Kaiserslautern: Fünf Spiele für die Ewigkeit
Sportlich war Rheinland-Pfalz 2006 nur eins von acht Bundesländern mit WM-Spielorten. Emotional aber wurde Kaiserslautern für viele zu einem der Herzstücke des Turniers.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Wenn in Rheinland-Pfalz von der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 die Rede ist, schwingt auch 20 Jahre später etwas mit, das sich nicht in Zahlen messen lässt. Es ist die Erinnerung an einen Sommer, in dem Kaiserslautern als kleinste Stadt des Turniers für einige Wochen die große Bühne betrat – und sich dort viel mehr abspielte als bloß fünf WM-Partien.
"Rückblickend hat sich die Investition gelohnt", sagt der damalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck heute im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Die Weltmeisterschaft sei ein wichtiger Entwicklungsschritt für Kaiserslautern und das gesamte Bundesland gewesen. Die Freude über den Zuschlag habe damals überwogen, auch wenn allen Beteiligten bewusst gewesen sei, welche Herausforderung mit dem Turnier verbunden war.
Als die Welt auf den Betzenberg kam
Vor allem der Ausbau des Fritz-Walter-Stadions auf dem Betzenberg verlangte Mut. Die traditionsreiche Arena wurde auf rund 46.000 Plätze erweitert - eine Größe, die vielen überdimensioniert erschien. Doch aus heutiger Sicht, sagt Beck, könne die Region diese Kapazitäten gut gebrauchen. Kaiserslautern habe damals vor einer Grundsatzentscheidung gestanden: Entweder werde das Stadion modernisiert oder die Stadt verliere ihren Status als Austragungsort.
Vor dem Schritt sprach Beck mit großen Namen des 1. FC Kaiserslautern, mit Fritz Walter, Horst Eckel und Ottmar Walter. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihm ein Besuch bei Fritz Walter im Krankenhaus. Noch heute sehe er dessen Freude vor sich, erzählt Beck. Freude darüber, dass auf dem Betzenberg, in seinem Stadion, eine Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen werden würde.
Das Turnier veränderte die pfälzische Stadt weit über den Sport hinaus. Straßen wurden ausgebaut, Verkehrsachsen verbessert, der Hauptbahnhof wurde modernisiert und der Bahnhofsvorplatz neu gestaltet. Der Lückenschluss der A63 zwischen Mainz und Kaiserslautern wurde ebenso vorangetrieben wie weitere Infrastrukturprojekte in der Region.
Der Sommer, der blieb
Auch die Anbindung an das ICE-Netz gehört zu den bleibenden Folgen jener Jahre. Beck erinnert sich dabei schmunzelnd an die Einfahrt des ersten ICE aus Paris. Gemeinsam mit FCK-Legende Fritz Walter wollte er den Zug betreten - doch die automatischen Türen öffneten sich nicht.
Es sind auch solche kleinen Geschichten, die geblieben sind. Ebenso wie die Erinnerung an eine Stadt mit rund 100.000 Einwohnern, die sich plötzlich international anfühlte. Das spanische Königspaar kam zum Spiel auf den Betzenberg. Fans aus aller Welt bevölkerten die Straßen. Wer durch die Stadt lief, hörte Sprachen, die sonst selten in der Pfalz erklangen.
Besonders die Australier hinterließen einen bleibenden Eindruck. Der Schriftsteller Christian Baron, damals Zivildienstleistender in Kaiserslautern, erinnert sich in seinem neuen Buch an die außergewöhnliche Atmosphäre jener Wochen. Nach Australiens 3:1 gegen Japan am 12. Juni verwandelte sich die Stadt in ein Meer aus kanariengelben Trikots. Zwischen Hauptbahnhof, Fanmeile und Altstadt wurde gefeiert - oft bis zum Morgengrauen.
Kanariengelbe Wochen
Der Pfälzer Baron ("Ein Mann seiner Klasse") erzählt von einer Begegnung mit australischen Fans, die zunächst Fremde waren und wenige Stunden später auf seiner Couch übernachteten. Am nächsten Morgen habe einer der Gäste seinen Arbeitgeber angerufen und ihn überzeugt, den Zivildienstleistenden freizustellen. Die Betreuung australischer Fußballfans, habe der Mann erklärt, sei schließlich "Dienst an der Gemeinschaft im besten Sinn".
Auch solche Anekdoten gehören bis heute zum kollektiven Gedächtnis der Stadt. "Kaiserslautern is the best place in Germany", hätten die Australier immer wieder gesagt, erinnert sich Baron in seinem Ende Juli erscheinenden Buch "1. FC Kaiserslautern. Eine Liebeserklärung". Zwei Wochen lang schien diese gewagte Feststellung überall in der Stadt zu schweben.
Fünf WM-Spiele fanden 2006 auf dem Betzenberg statt. Sportlich war Kaiserslautern damit zwar nur eine von zwölf WM-Städten. Emotional aber wurde der Betzenberg für viele zu einem der prägenden Orte des Turniers.
Das Echo des Sommermärchens
Der frühere Bundesliga-Stürmer Benjamin Auer blickt ohne Bitterkeit auf jene Wochen zurück. Der damalige Mainzer galt wegen guter Leistungen durchaus als WM-Kandidat. Eine Nominierung blieb ihm aber verwehrt. Das ändere nichts an seiner Erinnerung an das "Sommermärchen", sagt der Pfälzer. Die besondere Stimmung sei bis heute präsent.
Vielleicht liegt darin das Vermächtnis. Natürlich sind die neuen Verkehrswege und das vergrößerte Stadion geblieben. Doch wenn die Menschen in Rheinland-Pfalz über die WM 2006 sprechen, erzählen sie meist nicht zuerst von Bauprojekten oder Investitionssummen.
Sie schildern Begegnungen. Mit Fremden, die Freunde wurden. Von lauen Sommernächten. Von einem Betzenberg, der die Welt zu Gast hatte. Und von dem Gefühl, dass für einige Wochen alles irgendwie größer war als sonst.
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