17.12.2020, 08.03 Uhr

Schwere Hirnschäden nach Grippe: "Gute Medizin nicht immer Lebensverlängerung!" Muss Pippa (5) sterben?

Ärzte in Großbritannien sehen für die kleine Pippa keine Hoffnung mehr - und wollen die lebensrettenden Maßnahmen einstellen. Weil sie sich damit gegen den Willen der Mutter stellen, sind viele Menschen empört. Zu Unrecht, sagt ein deutscher Medizinethiker.

Muss Pippa Knight sterben? Bild: dpa

Britische Ärzte sehen für die kleine Pippa keine Hoffnung mehr. Sie wollen die Behandlung abbrechen. Doch die Mutter der Fünfjährigen kämpft vor Gericht nun um das Leben ihrer Tochter. "Wenn Kinder sterben, aus welchem Grund auch immer, ist das immer besonders tragisch", sagte der Leiter des Instituts für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Bochum, Jochen Vollmann. Aber er könne auch die Ärzte verstehen: "Diese Tragik des Lebens mindern wir nicht dadurch, dass wir Medizintechnik zu lange einsetzen."

Schwere Hirnschäden! Ärzte wollen Behandlung von Pippa Knight abbrechen

Psychologisch könne dies kurzfristig zwar für die Angehörigen von Nutzen sein, aber letztlich schade es den Patienten. "Wir können diese Trauer, wir können diese Tragik in der Welt nicht vermeiden, indem wir ohne klares therapeutisches Ziel Medizintechnik einsetzen", sagte Vollmann. "Das nachvollziehbare allgemeine Bedauern hilft nicht weiter. Das gehört zum Unbill der Welt. Und das werden wir auch in absehbarer Zeit nicht verändern können."

Leben oder sterben lassen? Gericht soll über Schicksal von Pippa Knight entscheiden

Ein Londoner Gericht soll darüber entscheiden, ob die fünfjährige Pippa Knight, die seit fast zwei Jahren an einer schweren Gehirnerkrankung leidet, weiter beatmet werden soll. Die Ärzte sehen keine Hoffnung mehr und wollen die lebenserhaltenden Maßnahmen einstellen, die Mutter fordert eine Langzeitbeatmung. Derzeit läuft - vermutlich bis diesen Freitag - eine Anhörung. Der Fall erinnert an den des kleinen Alfie, der 2018 im Alter von nur 23 Monaten starb.

Pippas Mutter kämpft um das Leben ihrer Tochter. Bild: dpa

Debatte über Sterbehilfe: "Es gehöre nicht zur ärztlichen Ethik, Leben um jeden Preis zu verlängern"

Vollmann betonte, es gehöre nicht zur ärztlichen Ethik, Leben um jeden Preis zu verlängern. "Gute Medizin ist nicht immer gleichzusetzen mit Lebensverlängerung." Die allgemeine Sichtweise, dass Ärzte Leben retten, helfe in Konfliktfällen wie bei Pippa nicht weiter. "Wenn der Arzt unter allen Umständen zur Lebensverlängerung verpflichtet wäre, dürften intensivmedizinische Behandlungen niemals abgebrochen werden, auch wenn sie dem Patienten nicht mehr helfen können. Das wäre dann eine zu Recht kritisierte 'Apparatemedizin', in der technische Möglichkeiten und nicht das individuelle Wohl des Patienten die Behandlung bestimmen würden."

Unterschiede zwischen Deutschland und Großbritannien in der Beurteilung solcher Fälle wie dem von Pippa gebe es nur angesichts der Rahmenbedingungen, sagte Vollmann. In Deutschland gebe es ein deutlich besser ausgerüstetes Gesundheitssystem mit besseren Beratungs- und Betreuungsmöglichkeiten. Außerdem sei die britische Gesellschaft "ein Stück konflikt- und konfrontationsfreudiger". Dort würde gegenüber den Eltern deutlicher vertreten, dass Lebenserhaltung um jeden Preis "nicht dem Verständnis guter Medizin entspricht", sagte der Medizinethiker.

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bua/sba/news.de/dpa

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