Kaiserslautern: Fünf Spiele für die Ewigkeit
Sportlich war Rheinland-Pfalz 2006 nur eins von acht Bundesländern mit WM-Spielorten. Emotional aber wurde Kaiserslautern mit der Partie am 12. Juni für viele zu einem Herzstück des Turniers.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Wenn in Rheinland-Pfalz von der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 die Rede ist, schwingt auch 20 Jahre später etwas mit, das sich nicht in Zahlen messen lässt. Es ist die Erinnerung an einen Sommer, in dem Kaiserslautern als kleinste Stadt des Turniers für einige Wochen die große Bühne betrat – und sich dort viel mehr abspielte als bloß fünf WM-Partien.
"Rückblickend hat sich die Investition gelohnt", sagt der damalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Die Weltmeisterschaft sei ein wichtiger Entwicklungsschritt für Kaiserslautern und das gesamte Bundesland gewesen.
Als die Welt auf den Betzenberg kam
Vor allem der Ausbau des Fritz-Walter-Stadions verlangte Mut. Die Arena wurde auf rund 46.000 Plätze erweitert - eine Größe, die vielen überdimensioniert erschien. Doch aus heutiger Sicht, sagt Beck, könne die Region diese Kapazitäten gut gebrauchen. Kaiserslautern habe damals vor einer Grundsatzentscheidung gestanden: Entweder werde das Stadion modernisiert oder die Stadt verliere ihren Status als Austragungsort.
Vor dem Schritt sprach Beck mit großen Namen des 1. FC Kaiserslautern, mit Fritz Walter, Horst Eckel und Ottmar Walter. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihm ein Besuch bei Fritz Walter im Krankenhaus. Noch heute sehe er dessen Freude vor sich, erzählt Beck. Freude darüber, dass auf dem Betzenberg eine WM ausgetragen werden würde.
Das Turnier veränderte die Stadt weit über den Sport hinaus. Straßen wurden ausgebaut, Verkehrsachsen verbessert, der Hauptbahnhof wurde modernisiert und der Vorplatz neu gestaltet. Der Lückenschluss der A63 zwischen Mainz und Kaiserslautern wurde ebenso vorangetrieben wie weitere Infrastrukturprojekte.
Der Sommer, der blieb
Auch die Anbindung an das ICE-Netz gehört zu den bleibenden Folgen jener Jahre. Beck erinnert sich dabei schmunzelnd an die Einfahrt des ersten ICE aus Paris. Gemeinsam mit Fritz Walter wollte er den Zug betreten - doch die automatischen Türen öffneten sich nicht.
Es sind auch solche kleinen Geschichten, die geblieben sind. Ebenso wie die Erinnerung an eine Stadt mit rund 100.000 Einwohnern, die sich plötzlich international anfühlte. Das spanische Königspaar kam zum Spiel auf den Betzenberg. Fans aus aller Welt bevölkerten die Straßen.
Besonders die Australier hinterließen einen bleibenden Eindruck. Auch der Schriftsteller Christian Baron erinnert sich an die außergewöhnliche Atmosphäre. Nach Australiens 3:1 gegen Japan am 12. Juni verwandelte sich die Stadt in ein Meer aus kanariengelben Trikots.
Kanariengelbe Wochen
Der Pfälzer Baron ("Ein Mann seiner Klasse") erzählt von einer Begegnung mit australischen Fans, die zunächst Fremde waren und später auf seiner Couch übernachteten. Am nächsten Morgen habe einer der Gäste seinen Arbeitgeber angerufen und ihn überzeugt, den Zivildienstleistenden freizustellen. Die Betreuung australischer Fußballfans sei schließlich "Dienst an der Gemeinschaft im besten Sinn".
Auch solche Anekdoten gehören bis heute zum kollektiven Gedächtnis. "Kaiserslautern is the best place in Germany", hätten die Australier gesagt, erinnert sich Baron in seinem Ende Juli erscheinenden Buch "1. FC Kaiserslautern. Eine Liebeserklärung".
Fünf WM-Spiele fanden 2006 auf dem Betzenberg statt. Sportlich war Kaiserslautern damit zwar nur eine von zwölf WM-Städten. Emotional aber wurde der Betzenberg für viele zu einem der prägenden Orte des Turniers.
Was die Politik am Turnier schätzt
Zum 20. Jahrestag erinnern sich auch Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) und SPD-Vize-Ministerpräsidentin Sabine Bätzing-Lichtenthäler an die besondere Stimmung. Schnieder betont, die WM 2006 stehe für ein starkes Gemeinschaftsgefühl und zeige, wie Sport Menschen zusammenbringen könne. Viele hätten gemeinsam mitgefiebert und ein positives Miteinander erlebt. Die tolle Stimmung und der Zusammenhalt seien ihm in Erinnerung geblieben.
Für Bätzing-Lichtenthäler ist die damalige Begeisterung in Berlin ebenso wie im Westerwald noch nahe. Das Turnier habe Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammengeführt und eine freundliche Atmosphäre geschaffen. Sie wünsche sich, dass ein solches Miteinander heute wieder häufiger gelinge. Die damalige WM könne dafür auch 20 Jahre später noch Vorbild sein.
Das Echo des Sommermärchens
Der frühere Bundesliga-Stürmer Benjamin Auer blickt ohne Bitterkeit zurück. Der damalige Mainzer galt wegen guter Leistungen durchaus als WM-Kandidat. Eine Nominierung blieb ihm aber verwehrt. Das ändere nichts an seiner Erinnerung an das "Sommermärchen", sagt der Pfälzer. Die besondere Stimmung sei bis heute präsent.
Vielleicht liegt darin das Vermächtnis. Die neuen Verkehrswege und das größere Stadion sind geblieben. Doch wenn die Menschen über die WM 2006 sprechen, erzählen sie meist nicht von Bauprojekten. Sie schildern Begegnungen. Mit Fremden, die Freunde wurden. Von lauen Sommernächten. Von einem Betzenberg, der die Welt zu Gast hatte. Und von dem Gefühl, dass für einige Wochen alles irgendwie größer war.
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