zeit unter der von ihr kritisierten Machokultur und einer Frauenfeindlichkeit in der italienischen Gesellschaft der 1960er Jahre. Sie lebte zwei Jahrzehnte mit dem Autor Alberto Moravia zusammen, stand aber oft in dessen Schatten und wurde als seine schreibende Freundin angesehen.

1962 feierte sie mit "Tage im August" ihren ersten Erfolg. Der Roman handelt von einem 14-jährigen Mädchen, das in den Sommerferien erstmals die gierigen Blicke junger wie alter Männer erlebt und ihre ersten sexuellen Erfahrungen macht. Es folgten weitere Bücher, von denen viele ins Deutsche übersetzt wurden. Der rote Faden in fast allen Werken: Der Kampf für Frauenrechte.

Für Lebenswerk ausgezeichnet

Maraini gehört zu den weltweit meistgelesenen italienischen Schriftstellerinnen und ihre Bücher wurden in 20 Sprachen übersetzt. Anlässlich ihres 90. Geburtstages erscheinen beim Folio-Verlag die deutsche Erstveröffentlichung ihrer Erzählung "Ragazze di Palermo" (zu Deutsch: "Mädchen aus Palermo") sowie eine limitierte Sonderausgabe von "Die stumme Herzogin".

In Italien gilt sie als eine der wichtigsten Stimmen und feministische Pionierin. Neben dem "Premio Strega" (1999) wurde sie auch mit dem "Premio Campiello" (1990) für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Doch die höchste literarische Auszeichnung der Welt, der Literaturnobelpreis, blieb bislang aus.

Neues Buch schon in der Mache

"Mein Traum war immer dieser: Seiten zu schreiben, die diejenigen, die sie lesen, lieben werden. Mehr nicht. Ich habe keine anderen Ambitionen", sagte sie einmal in einem Interview angesprochen auf den Nobelpreis. Ganz so unberührt lässt sie die Aussicht auf die Auszeichnung aber wohl doch nicht. Einige Jahre später gab sie nämlich zu: "Ich hoffe, dass er kommt. Aber das Wichtigste ist, ihm nicht hinterherzujagen, sonst leidet man unter Ängsten."

So oder so, für Maraini geht es immer weiter. An einem neuen Buch schreibt sie schon wieder. "Aber darüber spreche ich jetzt noch nicht", sagte sie Ansa.

Sie meldet sich auch weiter zu gesellschaftlichen und politischen Themen zu Wort. Mehrmals im Monat erscheinen Meinungsstücke aus ihrer Feder in der Zeitung "Corriere della Sera". Und der neuen Generation - jungen Frauen und Männern - rät sie angesichts der aktuellen Weltlage dies: "Aufmerksam zu sein."

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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