Nahost: Profitiert Netanjahu innenpolitisch vom Iran-Krieg?
Ein Großteil der israelischen Bevölkerung steht hinter den Angriffen im Iran. Verbessert das die Chancen von Israels angeschlagenem Regierungschef Netanjahu bei der anstehenden Wahl?
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Immer wieder müssen Menschen in Israel vor Raketenangriffen in Schutzräume flüchten, es gibt bereits mehrere Tote, Alltag ist nur eingeschränkt möglich - und trotzdem unterstützt eine Mehrheit jüngsten Umfragen zufolge den Krieg gegen den Iran. Ende Oktober steht in Israel regulär die Parlamentswahl an. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hoffe wegen der gemeinsamen Angriffe mit den USA auf Ziele im Iran, seine Wahlchancen zu verbessern, sagt die Politik-Dozentin an der Universität Bar Ilan bei Tel Aviv, Ilana Schpaizman. Aber geht dieser Plan auf?
Darum unterstützen viele Israelis den Krieg
Viele Israelis sehen im Raketen- und Atomprogramm des Erzfeinds Iran eine existenzielle Bedrohung für ihr Land und ihr Leben - vor allem deshalb ist die Zustimmung zum Krieg groß. Teheran beharrt indes darauf, keine Atomwaffen bauen zu wollen, sondern nur ein ziviles Nuklearprogramm zu verfolgen. Die Islamische Republik besaß vor dem Krieg laut der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA aber Uran mit einem beinahe waffentauglichen Reinheitsgrad.
Den Israelis gehe es vor allem darum, dass Islamisten niemals wieder ein Massaker wie das vom 7. Oktober 2023 verüben könnten, sagt Schpaizman. Damals waren die Hamas und andere palästinensische Terrorgruppen aus dem Gazastreifen in Israel eingefallen, hatten mehr als 1000 Menschen ermordet und rund 250 verschleppt. Im Fall Iran hätten diplomatische Bemühungen aus Sicht der Israelis nicht gefruchtet, erläutert sie.
Israel befindet sich seit zweieinhalb Jahren fast ununterbrochen im Kriegszustand, vor allem die ständigen Raketenangriffe derzeit empfinden viele als zermürbend. "Die Menschen wünschen sich, dass dies jetzt der letzte Krieg ist und der Nahe Osten danach grundlegend anders aussieht", erklärt die Politikwissenschaftlerin Gail Talschir von der Hebräischen Universität in Jerusalem. Die meisten Israelis seien jedoch nicht optimistisch, dass dies erreicht werde.
Profitiert Israels Regierung von der großen Zustimmung zum Krieg?
Israels Regierungschef hatte nach dem letzten Iran-Krieg im Juni 2025 verkündet, "einen historischen Sieg errungen", das iranische Atomprogramm sowie die Raketenindustrie zerstört zu haben - und trotzdem gibt es nun erneut einen Krieg. "Wie sich herausstellte, war keine dieser Behauptungen wahr", resümiert die linksliberale israelische Zeitung "Haaretz".
"Netanjahu erreicht seine Kriegsziele nicht", sagt Talschir. Dies gelte auch im Gazastreifen, wo noch immer die Hamas das Sagen habe. Israel hatte eine Zerschlagung der Terrororganisation und einen "absoluten Sieg" über sie versprochen. Seine Regierungskoalition profitiert der Expertin zufolge deshalb auch nicht vom Iran-Krieg.
Laut jüngsten Umfragen würden der israelische Ministerpräsident und seine Koalitionspartner nicht genügend Sitze im Parlament gewinnen, um wieder eine Regierung bilden zu können. Die Zustimmungswerte für Netanjahus Regierung waren nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober eingebrochen.
Viele Israelis misstrauen ihrer Regierung
Viele Israelis misstrauen ihrer Regierung, wie die Politikwissenschaftlerin Schpaizman festhält. "Sie trauen der Regierung nicht zu, dass sie den Krieg richtig führt." Talschir weist darauf hin, dass die Regierung bereits nach dem zwölftägigen Krieg im vergangenen Juni in Umfragen nicht besser abschnitt.
Auch andere Beobachter schätzen, dass Netanjahu nicht vom Krieg profitieren wird - vor allem dann, wenn sich kein eindeutiger Sieg Israels abzeichnen sollte. Jossi Mekelberg von der britischen Denkfabrik Chatham House konstatiert, dass es Netanjahu nicht gelinge, Israels militärische Erfolge in diplomatische Errungenschaften umzuwandeln.
Die Politikwissenschaftlerin Talschir rechnet indes auch nicht mit positiven Auswirkungen auf die Opposition. Sie unterstütze den Krieg großteils, weil sie sich ebenfalls mehr Sicherheit für Israel erhoffe. Hinzu komme: "Die Auswirkungen eines Krieges auf die Politik lassen generell schnell nach", sagt die Forscherin.
Das Anti-Netanjahu-Lager wäre laut jüngsten Umfragen auf arabische Parteien angewiesen, um auf die nötige Mehrheit von Abgeordneten im Parlament zu kommen. Viele Oppositionsparteien sind jedoch gegen ein solches Regierungsbündnis.
Experten: Netanjahu hat für den Krieg auch persönliche Motive
Netanjahu geht es Kritikern zufolge im Iran-Krieg nicht nur um Israels Sicherheit. Sein Ruf habe wegen des politischen und militärischen Versagens angesichts des Hamas-Terrorüberfalls auf Israel gelitten, erläutert Talschir. Früher sei er als jemand wahrgenommen worden, der dem Land Sicherheit bringe. "Er will den Titel "Mr. Security" wieder zurückerlangen", so die Expertin. Dafür baue er auf Kriege.
Schpaizman sieht noch ein weiteres persönliches Motiv des Ministerpräsidenten. "Er führt den Krieg auch, um sich vor seinem Prozess zu retten", erklärt sie mit Blick auf das seit sechs Jahren gegen Netanjahu laufende Korruptionsverfahren. Das könnte nach dem Krieg und erst recht nach Verlust seines Amtes wieder an Fahrt gewinnen. Laut der Expertin könnte Netanjahu zudem darauf bauen, dass Staatspräsidenten Izchak Herzog ihn angesichts seiner Errungenschaften im Iran-Krieg begnadigt. Netanjahu hatte Herzog offiziell darum gebeten.
Iran-Krieg könnte Israel schaden
Talschir geht davon aus, dass der Iran-Krieg Israel weiter international isolieren könnte. Schon zuvor war Israels Ansehen wegen des Vorgehens der Armee im Gaza-Krieg schwer angeschlagen. Dass es in Teheran aber einen Machtwechsel gibt, wie ihn sich laut Umfragen die meisten Israelis wünschen, ist alles andere als gewiss. Selbst ein klarer Sieg Israels ist keineswegs sicher.
Die israelische Öffentlichkeit stellt sich daher darauf ein, dass es nun regelmäßig alle paar Jahre Krieg mit dem Iran geben könnte, wie Schpaizman sagt - ähnlich wie mit der Hamas im Gazastreifen. "Das würde unsere Lage erheblich verschlimmern."
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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