Kultur-Schock in Leipzig: Regierung legt Nationalbibliothek-Projekt auf Eis

Ausgerechnet beim kulturellen Gedächtnis Deutschlands wird gespart. Der geplante Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig ist gestoppt, obwohl die Magazine fast voll sind und täglich tausende neue Werke hinzukommen. Ein Kommentar.

Von news.de Redakteurin - Uhr

Die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig sammelt seit mehr als 100 Jahren sämtliche Publikationen in deutscher Sprache. (Foto) Suche
Die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig sammelt seit mehr als 100 Jahren sämtliche Publikationen in deutscher Sprache. Bild: picture alliance/dpa | Sebastian Willnow
  • Bau gestoppt: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer legt den geplanten Erweiterungsbau der Nationalbibliothek wegen Haushaltsproblemen auf Eis.
  • Platzproblem wächst: Die Bibliothek sammelt jedes deutschsprachige Werk – täglich rund 13.000 neue Veröffentlichungen.
  • Streit um Digitalisierung: Weimer setzt stärker auf digitale Ablieferungen, Kritiker warnen vor Risiken für das kulturelle Erbe.

Der Staat spart und plötzlich wird ausgerechnet beim Gedächtnis der Nation der Rotstift angesetzt. Die Entscheidung von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, den geplanten Erweiterungsbau der Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig vorerst zu stoppen, wirkt wie ein kulturpolitisches Signal mit falscher Botschaft: Wenn es eng wird im Haushalt, wird zuerst am Bücherregal gespart.

Nationalbibliothek sammelt seit mehr als 100 Jahren jedes Werk

Dabei ist die Lage alles andere als luxuriös. Die Magazine der Nationalbibliothek sind nahezu voll, täglich kommen rund 13.000 neue Werke hinzu. Seit mehr als einem Jahrhundert sammelt die Institution jedes in deutscher Sprache veröffentlichte Werk – seit 1913 gesetzlich verpflichtend. Dieses Archiv ist nicht irgendeine Sammlung, sondern das kulturelle Gedächtnis eines Landes.

Der geplante fünfte Magazinturm hätte für etwa drei Jahrzehnte zusätzlichen Platz geschaffen. Die Planungen laufen seit Jahren, ein Architekturwettbewerb wurde durchgeführt, ein Büro ausgewählt, Konzepte abgestimmt. Rund sieben Millionen Euro Planungskosten sind bereits geflossen. Nun liegt das Projekt auf Eis – wegen der unsicheren Haushaltslage des Bundes.

Natürlich muss der Staat Prioritäten setzen. Doch wer Kulturpolitik ernst nimmt, sollte wissen: Archive und Bibliotheken funktionieren nicht im politischen Vierjahresrhythmus. Sie denken in Generationen.

Wolfram Weimer ist als Kulturstaatsminister äußerst umstritten. (Foto) Suche
Wolfram Weimer ist als Kulturstaatsminister äußerst umstritten. Bild: picture alliance/dpa | Fabian Sommer

Regierung setzt auf Digitalisierung statt neue Magazine

Weimers Antwort auf das Platzproblem lautet Digitalisierung. In Zukunft, so seine Vorstellung, sollen Verlage möglichst nur noch ein Exemplar abliefern – am besten ausschließlich digital. Das klingt modern und effizient. Doch es ist auch erstaunlich kurz gedacht. Denn digitale Speicherung ersetzt das gedruckte Buch nicht vollständig. Dateien müssen ständig migriert, Formate gepflegt, Systeme erneuert werden. Digitale Daten sind nicht automatisch langlebiger als Papier – im Gegenteil. Und nicht jedes Werk existiert dauerhaft stabil in digitaler Form. Vor allem aber geht es hier um mehr als Speichermedien. Es geht um die Verantwortung eines Staates gegenüber seinem kulturellen Erbe. Wer heute beschließt, dass physische Bücher künftig verzichtbar sind, verändert stillschweigend den Auftrag der Nationalbibliothek.

Dass diese Entscheidung ausgerechnet in Leipzig fällt, hat zudem symbolische Sprengkraft. Die Stadt gilt als historische Buchmetropole Deutschlands und beherbergt einen der beiden Standorte der Nationalbibliothek. Wenn dort der Platz für Bücher knapp wird, ist das mehr als ein logistisches Problem. Es ist ein kulturpolitisches Alarmsignal. Der Bund mag kurzfristig Geld sparen. Doch langfristig könnte er etwas verlieren, das sich schwer beziffern lässt: die Verlässlichkeit staatlicher Kulturpolitik. Das Gedächtnis eines Landes braucht Platz. Wer daran spart, spart an der falschen Stelle.

Weitere Meldungen rund um die Buchstadt Leipzig finden Sie hier:

/sfx/news.de

Erfahren Sie hier mehr über die journalistischen Standards und die Redaktion von news.de.