Von news.de-Redakteur Jan Grundmann - 15.09.2011, 16.09 Uhr

Inzest-Opfer: Vater unser, der du bist die Hölle

Innerhalb weniger Wochen schockierten mehrere Inzestfälle. An die Öffentlichkeit gelangten sie meist nur durch Zufall. Doch gerade das Internet gibt den Opfern neue Optionen, um das Schweigen zu beenden. Betroffene berichten über Scham, Schuld und Wut. 

Mehrere fälle von Inzest schockieren derzeit die Öffentlichkeit. Bild: dpa

«Es ist so schräg, ich lebe nun mit zwei Kindheiten», schreibt eine Frau, die über ihren erlebten Inzest in einem Betroffenenforum auspackt. «In der einen Kindheit war alles gut, wir machten Ferien und mein Vater war der Lustige, den alle mochten und der alles für seine Töchter getan hätte. Und da ist noch die zweite Kindheit, in der ich alleine bin, Angst habe, Schmerzen erleiden musste, er sich zu einem Monster verwandelte und eben einfach zu viel für seine Töchter getan hatte.»

Die Betroffene mit dem Pseudonym «tash» ist nach eigener Aussage zwischen dem fünften und zwölften Lebensjahr von ihrem leiblichen Vater «misshandelt und sexuell ausgebeutet worden». Sie habe es verdrängt, durch Drogen. Sie aß wenig, ihrem Körper fehlte oft die Kraft. In der Therapie schwieg sie, ihre Stimme versagte, obwohl sie wusste, das die Öffentlichkeit erfahren müsse, dass ihr Vater nicht der nette, anerkannte Zeitgenosse war, wie er gern vorgab.

FOTOS: Inzest Eine schrecklich perverse Familie

Sie verdrängte das, was der Vater ihr angetan hatte. Damals, zwischen dem fünften und zwölften Lebensjahr, habe sie gelernt, sich von ihrem Körper zu trennen, geistig, in diesen Situationen, in denen ihr Vater nicht mehr ihr Vater war. «Wie konnte er mein Vater sein, denn mein Vater war ja der Lustige, den alle mochten.» Doch in den Situationen «erdrückte er meine Seele und ließ sie sterben».

Kinder schweigen, um den Familienzusammenhalt herzustellen

Zehn Prozent aller Missbrauchsfälle sind Vater-Tochter-Inzestbeziehungen, erklärt der Dresdner Psychiatrie-Facharzt Peter Joraschky. Doch die wenigsten gelangen ans Licht der Öffentlichkeit. «Die Familie als Zone des Schutzes und des Vertrauens ist in ihrer Halt gebenden Funktion zerstört», so Joraschky. «Das Kind versucht in der Regel, den Zusammenhalt um jeden Preis herzustellen, eine Aufgabe, die entwicklungsbehindernd ist und bis zur Selbstaufopferung gehen kann.»

Opfer und Mitwisser würden Schuldgefühle, Scham, Zorn und Misstrauen empfinden. «Die Familie als Ganzes zeigt eine Tabuisierungsneigung und übt einen immer stärker werdenden Druck auf die Familienmitglieder aus, ‹das Geheimnis› für sich zu behalten», so Joraschky. Häufige seelische wie körperliche Erkrankungen seien die Folge.

Inzest-Fälle in Mittelfranken und Braunau: durch Zufall aufgeflogen

Franken: Die Fälle kommen deshalb meist nur durch Zufall ans Tageslicht. Auch der jüngste Inzest-Horror beim «Fritzl von Franken»: Fast 500 Mal soll der 69-jährige Adolf B. seine Tochter Renate vergewaltigt und drei Kinder mit ihr gezeugt haben. Bekannt wurde es erst, nachdem Tochter Renate wegen des Todes ihres jüngsten Sohnes die Ehefrau eines Mediziners mit dem Messer bedrohte. Dafür wurde sie zu einer Bewährungsstrafe verurteilt - und vertraute sich ihrer Bewährungshelferin schließlich an. In den Vernehmungen bestreitet der Vater nicht, Sex mit der eigenen Tochter gehabt zu haben - doch sei der einvernehmlich gewesen.

Österreich: Erst im August wurde ein Inzest-Fall im österreichischen Braunau aufgedeckt - durch eine Sozialarbeiterin. Ein Vater soll seine beiden Töchter mehr als 40 Jahre missbraucht und eingesperrt haben. Erst, nachdem eine der Töchter sich gegen einen Missbrauchsversuch ihres Vater zur Wehr setzte, ihn verletzte und liegen ließ, wurde eine Sozialarbeiterin aufmerksam und machte die möglichen Taten publik. Doch dann nahm der Fall eine überraschende Wende: Seine heute 53 und 45 Jahre alten Töchter haben ihren 80 Jahre alten Vater entlastet und sexuelle Übergriffe nun bestritten. Er ist wieder auf freiem Fuß.

Schwaben: Jetzt ist ein weiterer Inzestfall ans Licht gekommen: Ein 46-Jähriger in Schwaben muss sich vor Gericht verantworten. Er soll mit seinen Töchtern jahrelang Sex gehabt haben. Eine der jungen Frauen brachte zwei Kinder ihres Vaters zur Welt. Eine Tochter war zu Beginn der angeklagten Taten 16 Jahre alt, ihre ältere Schwester bereits volljährig. Aus Angst vor dem Vater gingen beide nicht zur Polizei. Noch ist nicht bekannt, wie der Fall an die Öffentlichkeit gelangte. In unserer Fotostrecke erfahren Sie mehr über die aktuellen Inzestfälle.

Betroffene: «Ich empfinde nichts beim Sex»

Wer Opfer eines sexuellen Missbrauchs in der eigenen Familie wird, leidet daran lange - vielleicht ein ganzes Leben. «Wenn mir einer vor 1999 gesagt hätte, dass ich als Kind sexuell missbraucht worden bin, dann hätte ich ihm einen Vogel gezeigt», schreibt der Betreiber eines Betroffenen-Forums. «Nichts in meinem scheinbar gut situierten Leben hätte auf sowas hingedeutet. Nun, ich hatte es nicht wirklich ‹vergessen›, sondern verdrängt.»

Und «Sorgenpüppchen» ergänzt: «Ich weiß, dass ich gar keine Sexualität habe. Ich habe jahrzehntelang getan, was ich als Kind lernen sollte und auch gelernt habe: Sex ist meine Pflicht.» Auch durch die Therapie sei sie zur Erkenntnis gelangt, dass sie beim Sex nichts empfinde - «ich mach es halt», schreibt sie. «Aber in mir fängt es an zu rebellieren. Ich will nicht mehr.»

Wichtig, da sind sich viele Betroffene einig, sei das Brechen des Schweigens. «Christa», die Gründerin eines Betroffenenforums, beschreibt es so: «Überall auf der Welt wird darüber geschwiegen. Tagtäglich. Nur langsam wird das Tabu gebrochen. Ich muss es brechen, das bin ich dem Kind, das in mir lebt schuldig, denn es musste so lange schweigen.» 

beu/news.de/dpa

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