Krieg im Sudan: Sudans vergessenes Leid: Leben im Stillstand nach der Flucht

Seit drei Jahren herrscht Bürgerkrieg im Sudan. Die UN sprechen von der größten humanitären Krise der Gegenwart. Ein Besuch bei Menschen auf der Flucht vor Hunger, Gewalt und Straßen voller Leichen.

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Täglich bestens informiert mit den aktuellen Nachrichten auf news.de (Symbolbild). Bild: Adobe Stock / Tryfonov

Dicht an dicht sitzen die Frauen auf einer Strohmatte unter einem Schattendach, ihre bunten Kleider und Kopftücher ein Kontrast zu der staubtrockenen Halbwüste rund um das Lager Aboutengé im Osten des Tschad. Gerade einmal 50 Kilometer trennen sie hier vom Sudan, aus dem sie flohen, als dort im April 2023 der Bürgerkrieg begann. Die meisten von ihnen kommen aus Dörfern und Städten in der Region West-Darfur. Seitdem führen sie ein Leben im Stillstand, dem Krieg entkommen, aber nicht wirklich sicher.

Aboutengé ist vor allem ein Lager der Frauen und Kinder, sie stellen die Mehrheit der gut 47.000 Lagerbewohner. Der Tschad in Zentralafrika, selbst ein bitterarmes Land, hat rund 920.000 Flüchtlinge aus dem östlichen Nachbarland Sudan aufgenommen. Insgesamt gibt es nach UN-Angaben knapp 11,6 Millionen Vertriebene durch den seit nunmehr drei Jahren andauernden Krieg im Sudan, 4,5 Millionen Menschen haben Zuflucht im Ausland gesucht.

Die Vereinten Nationen sprechen von der größten humanitären Krise der Welt. Zugleich stehen der Krieg und seine Opfer im Schatten des Nahost-Krieges und erfahren viel weniger Aufmerksamkeit. Der Machtkampf zwischen De-facto-Staatschef Abdel-Fattah al-Burhan und seinem ehemaligen Stellvertreter Mohamed Hamdan Daglo, zwischen der Regierungsarmee SAF und Daglos Miliz RSF, spaltet das Land. Den Preis zahlt die Zivilbevölkerung.

Keine Gnade selbst für Babys

Yeman Mohamat Ramadan lässt den Blick über die Gruppe der Frauen schweifen, als sie von den Tagen der Flucht erzählt, damals, als die Kämpfer der Miliz Al-Dschunaina, die Hauptstadt von West-Darfur angriffen und dort Massaker an den Menschen der Volksgruppe der Massalit verübten.

"Sie haben die Männer und die älteren Jungen nicht gehen lassen, sondern sie geschlagen und getötet", sagt sie. Die Frauen und Mädchen, die aus der brennenden und zerstörten Stadt flohen, wurden misshandelt und ausgeraubt. "Sie sind uns mit ihren Wagen gefolgt, immer wieder", erzählt Ramadan. "Mädchen wurden vor den Augen ihrer Familie vergewaltigt. Es gab schwangere Frauen, bei denen angesichts des Stresses die Wehen einsetzten. Dann haben die Dschandschawid gewartet, bis das Baby geboren war. Wenn es ein Junge war, haben sie ihn getötet."

Ramadan und die anderen Frauen sprechen nicht von der RSF, sondern setzen die Miliz mit den Dschandschawid gleich, jenen arabischen Reitermilizen, die bereits während des Genozids vor mehr als 20 Jahren Angehörige der nicht-arabischen Volksgruppen in Darfur töteten, misshandelten, vertrieben. Sexuelle Gewalt war schon damals eine Kriegswaffe, so wie jetzt gegen die Frauen und Mädchen der Massalit, Zaghawa oder Fur.

Kinder malten nur Feuer und Gewehre

Viele Menschen in Aboutengé haben Furchtbares erlebt, sind traumatisiert. Die Kinderrechtsorganisation Plan International betreibt hier neben psychosozialer Arbeit für Betroffene sexueller Gewalt zwei Schutzorte für Kinder, in denen die jüngsten Lagerbewohner lernen können, wieder Kinder zu sein.

Wer die Räumlichkeiten heute besucht, sieht singende und tanzende Kinder, andere basteln oder malen. "Als wir hier mit der Arbeit begannen, haben sie Flammen und Gewehre gemalt", sagt Nothilfekoordinator Kefa Mayange. Manchmal erzählten sie: von brennenden Städten, von Männern, von Waffen. Dass sie gesehen haben, wie Menschen ins Feuer geworfen wurden. "Heute malen sie Blumen", sagt Mayange.

Und doch – insbesondere viele Jungen haben Augen, aus denen ein unkindlicher Ernst blickt. Anfangs sei es ständig zu Prügeleien gekommen, erzählt ein Betreuer. Die Jungen, die so viel Gewalt gesehen hatten, mussten lernen, Konfrontationen ohne Gewalt zu lösen. Auf vielen lastet der Druck, in jungen Jahren bereits der "Mann der Familie" sein zu müssen, das Wissen, dass ihre Mütter und Schwestern auf der Flucht von niemandem geschützt werden konnten.

"Wie sollen wir für unsere Familien sorgen?"

Hinzu kommt die Perspektivlosigkeit – Aboutengé hat mittlerweile zwei Grundschulen, eine dritte ist im Bau. Doch es leben rund 30.00 Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre in dem Lager. Eine höhere Schule gibt es nicht, Ausbildungsstätten ebenso wenig. Und die Agrarnomaden in der Nachbarschaft sind selbst bitterarm. Die kleine Grenzstadt Adré bietet wenige Arbeitsmöglichkeiten.

Viele Jungen überlegen bereits im Alter von 13 oder 14 Jahren, ob sie nicht den gefährlichen Weg nach Libyen und über das Meer versuchen sollen. "Ich will nach Brasilien, um meine Familie unterstützen zu können", erzählt ein Junge, auch wenn er nicht recht weiß, wo Brasilien eigentlich ist.

Das Gefühl, festzuhängen, während anderswo das Leben weitergeht, kennt Azraa Mustafa nur zu gut. Die zierliche junge Frau koordiniert die Arbeit im Schutzort. Die Arbeit mit den Kindern macht ihr Freude, doch ihre eigentlichen Zukunftsvorstellungen sehen anders aus. "Ich habe drei Jahre lang Medizin studiert, doch durch den Krieg musste ich das Studium unterbrechen." Inzwischen frage sie sich, ob ihr Weg je wieder an eine Universität und zu ihrem Traumberuf als Ärztin führt. "Wir sind die Mütter von morgen. Wie sollen wir für unsere Familien sorgen, wenn wir keinen Beruf lernen können?" fragt sie.

"Nach drei Monaten habe ich meiner Mutter gesagt, was passiert ist"

Ihrer Familie helfen – das wollte auch die 17 Jahre alte Wahiba, die ihr vier Monate altes Baby im Arm wiegt. Ihr Vater wurde im Krieg getötet, der ältere Bruder verletzt und ist nicht arbeitsfähig. Wahiba suchte sich deshalb Arbeit in Adré, formte Lehmziegel – eine Arbeit, die vor allem von Frauen gemacht wird. Doch dann kam der Tag, an dem ihr zwei maskierte Männer auflauerten, sie in ein leerstehendes Gebäude verschleppten.

Sie warfen ihr einen Sack über den Kopf, vergewaltigten sie stundenlang. Irgendwann verlor Wahiba ihr Zeitgefühl, wie sie erzählt. Am nächsten Tag setzten die Täter sie auf der Straße aus. Wahiba schwieg. Wie viele junge Frauen aus einer konservativen Gesellschaft war sie nicht aufgeklärt worden. Als ihre Periode ausblieb, wusste sie die Zeichen einer Schwangerschaft nicht zu deuten. "Nach drei Monaten habe ich meiner Mutter gesagt, was passiert ist", erzählt sie. "Sie sagte, warum bist du nicht sofort zu mir gekommen?" Es war zu spät, etwas gegen die Schwangerschaft zu unternehmen.

Wahibas Mutter steht fest an der Seite ihrer Tochter, doch sexuelle Gewalt ist im Sudan stark mit Stigma verbunden. "Mein Onkel sagte, ich gehöre nicht mehr zur Familie. Meine Cousins haben meine Kleider vor die Hütte geworfen", sagt Wahiba mit leiser Stimme. "Aber dann hat der Sheik ihnen gesagt, dass sie mir Unrecht tun und mich nicht so behandeln dürfen."

Schweigen und Stigma durchbrechen

Der Sheik, das ist Ousman Yacoub Osman, der Chef der Flüchtlingsselbstverwaltung. Doch vor allem sind es die Frauen in Aboutengé, die Stärke und Solidarität zeigen, die Mauer des Schweigens durchbrechen und deutlich machen wollen, dass es nicht die Überlebenden sexueller Gewalt sind, die sich schämen müssen.

Yeman Mohamat Ramadan etwa gehört dem Komitee "genderbasierte Gewalt" an, das unter dem Motto "Keine Gewalt" aufklärt, Übergriffe und Risiken identifiziert. Etwa, dass Frauen und Mädchen nicht alleine das Lager verlassen sollen, um Feuerholz zu suchen, sondern stets in kleinen Gruppen.

Es mangelt an fast allem

Doch nicht alle Probleme lassen sich durch Gespräche lösen. Aboutengé gilt im Vergleich zu den weiter im Hinterland gelegenen Lagern als gut ausgestattet. Dabei mangelt es nicht nur an Schulen. Die internationalen Hilfskürzungen machen sich auch hier bemerkbar. Wasser- und Lebensmittelrationen sind geschrumpft. Viele Frauen und ältere Mädchen klagen, dass es viel zu wenig Hygieneprodukte gibt. Ein Mädchen in der Grundschule erzählt mit leiser Stimme, dass es sich eine Schuluniform wünscht, wie sie die Schüler der regulären Schulen in der Stadt haben. "Ich habe doch nur ein einziges Kleid", sagt sie und streicht über den sauberen, aber abgetragenen Stoff.

Die Lehrer der Schule wissen selbst nicht, wie sie den Kindern Zuversicht vermitteln sollen angesichts eines Krieges, der nun in sein viertes Jahr geht. Jeder, der in Aboutengé lebt, hat jemanden verloren. Und die Nachrichten über die Kämpfe und Angriffe wie im vergangenen Jahr gegen die belagerte Stadt Al-Faschir und das Flüchtlingslager Samsam oder nun in Kordofan wecken schlimme Erinnerungen und Alpträume.

"Es muss Gerechtigkeit geben", sagt Gamar Khatir Yaya, einer der Lehrer. Einst arbeitete der Mann im langen weißen Gewand im Erziehungsministerium. "Der Internationale Strafgerichtshof muss ermitteln und die Täter zur Verantwortung ziehen."

Zwischen Hoffen und Bangen am Grenzübergang

Noch ganz frisch sind die Erinnerungen bei den Menschen, die auf dem Gelände des Roten Kreuzes am Grenzübergang Adré unter Bäumen auf Strohmatten sitzen, die wenigen Habseligkeiten um sich verteilt. Viele wirken erschöpft, gezeichnet von den Strapazen der Reise und den Erlebnissen.

Eine Frau, die mit ihren Kindern und ihrer Schwester aus West-Darfur gekommen ist, schwankt zwischen Hoffen und Bangen. "Ich hoffe, hier ist es besser für uns", sagt sie. "Aber meine Eltern sind noch im Sudan. Wenn wir hier einen Ort zum Bleiben finden, will ich zurück und sie zu uns holen." Sie streicht ihrem kleinen Sohn über den Kopf. "Die Kinder schreien nachts im Schlaf. Ich hoffe, hier kommen sie zur Ruhe."

"Ich habe keine Wahl. Der Krieg lässt mir keine."

Eine verhärmt aussehende Frau greift in den kleinen Plastiksack auf ihrem Schoß und zieht eine kleine Metallschüssel für Wasser oder Essen heraus. "Das ist alles, was sie uns gelassen haben", sagt sie bitter. Sie kommt aus Al-Faschir, hinter ihr liegt eine Odyssee aus Hunger, Gewaltszenen und Straßen voller Leichen. Nun hofft sie, im Tschad Hilfe für ihren Mann zu finden, der nach einer Schussverletzung seine linke Körperhälfte nur mühsam bewegen kann.

Ein alter Mann, der in den vergangenen Jahren immer wieder auf der Flucht war, zählt die Stationen auf: "Samsam, Al-Faschir, Tawila." Es sind Namen, die für einige der schlimmsten Orte des Krieges stehen. Wehmütig blickt er auf den Sendeturm wenige hundert Meter entfernt, schon auf der sudanesischen Seite. "Es gibt keinen besseren Platz, als im eigenen Land zu sein", sagt er. "Aber ich habe keine Wahl. Der Krieg lässt mir keine."

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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