Gewalt gegen Frauen: Opferumkehr statt Hilfe - wieso es doch alle Männer sind

Über Gewalt gegen Frauen haben einige Nutzer im Internet ganz viel zu sagen. Wenn Frauen Missstände und Straftaten anprangern, wird schnell mit "nicht alle Männer" argumentiert. Wieso es das Problem verklärt. Ein Kommentar.

Von news.de Redakteurin - Uhr

Wieso der Satz "nicht alle Männer" das Problem von Gewalt gegen Frauen befeuert. (Foto) Suche
Wieso der Satz "nicht alle Männer" das Problem von Gewalt gegen Frauen befeuert. Bild: Adobe Stock/ erika8213
  • Kommentar zu Gewalt gegen Frauen
  • Not all men in den Kommentarspalten verurteilt Frauen und nimmt Männer aus der Verantwortung
  • Straftaten gegen Frauen gehen hauptsächlich von Männern aus
  • Es braucht alle Männer für mehr Schutz von Frauen und Mädchen

Es muss erst ein Fall in der Öffentlichkeit hohe Wellen schlagen, damit überhaupt eine Debatte über Gewalt gegen Frauen und Mädchen geführt wird. Ein Deepfake-Video, Femizid, Kindesmissbrauch im Kinderzimmer oder ein Shitstorm reichen aus. Sogleich folgt eine Gegenreaktion in den Kommentarspalten unter Reels oder TikTok-Videos: "Not all men" (nicht alle Männer) wird zur Standardantwort. Es ist ein Reflex, der schnell aufkommt und ein Problem offenlegt, dem sich alle Männer nicht entziehen sollten.

Gewalt gegen Frauen: "Not all men" in den Kommentarspalten macht Opfer zu Schuldigen

In den letzten Tagen demonstrierten tausende Menschen bei Demos in Berlin und Hamburg. Sie wurden laut, nachdem sexualisierte Gewalt im Internet große Aufmerksamkeit bekam. Es ist kein neues Phänomen, sondern ein modernes im Rahmen einer patriarchalen Gewaltsammlung. Was die Demonstrationen zeigen: Frauen werden gemeinsam laut. Wut wird zum Schrei nach Hilfe, Schutz und Sicherheit. Opfer legen die Scham ab und sprechen offen über die Taten. Soziale Medien werden hier sozusagen zur erweiterten Bühne, um im digitalen Raum auf das Thema aufmerksam zu machen. Frauen, die sich jahrelang gegen Gewaltschutz für weiblich gelesene Personen einsetzen, teilen ihre Erfahrung, hören zu und beanstanden Missstände. Frauen geben ihre persönlich geschaffene Rückendeckung auf und offenbaren das Schmerzhafteste, was sie erlebt haben: durch männliche Gewalt hinterlassene Narben - meist unsichtbar und tief verwurzelt. Es sind Männer in den Kommentarspalten, die Wunden erneut aufreißen, indem sie Opfern nicht glauben und ihnen die Schuld geben.

Unbequeme Wahrheit: Plötzlich geht es um männliche Egos

Wenn eine Frau Straftaten gegen sich oder andere weiblich gelesene Personen offenlegt, heißt es schnell, aber es sind "nicht alle Männer". Wer das sagt, verschiebt die Perspektive vom strukturellen Problem auf die persönliche Verteidigung. Es ist ein rhetorischer Kurzschluss: Statt über Gewalt zu sprechen, sprechen wir plötzlich über verletzte männliche Egos. Schreibende fühlen sich plötzlich angegriffen, wenn - meist Frauen - Finger in die Wunden legen. In der Debatte muss es unbequem sein. Wenn Männer mit oder ohne Klarnamen in den Kommentarspalten damit nicht klarkommen, läuft etwas falsch.

Missbrauch und Deepfakes: Es sind immer Männer

Es sind deshalb "alle Männer". Richtig gehört. Schon wieder ein unbequemer Dreh. Doch es geht nicht anders, liebe angesprochene Herren. Mit "all men" und "not all men" sind Strukturen gemeint, die fest in unserer Gesellschaft verwoben sind. Wenn ein Mann schreibt, dass nicht jeder Mann gegenüber seiner Partnerin Gewalt anwendet, verklärt er die Realität und offenbart, was Statistiken zeigen: Gewalt ist männlich. Jeder Mann, der so reagiert, lenkt ab und zieht sich aus der Verantwortung. Gleichzeitig treffen diese Aussagen Opfer noch einmal. Sie können retraumatisiert und in Gefahr gebracht werden. Das nennt sich sekundäre Viktimisierung. Frauen wird wieder einmal nicht geglaubt. Ein gewohntes Bild, an dem sich Frauen schon lange sattgesehen haben.

Männer, werdet laut gegen Gewalt an Frauen und Mädchen

Dabei braucht es Männer, die sich dem Geflecht entziehen und sich solidarisch zeigen. Sie haben es leicht, profitieren von einem Konstrukt, das nachweislich Männer fördert und ihnen Schutz bietet. Sie müssen sich nicht fürchten, die E-Mail zu öffnen oder mit einem falschen Wort ins Koma geprügelt zu werden. Deshalb ist es kein Männerhass, wenn Frauen das Mindeste von ihnen erwarten: frauenfeindliche Denkmuster zu durchbrechen und sie zu unterstützen. Sie sollten sich ihrer Privilegien im Patriarchat bewusst werden. Werdet mit jeder Frau laut, die genug hat, für abartige Gewaltfantasien im Netz oder Schlafzimmer missbraucht zu werden. Fordert mit ihnen härtere Gesetze, Schutzräume, verpflichtende Lehrinhalte für angehende Richter und Anwälte imJurastudium - und vor allem: Hört ihnen zu. Werdet nicht zu "allen Männern", für die Frauenhass zum guten Umgangston gehört. Jeder Femizid, Missbrauch oder jede Handgreiflichkeit gegen die Partnerin ist eine Tat zu viel. Es wird Zeit, damit aufzuhören und Frauen das zuzugestehen, was Männern auch zusteht: ein sicheres Leben ohne Angst und Gewalt. Solange die Worte "not all men" lauter ertönen als die Stimme Betroffener, blockiert es Debatten und Lösungsansätze.

Diese News beschäftigen sich mit Frauenhass und Gewalt gegen weiblich gelesene Personen:

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