Schwerin: Zensus-Fehler: Einwohnerzahlen nach oben korrigiert

Allein in drei Städten des Landes lebten 2022 rund 4.000 Menschen mehr als beim Zensus in dem Jahr amtlich ermittelt. Jetzt wird korrigiert. Doch ein großes Problem bleibt für die Betroffenen.

Erstellt von - Uhr

Täglich bestens informiert mit den aktuellen Politik-Nachrichten auf news.de (Symbolbild). (Foto) Suche
Täglich bestens informiert mit den aktuellen Politik-Nachrichten auf news.de (Symbolbild). Bild: Adobe Stock / Семен Саливанчук

Die Zählung und Hochrechnung der Einwohner Mecklenburg-Vorpommerns vor vier Jahren ist fehlerhaft gewesen. Nach dem Zensus 2022 wurde eine Zahl von 1.571.239 Einwohnern festgestellt - das waren 56.217 Personen weniger, als die Meldeämter in ihren Karteien hatten. Jetzt sind die Zahlen in 118 Städten und Gemeinden korrigiert worden: Eine Überprüfung ergab in diesen Orten 7.805 Menschen mehr als beim Zensus errechnet, wie das Statistische Amt des Landes und das Innenministerium mitteilten.

Überprüfung nach Klageflut

Viele Städte und Gemeinden waren mit den Zensus-Ergebnissen damals nicht einverstanden, weil sie stark von den Zahlen in ihren Büchern abwichen. Von den 726 Gemeinden des Landes zogen 159 gegen die amtliche Feststellung ihrer Einwohnerzahlen vor Gericht. Von den Klagen laufen laut Innenministerium 136 noch.

Infolge dieser Klageflut überprüften die Experten die erhobenen Daten von 57 Gemeinden. Das war allerdings mehr als drei Jahre nach dem Zensus schwierig, wie es vom Ministerium weiter hieß. "So wurden zum Beispiel die Erhebungsbögen der Erhebungsbeauftragten bereits vernichtet." Für die Übeprüfung seien dann andere Quellen aus der Zeit, wie Luftbilder oder Streetview-Aufnahmen, benutzt worden.

Große Korrekturen in Barth, Heringsdorf und Stralsund

Besonders groß waren die Abweichungen den Angaben zufolge in den Städten Heringsdorf, Barth und Stralsund. In Heringsdorf auf Usedom wurde die Einwohnerzahl um 1.517 Einwohner nach oben erhöht, in Barth um 702 und in Stralsund um 1.751.

Die Korrekturen sind laut Statistik-Amt in die Einwohnerzahlen per 31. Dezember 2025 eingearbeitet worden, die jetzt veröffentlicht wurden. In Heringsdorf leben nunmehr offiziell 7.274 Menschen nach 5.790 per 31. Dezember 2024, wie das Statistische Amt auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. In Barth sind es demnach jetzt 8.235 nach 7.568 per Ende 2024 und in Stralsund 55.481 nach 54.094.

Die Einwohnerzahl hat für die Kommunen finanzielle Auswirkungen, denn ihre Zuweisungen vom Land bekommen sie grundsätzlich pro Einwohner. Auf der Grundlage der offiziellen Einwohnerzahl werden auch wichtige politische Entscheidungen getroffen, wie die Planung von Kitas und Schulen. Auch die Frage, wie viele Kassenärzte sich niederlassen dürfen, hängt von der Einwohnerzahl ab.

Das Geld, das die Gemeinden aufgrund der zu niedrigen Zensus-Einwohnerzahl in den vergangenen Jahren nicht bekommen haben, erhalten sie nicht nachgezahlt. Die AfD-Landtagsfraktion hält das für nicht akzeptabel. "Wer fehlerhafte Berechnungen verantwortet, darf die finanziellen Folgen nicht einfach auf die Städte und Gemeinden abwälzen", sagte der haushaltspolitische Sprecher der AfD-Landtagsfraktion, Martin Schmidt. "Gerade in Zeiten angespannter kommunaler Haushalte fehlen diese Mittel bei Schulen, Kitas, Infrastruktur und sozialen Angeboten."

Einwohnerzahl von MV leicht gestiegen - dank Korrektur

Die Einwohnerzahl für ganz Mecklenburg-Vorpommern gab das Amt per Ende 2025 mit 1.573.685 an - ein Plus um 0,01 Prozent oder 88 Personen. Im Laufe des vergangenen Jahres wurden demnach 8.386 Kinder im Nordosten geboren und 23.908 Menschen sind gestorben. Dies entspricht einem sogenannten Sterbeüberschuss von 15.522 Personen. Nach MV zogen demnach 44.757 Menschen und 36.568 Personen zogen weg. Dies entspricht einem Wanderungsgewinn von 8.189 Menschen - 2.516 Personen weniger als im Jahr davor. Ohne die Korrektur der Zensus-Daten wäre 2025 ein Bevölkerungsrückgang ausgewiesen worden.

So wurden die Zensus-Zahlen erhoben

Wer ist schuld an den teilweise ziemlich falschen Einwohnerzahlen? Das bleibt offen. Das Innenministerium verweist auf eine bundesweit einheitliche Methodik, die auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhe. Demnach wurden in Mecklenburg-Vorpommern 73.300 Anschriften für eine Stichprobenüberprüfung ausgewählt, um zu schauen, ob es Abweichungen zu den Daten der Meldebehörden gibt. Diese Anschriften seien bis zu dreimal von sogenannten Erhebungsbeauftragten aufgesucht worden, um die Bewohner zu befragen. Wie hoch die Erfolgsquote war, wurde nicht mitgeteilt.

"Die bisherige Zensus-Methodik ist mangelhaft", so AfD-Mann Schmidt. "Wenn kommunale Melderegister deutlich höhere Einwohnerzahlen ausweisen als statistische Schätzungen, muss das Konsequenzen haben. Die amtlichen Melderegister sollten künftig Grundlage für die Verteilung von Finanzmitteln sein, nicht fehleranfällige Hochrechnungen."

Heringsdorfs Bürgermeisterin will mehr

Für Heringsdorfs Bürgermeisterin Laura Isabelle Marisken ist die jetzige Korrektur der Einwohnerzahl ihrer Gemeinde nur ein Schritt in die richtige Richtung. Nach dem Melderegister habe der besonders betroffene Ferienort 2022 rund 8.400 Einwohner gehabt und nicht knapp 6.000, wie beim Zensus ermittelt, sagte sie. Es fehlte mithin ein Drittel der Einwohnerschaft.

"Jährlich hatten wir dadurch seither einen finanziellen Schaden von etwa 1,25 Millionen Euro", sagt Marisken. Das sei für eine kleine Kommune wie Heringsdorf sehr viel Geld. Deshalb werde die Klage gegen die amtliche Zensus-Feststellung von 2022 aufrechterhalten. Die Bürgermeisterin forderte, die Zensus-Methodik zu überprüfen. Bundesweit seien Hunderte Gemeinden vor Gericht gezogen.

Dass etwas nicht stimmen konnte an der amtlichen Zahl für Heringsdorf, sei erst im März 2026 wieder deutlich geworden - bei der Bürgermeisterwahl. "Da hatten wir mehr Wahlberechtigte, als wir laut Zensus Einwohner hatten", sagte Marisken.

Weitere aktuelle Meldungen aus dem Ressort "Politik":

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

/roj/news.de

Erfahren Sie hier mehr über die journalistischen Standards und die Redaktion von news.de.