27.01.2010, 09.33 Uhr

Kurt Biedenkopf: Ein König wird 80

In Sachsen äußerst beliebt, in seiner Partei der CDU höchst umstritten. Kurt Biedenkopf ging stets konsequent seinen Weg. Am Donnerstag wird der Politiker 80 Jahre alt.

Biedenkopf wird am Donnerstag 80 Jahre alt. Bild: ddp

Der frühere sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) hat kurz vor seinem 80. Geburtstag Interna aus seiner politischen Laufbahn preisgegeben. In einem Interview mit der Zeitschrift Super Illu sagte er: «Bei der Bundestagswahl 1961 habe ich Willy Brandt gewählt.» Der SPD-Politiker habe ihn beeindruckt, sagte Biedenkopf, der am Donnerstag 80 Jahre alt wird. Außerdem sei er der Meinung gewesen, «dass Adenauer es schon zu lange machte».

Sein späterer Eintritt in die CDU sei nicht ideologisch motiviert gewesen. Vielmehr habe dies an Persönlichkeiten wie Ludwig Erhard gelegen. Es gebe aber auch in der SPD Persönlichkeiten wie Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt oder den früheren SPD-Fraktionschef in der DDR-Volkskammer, Richard Schröder, denen er sich verbunden fühle. «Überhaupt sind die Gegensätze zwischen den beiden großen Volksparteien in Wirklichkeit geringer, als sie sich selber eingestehen mögen», betonte Biedenkopf.

Was sich im Leben von Kurt Biedenkopf geändert hat

Nach seiner politischen Laufbahn hat sich auf den ersten Blick im Leben von Kurt Biedenkopf nicht viel verändert. Der Terminkalender des früheren sächsischen Ministerpräsidenten ist voll. In Dresden geht er fast jeden Tag in sein Büro. Die alte Standuhr versieht noch immer ihren Dienst, auf dem Stehpult liegen Zeitungen. Das Familienfoto ist dagegen nicht ganz aktuell, zwei neue Gesichter sind dazugekommen. Die Familie von Ingrid und Kurt Biedenkopf umfasst nun sechs Kinder und zwölf Enkel. «Eine große Familie hat viele Baustellen, das ist nicht nur ein Harmonieverein», sagt das Familienoberhaupt. Auch als Großvater bleibt er gefordert. Am 28. Januar wird er 80 Jahre alt.

Biedenkopf gehört zu jenen Menschen, die oft im Plural sprechen und damit sich und ihre Ehefrau meinen. «Wir verdanken uns gegenseitig viel. Meine Frau teilt meine Last und ich teile ihre Last», sagt Biedenkopf und erinnert sich an jene Zeiten, als die «Landesmutter» praktisch von Staats wegen an seiner Seite aktiv war. Ingrid Biedenkopf hatte damals ein Büro mit vier Mitarbeiterinnen, eine Art Kummerkasten. «Sie hat dort im Schnitt 10 Stunden am Tag gearbeitet und tausende Petitionen bearbeitet. Sie war wirklich voll im Geschirr», meint Biedenkopf. Tatsächlich agierte er mit seiner Frau als eine Art Doppelspitze im Freistaat.

Acht Jahre nach seinem Abgang im Frühjahr 2002 ist von Beschaulichkeit keine Spur. Biedenkopf arbeitet in seiner eigenen Denkfabrik. «Ich habe unglaublich interessante Dinge zu tun», sagt der CDU-Politiker und blickt voraus. «Mein 80. Geburtstag ist das Tor in das neunte Lebensjahrzehnt.» Künftig will er weniger Mandate als Jurist übernehmen und mehr wissenschaftlich arbeiten. Biedenkopf geht es um die Handlungs- und Regierungsfähigkeit der Demokratie. «Warum wächst mit dem Wohlstand einer Gesellschaft die Verschuldung des Staates? Wie sind die Mechanismen, die zu einem an sich widersinnigen Verhalten führen? Dem möchte ich auf den Grund gehen.»

Wie Biedenkopf Geburtstag feiert

Auf seine politischen Ämter blickt er nicht zurück. Das werden andere tun. Am Tag nach seinem Geburtstag hat die CDU zu einer großen Party nach Dresden eingeladen. Dann wird Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Laudatio auf ihn halten. Biedenkopf nimmt Merkel vor Kritik aus den eigenen Reihen in Schutz. So kurz vor dem Geburtstag will er sich auch nicht öffentlich in den Konflikt um die künftige Ausrichtung der Union einmischen. Auch über die einstigen Machtkämpfe in der Sachsen-CDU, die ihn am Ende das Amt kosteten, verliert er heute kaum noch Wort. Eines Tages wird man in seinen Tagebüchern darüber lesen können.

Biedenkopf will seine Niederschriften aufarbeiten und zugänglich machen. Die Aktenordner machen ein paar Regalmeter aus. «Ein deutsches Tagebuch» ist bereits erschienen. Darin beschreibt er die Zeit der Wende, des Umbruchs und der deutschen Einheit. Die Zeit danach gehörte zu Biedenkopfs besten Jahren. Zuvor hatte der einstige Hochschullehrer als Generalsekretär der CDU und Dauerrivale von Helmut Kohl Höhen und Tiefen der Politik erlebt. In Sachsen gewann er für die CDU drei Mal Wahlen mit mehr als 50 Prozent. Wie viele Prozentpunkte allein der Name Biedenkopf wert war, darüber lässt sich spekulieren. Aber der Titel «König Kurt» ist kein Zufall.

Nach dem Abschied vom «Thron» wurde es stiller um ihn, ganz still aber nie. Denn schon immer galt der Jurist und Querdenker in Konfliktfällen als Retter in der Not. Auf Wunsch von SPD-Kanzler Gerhard Schröder ging er 2004 in den Ombudsrat für Hartz IV. Später setzte er Signale als Vermittler im Tarifkonflikt der Bahn. Demnächst soll er eine Kommission zur Zukunft des Japanischen Palais in Dresden leiten. Noch heute wird er gern als Redner gebucht: «Ich habe offensichtlich die Gabe, auch komplexe Sachverhalte durchsichtig zu machen.» Zuletzt riss er bei einer Ehrung in der Semperoper die Gäste am Ende mit drei Worten zu Beifallsstürmen hin: «Gott segne Sachsen.»

mat/nak/reu/news.de/dpa/ddp

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