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Von Sibylle Peine - 07.04.2013, 10.53 Uhr

1001 Nacht?: Im Orient herrscht Sex-Notstand!

Der Koran und Telefonsex, der Schleier und Vibratoren, geht das zusammen? Die Wissenschaftlerin Shereen El Feki wagt einen Blick in die Schlafzimmer des Orients. Ihr Fazit ist ernüchternd: Nach Jahrhunderten voller Freizügigkeit herrsche heute sexueller Notstand.

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Sexuellen Notstand herrscht in vielen Teilen der arabischen Welt. Religion und Gesellschaft üben einen so starken Druck auf den Einzelnen aus, dass das Thema Sex vor allem von Angst, Unwissenheit und Scham besetzt ist. Das ist jedenfalls das düstere Bild, das Shereen El Feki in ihrem Buch Sex und die Zitadelle zeichnet.

Da es zu wenige verlässliche Daten gab, hat sich die Wissenschaftlerin selbst auf den Weg gemacht, um das heikle Terrain zu erforschen. Sie sprach mit Wissenschaftlern, Journalisten, Ärzten und Beamten, vor allem aber auch mit ganz normalen Männern und Frauen.

In einer fast schon witzigen Szene gleich zu Beginn des Buchs macht sie bei einem morgendlichen Kaffeeklatsch mehrere Freundinnen mit einem Vibrator vertraut, den sie als Kinderspielzeug getarnt durch den ägyptischen Zoll schmuggelte. Wichtiger aber sind die Ehegeschichten, die sie in großer Offenherzigkeit in diesem Kreis zu hören bekommt. Es sind Geschichten von Ehemännern, die heimlichen Telefonsex mit der besten Freundin haben, die ihre Frau per SMS verstoßen oder sich eine quasioffizielle Zweitfrau zulegen.

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Besonders absurd ist die Erzählung von einer Braut, die in der Hochzeitsnacht «einen Hauch von Eigeninitiative zeigte». Ihr Mann war darüber so entsetzt, dass er sie aus dem Bett zerrte und auf den Koran schwören ließ. Die «Zitadelle» Ehe ist nach wie vor in arabischen Ländern der einzige abgeschottete Bereich, in dem Sex überhaupt legitim ist. Alles, was sich außerhalb davon abspielt, gilt als Unzucht. Die Folge ist eine Kultur der Heimlichkeit und Heuchelei.

Sex vor der Ehe, Homosexualität, Prostitution, Pornokonsum im Internet - all das gibt es natürlich, findet aber klammheimlich im Verborgenen statt, oft gepaart mit tief sitzenden Gefühlen der Angst und Schuld. Das war beileibe nicht immer so. In einem spannenden Kapitel macht uns die Autorin mit vergangenen freizügigen Zeiten bekannt. In der Enzyklopädie der Lust, die im 10. Jahrhundert in Bagdad erschien, wurden «abgesehen von Cybersex und Pornovideos» alle erdenklichen sexuellen Praktiken behandelt. Nicht zufällig erschien dieses Buch, das einen Geist der Toleranz und Liberalität ausstrahlt, in der Hochblüte arabischer Kultur.

Zwischen Demokratie und Sexualität besteht nach Ansicht der Autorin ein unmittelbarer Zusammenhang. Denn die freie Entfaltung der Sexualität ist ein Menschenrecht, ohne die keine Demokratie denkbar ist, die ihren Namen verdient. Hat die arabische Revolution hier Fortschritte gebracht? Man könnte es bezweifeln, wenn man etwa an die verstörenden Bilder belästigter Demonstrantinnen in Ägypten denkt. Es wird einen Wandel geben, meint Shereen El Feki. Doch der wird lange dauern.

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jag/news.de/dpa

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